Von Ulrich Langer
Leipzig. Überflieger – das passt schon irgendwie. Luis Villalobos, der neue Co-Geschäftsführer der Leipziger EDL Anlagenbau Gesellschaft mbH, ist schon viel in der Welt herumgekommen. In Guatemala kam er 1970 auf die Welt. „Meine Mutter wollte für ihre Kinder, drei Jungs und ein Mädchen, die beste Ausbildung, und schickte mich deshalb auf die österreichische Schule in Guatemala“, erzählt der Manager. Mit neun Jahren habe er ein Jahr am Egelsee in Niederösterreich gelernt. „Als ich zurück war, verstand mich mein deutscher Freund nicht, denn dort hatte ich nur Dialekt gelernt“, erinnert sich der 56-Jährige lächelnd.
Inzwischen ist sein Deutsch allerdings perfekt. Schließlich lebt er seit 2002 in Sachsen. „Mich hat sozusagen die damalige Flut hierher gespült“, sagt Villalobos mit einem Augenzwinkern. Zuvor, nach dem Abitur 1988, ging er in Guatemala zur Armee. „Ich fing bei der Luftwaffe an, kam über ein Stipendium an die Offiziersschule der US Air Force Academy in Colorado Springs, war dort bis 1994.“ Vier Jahre lang diente er in der Luftwaffe in Guatemala, hatte es bis zum Leutnant gebracht. Es war die Zeit, als der bereits 36 Jahre dauernde Bürgerkrieg im Lande langsam zu Ende ging. „Das war 1996.“ Nach dem Krieg orientierte sich die Armee verstärkt auf Umweltschutzprojekte. „Und zwar in Dschungelgebieten, die in der Militärzone lagen.“ So erhielt Villalobos von seinem General den Befehl: „Suche dir ein Stipendium in Sachen Klimaschutz.“ Im zuständigen Ministerium in Guatemala orientierte er sich, fand ein – vom Ausbildungsinhalt am besten – passendes Angebot an der Technischen Universität in Dresden. „Ich wollte mehr über diese Stadt wissen, ging zur deutschen Botschaft und erhielt ein zig 100 Seiten dickes Buch. Als ich zu Hause darin stöberte, fand ich Dresden nicht.“ Auf Nachfrage meinte ein Diplomat nur: „Ach, das ist Ostdeutschland, das steht hier noch nicht drin“, erzählt Villalobos schmunzelnd. So kam er 1996 „wie ein bisschen abenteuerlich ins Niemandsland“, nach Dresden – ein Offizier, der bei der Luftwaffe auch als Pilot Flugzeuge steuern durfte. Also doch ein richtiger Überflieger?
Phospor aus Klärschlamm-Asche gewinnen
„Das würde ich nicht sagen. Überflieger sind meiner Meinung nach doch Leute, die denken, alles zu können, überall Experte zu sein. Ich hingegen sammle lieber Erfahrungen, versuche, sesshaft zu werden, Stabilität zu entwickeln.“ Da es bei der Armee mit den Umweltprojekten dann doch nicht klappte, verließ er das Militär 1998 und arbeitete als Leiter ökologischer Vorhaben bei einer nichtstaatlichen Organisation (NGO). „Eine herrliche Zeit. Ich musste zum Beispiel auf dem idyllischen guatemaltekischen Atitlan-See die Wasserqualität überwachen. Den ganzen Tag dort im Boot unterwegs – ein Traumjob.“ So wuchs seine Liebe zur Arbeit im Dienste der Natur immer mehr. Vier Jahre lang war er dort aktiv, bevor er 2002 aus privaten Gründen Dresden als seine neue Heimat wählte.
Der Ingenieur-Leutnant lebt nun schon fast ein Vierteljahrhundert in Sachsen. „Doch kein rastloser Überflieger“, bemerkt er mit einem Lächeln auf den Lippen. 20 Jahre war er für den Dresdner Standort des Linde-Konzerns, einem führenden Unternehmen für Industriegase und Engineering mit Stammsitz im irischen Dublin, aktiv. Für einen Umweltliebhaber wohl nicht so das Geeignetste? „Das stimmt nur bedingt. Denn weltweit sind die Auflagen zum Umwelt- und Naturschutz enorm. So haben wir etwa bei Petrochemie-Vorhaben in Venezuela und in Ecuador auch riesige Klär-, Abwasser- und Abgasaufbereitungsanlagen gebaut.“
Tja, und Dresden hat ihm auch privates Glück beschert. Seine jetzige Frau Rayana (46), die aus der kasachischen Stadt Schymkent stammt, hat er im Arnhold-Bad kennengelernt. Ihr gemeinsamer Sohn heißt Daniel und ist 14 Jahre alt. Inzwischen leben sie in Leipzig – wegen des Wechsels zu EDL. An die Pleiße führte ihn die Möglichkeit, bei EDL, einem Ableger des früheren Chemieanlagenbaukombinats Leipzig-Grimma, den Bereich Projektabwicklung zu übernehmen. „In dieser Rolle verantworte ich die Betreuung und Umsetzung von Vorhaben, die Kunden bei uns in Auftrag geben.“ Dazu gehören neben dem klassischen Geschäft der Modernisierung von Raffinerie- und Petrochemieanlagen nun auch neue Themen wie der Einsatz erneuerbarer Energien, das Kunststoffrecycling, die Kreislaufwirtschaft. „EDL setzt zunehmend auf solche Projekte, in denen neue, umweltfreundliche Technologien umgesetzt werden“, sagt Villalobos und blüht beim Erzählen auf. „Das ist eine super Sache und passt zu mir als einem, der schon immer Umweltliebhaber gewesen ist.“
In neue Märkte einsteigen
Prompt nennt er ein Beispiel, mit dem sein Unternehmen gerade zugange ist. „Der Phosphorgewinnung Schkopau GmbH helfen wir, Phosphor aus Klärschlammasche – sie entsteht durch Verbrennung von Klärschlamm – zu recyceln.“ Das sei ein großes Investitionsvorhaben. Mithilfe eines neuartigen Verfahrens wird das lebenswichtige chemische Element aus der Asche extrahiert und wieder in den Stoffkreislauf zurückgeführt. Der gewonnene Phosphor eignet sich unter anderem als Dünger in der Landwirtschaft. „Ein tolles Projekt. Bislang importiert nämlich Deutschland diesen Rohstoff aus Krisenländern wie Russland oder jenen in Nordafrika.“ Und zum 1. Januar 2029 tritt die Klärschlammverordnung in Kraft, wonach dieser Abfall nicht mehr deponiert werden darf, sondern der darin enthaltene Phosphor zurückzugewinnen ist.
