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Vom hungernden Studenten zum erfolgreichen Apotheker

Omar Khayyal hat eine migrantische Vorzeige-Karriere absolviert und den Traditionsbetrieb Stadtapotheke Zittau gerettet - doch dann stellt sich ein ungeahntes Problem.

Lesedauer: 3 Minuten

Man sieht den Inhaber der Zittauer Stadtapotheke, Omar Khayyal, der vor seiner Apotheke steht.
Omar Khayyal, Inhaber der Zittauer Stadtapotheke, hat es mit einer anonymen Ausschreibung für eine Fachkraft versucht. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Von Markus van Appeldorn

Erst im April hat der Apotheker Omar Khayyal (33) die Stadtapotheke am Markt übernommen – und damit einen wahren Traditionsbetrieb gerettet. Mit 504 Jahren ist die Stadtapotheke noch vor dem benachbarten Dornspachhaus der wahrscheinlich älteste Betrieb in Zittau. Doch im 21. Jahrhundert gesellt sich zur Tradition ein Problem: Fachkräftemangel. Um nicht als Einzelkämpfer in seiner Apotheke zu stehen, suchte Khayyal seit der Übernahme händeringend um eine Pharmazeutisch Technische Assistenz (PTA). Dafür griff er schließlich auf ein Mittel zurück, dass sich hier in der Region nur sehr zaghaft verbreitet: die sogenannte „anonyme Bewerbung“.

In angloamerikanischen Wirtschaftsräumen wie etwa den USA sind diese „anonymen Bewerbungen“ schon beinahe Standard. Ihr Sinn ist es, jegliche Diskriminierung im Bewerbungsprozess auszuschließen und sie funktionieren so: kein Foto, keine Angabe über Geschlecht, Alter oder Herkunft, Staatsangehörigkeit oder etwaige körperliche Handicaps. Um für Bewerber möglichst barrierefrei zu sein, verzichten Betriebe mitunter auch auf Lebenslauf oder jegliches Anschreiben. Einzige Bedingung: die Qualifikation muss stimmen. Im Fall von Khayyals Stadtapotheke also: der Nachweis einer abgeschlossenen Ausbildung als PTA.

Vor der Karriere standen Entbehrungen

Dass Omar Khayyal zu einem solchen Bewerbungs-Instrument greift, kann in seinem Fall kaum überraschen. Schon sein Name macht klar: Er ist nicht deutschstämmig. Er wurde in Dubai geboren und wuchs dort auf – ist aber staatenlos. Sein Pharmaziestudium absolvierte er in der syrischen Hauptstadt Damaskus und siedelte dann in die ägyptische Hauptstadt Kairo um, wo seine Mutter lebt. Dort am Goethe-Institut lernte er auch Deutsch. 2015 folgte er seinem Bruder nach Deutschland, gelangte nach Zittau. Und hier schaffte er es mit viel Entbehrungen, Ehrgeiz und Fleiß zur Selbständigkeit.

„Mein Bruder arbeitet als Oberarzt in der Anästhesie einer Klinik in Bremerhaven„, erzählt er. Er selbst ging aber nach einem kurzen Aufenthalt bei seinem Bruder nach Zittau, weil er hier an der Hochschule die Möglichkeit hatte, seine Deutschkenntnisse zu vervollkommnen. „Mein Bruder hat mich monatlich mit 400 Euro unterstützt, davon musste ich alleine 210 Euro für die Miete zahlen. Manchmal hatte ich in den letzten Tagen des Monats nicht mehr genug Geld, mir etwas zu essen zu kaufen“, erzählt er.

Ein Studienkollege an der Hochschule riet ihm dann, sich doch mal bei Apothekerin Irene Jehmlich in der Löwenapotheke zu melden – die können bestimmt Hilfe gebrauchen und er etwas dabei lernen. Dieser Tipp erwies sich als segensreich für Omar Khayyals weitere Karriere. Sachsens älteste Apothekerin nämlich sagte gleich: „Am Montag kannst Du anfangen.“ „Frau Jehmlich hat mich herzlich aufgenommen und richtig unterstützt. Sie ist wie eine zweite Mutter für mich“, erzählt er. In mehreren Jahren lernte er bei Irene Jehmlich auch alles, was beim Apotheker zum praktischen Handwerk gehört und erlangte schließlich die Approbation, eine eigene Apotheke führen zu dürfen.

Am Ende war das Plakat doch besser als die digitale Lösung

Und eine eigene Apotheke sollte es dann auch sein. „Ich sagte meiner Frau, wenn ich diesen nächsten Schritt in Zittau nicht erreiche, müssen wir Zittau verlassen“, erzählt er. Genau zu jener Zeit arbeitete er aber auch bereits einige Stunden pro Woche in der Stadtapotheke. Und deren damaliger Eigentümer wollte den Betrieb aufgeben. „Ich musste nicht mal eine Ablöse zahlen, weil die andere Lösung wäre die Schließung gewesen“, sagt Khayyal. Aber er war dann ein Einzelkämpfer in seinem Reich – kaum Zeit für die Frau und die eineinhalbjährige Tochter. An der Tür brachte er auch einen Aushang an: „Suche PTA …“. Erfolglos. Ein Dienstleister für Apotheker brachte ihn dann auf die Idee mit der anonymen Bewerbung. Dabei ging es ihm gar nicht darum, irgendeine Diskriminierung zu verhindern – er würde eh niemanden bei der Bewerbung diskriminieren.

„Die haben gesagt: Das funktioniert gut. Und ich fand es eben einfach unkompliziert“, erzählt er. „Es hat leider nicht gut funktioniert.“ Zwar habe er schnell zwei vielversprechende Bewerbungen aus der Umgebung auf seine digitale Stellenanzeige im Netz erhalten, aber: Auf seine Mail-Antwort hat sich dann keiner mehr zurückgemeldet. Macht nichts. Es hat nämlich schließlich über die gute analoge Art geklappt – über sein Schild an der Apotheke. „Es hat sich eine Frau gemeldet, die jetzt bei mir anfängt und sogar noch eine bessere Ausbildung als PTA hat, nämlich als Pharmazie-Ingenieurin“, erzählt er. Ein Studium aus DDR-Zeiten, das es heute nicht mehr gibt. Omar Khayyal findet’s einfach großartig. „Ich hatte ja auf eine Unterstützung gehofft, die mich immer mal für mehrere Stunden vertreten kann. Mit der Qualifikation darf sie es sogar bis zu 28 Tage lang.“ Bedeutet für Khayyal und seine Familie: auch mal wieder Urlaub. „Sobald meine Einbürgerung nach Deutschland durch ist, besuche ich meine Mutter in Ägypten.“

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