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Vom halben Porsche zur Zukunft der Mobilität

Das Smart Mobility Lab bei Hoyerswerda soll den Strukturwandel vorantreiben und zeigen, ob aus Zukunftstechnologie auch wirtschaftlicher Erfolg wird.

Lesedauer: 4 Minuten

Blick auf den Fahrsimulator der TUD, eine große weiße Kuppel.
Wie ein Objekt aus einem Science-Fiction-Film: Der Fahrsimulator der TU Dresden soll zeigen, wie die Mobilität der Zukunft aussehen kann. Foto: Ronald Bonss

Von Jana Mundus

Dresden. Der Porsche ist halbiert. Wo sonst ein kompletter Sportwagen steht, bleiben nur Fahrer- und Beifahrersitz, Lenkrad und Bedienelemente. Sie sind eingebaut in eine futuristische Kuppel. Dort, wo die Rückbank wäre, stapelt sich Computertechnik. Wer drinnen sitzt, sieht um sich herum die Umgebung: Straßen, Häuser, Bäume, Büsche. Nur sind die nicht echt. Eine Leinwand zieht sich durch den Kugelbau und zeigt künstliche Welten. Unter allem ist eine fahrbare Plattform montiert, die sich auf vier massiven Rädern mal schnell, mal langsamer in alle Richtungen bewegt. Diese Konstruktion überlistet die menschliche Wahrnehmung. Was sich drinnen im Porsche anfühlt wie Abbiegen und Beschleunigen, sind draußen nur eine Drehbewegung und wenige Meter Fahrt. Sogar kippbar ist das Gerät, das an ein Fahrzeug erinnert, das auch auf dem Mars unterwegs sein könnte.
Der neue Fahrsimulator der TU Dresden (TUD) wirkt wie ein Objekt aus einem Science-Fiction-Film. Tatsächlich geht es hier um eine zentrale Frage auf der Erde: Wie wird sich das Autofahren verändern? Denn auch wenn Fahrzeuge zunehmend automatisiert fahren, bleibt der Mensch ein entscheidender Faktor. Wie reagiert er in kritischen Situationen? Wann greift er ein oder verlässt sich auf die Technik? Noch ist der Fahrsimulator auf einem Testgelände in Freital unterwegs. Bald zieht er um.

Ein Labor für alles
Künftig wird er Teil eines größeren Projekts: des Smart Mobility Lab (SML) in der Lausitz. In Schwarzkollm bei Hoyerswerda baut die TU Dresden eine Forschungsinfrastruktur, die weit über klassische Labore hinausgeht. Herzstück ist eine 100 mal 100 Meter große Versuchshalle. Sie ist innen 30 Meter hoch, säulenfrei und flexibel nutzbar. Ab 2027 sollen hier Fahrzeuge, Drohnen und Roboter für die Landwirtschaft getestet werden. „Wir können die verschiedensten Verkehrssituationen gezielt aufbauen und reproduzierbar prüfen“, sagt Günther Prokop, Professor für Kraftfahrzeugtechnik an der TUD. Neue Mobilitätssysteme müssen nicht nur funktionieren, sondern ihre Sicherheit beweisen. Genau daran scheitert die Einführung oft.
Der Weg in die Anwendung ist lang. „Eine Zulassung ist aufwendig und kann den Markteintritt bremsen“, erklärt Hartmut Fricke, Professor für Technologie und Logistik des Luftverkehrs an der TUD. In Europa gelten strenge Anforderungen. Systeme müssen sich in zahlreichen Situationen bewähren, von alltäglichen Abläufen bis zu seltenen, kritischen Ereignissen. Gerade in der Luft zeigt sich die Kluft zwischen technischer Möglichkeit und Realität. Drohnen können Pakete transportieren, Infrastruktur inspizieren oder autonom fliegen. Doch beim Zugang in die Praxis stoßen sie an Grenzen: Genehmigungen dauern, Testflüge sind aufwendig, viele Szenarien bleiben unerprobt. „Wir müssen fliegen, fliegen, fliegen, dürfen aber oft gar nicht“, ergänzt er.
Hier setzt das SML an. In der Halle lassen sich Fluggeräte unter Bedingungen testen, die draußen kaum herzustellen sind, mit verschiedenen Hindernissen oder in simulierten Windfeldern. Was draußen Wochen dauert, gelingt hier in Stunden – wiederholbar und auswertbar. Ziel ist es, vom Einzelfall zur Serie zu kommen. Erst dann wird aus der Idee ein Geschäftsmodell und aus dem Experiment ein Markt.
Reales und Virtuelles vereinen
Für automatisierte Fahrzeuge gilt Ähnliches: Sie müssen sich am Menschen messen. „Er ist unser Maßstab“, sagt Axel Gerhard, Mitarbeiter an der Professur für Kraftfahrzeugtechnik. Aus Verkehrsdaten und Unfallanalysen leiten die Forschenden typische Szenarien ab, die sie in Simulationen und realen Tests nachstellen. „Wenn am Ende feststeht, dass die Fahrfunktion weniger Unfälle verursacht als der Mensch, haben wir ihren Nutzen bewiesen.“
Im SML sollen reale und virtuelle Welten verschmelzen. Testfahrzeuge fahren durch die Halle, während Fahrer oder Systeme eine virtuelle Umgebung wahrnehmen. Häuser, Fußgänger und Verkehrssituationen erscheinen digital. „So können wir komplexe Szenarien prüfen, ohne alles physisch nachzubauen“, erläutert Gerhard. Das ist nötig, denn die Zahl möglicher Verkehrssituationen ist enorm. Jede Kombination im Versuch kann entscheidend sein.