Mit dem verstärkten Fokus auf Nachhaltigkeit sieht der neue zweite Geschäftsführer der EDL – seit 2003 zur österreichischen Pörner-Gruppe zugehörig – sein Unternehmen gut aufgestellt. „Gerade auch, weil die fossile Industrie in der Krise steckt, müssen wir den Umstieg noch stärker forcieren.“ Es reize ihn, mehr für die Natur tun zu können, „etwas für unser aller Überleben“. Und EDL habe mit seinen tollen Ingenieuren die nötige hohe Flexibilität in Sachen neue Technologien. Neue Themen gehen sie professionell und mit der langjährigen Erfahrung eines Anlagenbauers an. „Mit unserem Know-how sind wir in der Lage, in neue Märkte einzusteigen. Das kann nicht jede Firma.“ EDL setzt mit etwa 180 Beschäftigten im Jahr ungefähr 25 Millionen Euro um und erwirtschaftet seit Jahren ein positives Ergebnis. „Das ist auch wichtig, damit wir in der Lage sind, weiter zu expandieren“, sagt Luis Villalobos, der neue Geschäftsführerkollege von Daniel Oryan, die nun seit Ende vorigen Jahres zusammen die Geschicke des Unternehmens als Doppelspitze lenken.
Villalobos hebt trotz seiner neuen Funktion nicht ab. „Ich habe zwar für die Auftragsausführung den Hut auf, aber ohne meine Gruppen- und Abteilungsleiter kann ich dies nicht erfolgreich leisten“, lobt der Chef seine Kollegen. An der Chefposition reizt ihn, „den Weg in die Zukunft mitgestalten zu können, nicht nur den von EDL, sondern von der Gesellschaft insgesamt“. Das fasziniere ihn – sich hier in Sachen Umweltschutz voll einbringen zu können. An eine Rückkehr nach Mittelamerika denkt er nicht. „Ich bin in meiner Arbeit hierzulande fest integriert.“ Und das, wofür er sich hier engagiere, würde so in seinem Geburtsland nicht funktionieren. Ein Erlebnis gibt ihm recht: „Ich habe seinerzeit bei meinem ehemaligen NGO-Chef in Guatemala eine Umwelt-Anlage, die ich damals in Deutschland abgewickelt hatte, vorgestellt. Der war perplex und hat zu mir nur gesagt: ’Du lebst im Himmel.’“ An seiner Tätigkeit schätzt Villalobos nicht zuletzt die Abwechslung. „Das, was ich jetzt tue, ist nicht nur wichtig, sondern auch interessant und facettenreich. Repetitive Arbeit ist hingegen nicht mein Ding.“ Bei EDL sei es nie langweilig, jedes Projekt sei ein Unikat, individuell. „Da gibt es kein copy & paste – per Computer.“
Er gibt zu: „Ja, ich habe ein außergewöhnliches Leben. Ich kann selbst fliegen und habe eine vielseitige, verantwortungsvolle Arbeit.“ Und einen weiteren Sohn Mariano (28), der in seine Fußstapfen tritt, als Fallschirmjäger bei der Bundeswehr dient. „Wenn ich von seinen Kameraden höre, dass er gut über mich gesprochen hat, da bin ich schon ein bisschen stolz.“ Selbst das hat wohl familiäre Wurzeln. Immerhin war sein Großvater Mariano Lopez Mayorical (1907 bis 1984) nicht nur Historiker, sondern auch Gouverneur einer großen guatemaltekischen Provinz. Dass sein Enkel seit zehn Jahren nicht mehr in der mittelamerikanischen Heimat war, ist auch bald Geschichte. Denn: „Ich fahre mit meinem älteren Sohn nach Guatemala“, freut sich der Überflieger. Ein Überflieger im positiven Sinne, der nicht die Bodenhaftung verliert und immer sein Ziel im Visier behält: die Umwelt lebenswert zu gestalten.