Hoffnungsträger für die Lausitz
Das Smart Mobility Lab ist kein reines Forschungsprojekt, es ist auch ein politisch gewolltes Großvorhaben. Der Bund und der Freistaat Sachsen finanzieren es vor allem mit Geldern aus dem Strukturwandel in den Braunkohleregionen, also jenem milliardenschweren Fördertopf, der den Kohleausstieg abfedern soll. Das Investitionsvolumen liegt offiziell bei rund 86 Millionen Euro. Das SML soll neue Technologien in Regionen bringen, in denen alte Industrien verschwinden. Damit steht es unter besonderer Beobachtung. Das öffentliche Geld soll nicht nur Forschung ermöglichen, sondern auch wirtschaftliche Chancen schaffen.
„Das Smart Mobility Lab versteht sich als Inkubator für Forschung und Ausgründungen“, sagt auch Projektkoordinator Tobias Zschieschick. Rund 300 Arbeitsplätze sollen perspektivisch entstehen. „Allein durch die Forschung werden wir diese Zahl aber nicht erreichen.“ Entscheidend seien Start-ups, Dienstleister und Unternehmen, die sich im Umfeld ansiedeln. Zschieschicks Aufgabe ist es auch, Netzwerke zu Firmen und den Menschen vor Ort zu knüpfen. Die Baustelle, sagt er, sei beliebtes Ausflugsziel für viele, die in der Nähe wohnen. Das Interesse ist da, die Erwartungen sind hoch.
Parallel dazu beginnt sich rund um das SML ein erstes Ökosystem zu formieren. In der Nähe der Halle will sich ein hochautomatisiertes Hotel ansiedeln mit eigenem Landeplatz für moderne Fluggeräte. Unternehmen aus der Region prüfen, wie sie sich als Dienstleister für die Mobilität von morgen einbringen können.

Wertschöpfung passiert im Markt
Eine wirtschaftliche Chance des Smart Mobility Lab liegt in einem Markt, der gerade erst entsteht. Während automatisiertes Fahren und neue Luftmobilität technisch enorme Fortschritte machen, fehlt bislang etwas Entscheidendes: standardisierte Verfahren für Tests, Bewertung und Zulassung. Genau hier setzt ein Projekt an, das im Schatten der großen Versuchshalle wächst. Unter dem Namen SCART soll ein Institut entstehen, das Testkriterien und Szenarien entwickelt und damit definiert, wie Sicherheit künftig nachgewiesen wird. „Das ist nicht nur eine Nische, das ist eine echte Lücke“, sagt Günther Prokop. Und ein neues Geschäftsfeld. Mit zuständigen Behörden sei man bereits im Gespräch.
Ob aus all dem ein tragfähiger Wirtschaftsraum entsteht, ist offen. Technik und exzellente Forschung werden dafür nicht ausreichen. Wichtig ist, dass daraus Geschäftsmodelle werden – und Unternehmen. Denn Wertschöpfung entsteht nicht im Labor, sondern im Markt. Die Lausitz bekommt dafür eine Chance, wie sie selten ist. „Für unsere Region ist das etwas ganz Besonderes“, sagt Zschieschick. Hier entscheidet sich in den nächsten Jahren, ob aus Zukunftstechnologie ein Wirtschaftsfaktor wird.

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