Florian Reinke und Lucas Grothe
Leipzig. Der Retter kommt aus Polen und wertet den Standort Leipzig auf: Pesa, der Branchenriese des Nachbarlandes, übernimmt den Straßenbahnhersteller Heiterblick komplett. Damit endet das monatelange Zittern um das Werk im Leipziger Westen. Doch nach der Unterschrift drängen die Fragen: Sind die 250 Jobs wirklich sicher? Wann liefert das neue Gespann endlich die verspäteten XXL-Bahnen? Und ist der Deal wirklich schon in trockenen Tüchern? Die Antworten im Überblick.
Der Überblick zur Heiterblick-Übernahme
- Was bedeutet der Einstieg für Heiterblick?
- Ist Heiterblick definitiv gerettet?
- Wie steht es um die Millionen-Förderung vom Freistaat Sachsen?
- Welche Pläne hat Pesa für das Heiterblick-Werk in Leipzig?
- Was wird aus den 250 Beschäftigten?
- Wann bekommt Leipzig die ersten XXL-Straßenbahnen?
- Was bekommt Leipzig da für Bahnen?
Was bedeutet der Einstieg für Heiterblick?
Für den Leipziger Straßenbahnhersteller ist die Übernahme weit mehr als ein finanzieller Rettungsanker – sie markiert den Startschuss für eine neue Ära. Heiterblick, derzeit noch der einzige deutsche Tram-Hersteller, der unabhängig von einem Großkonzern agiert, war im Frühjahr 2025 in Schieflage geraten. Für das Unternehmen hatte sich ein „Krisen-Cocktail“ aus Corona-Nachwehen, explodierenden Rohstoffpreisen und gestörten Lieferketten zusammengebraut. Um sich zu sanieren, durchlief Heiterblick eine Insolvenz in Eigenverwaltung und suchte mit Nachdruck einen Investor. Mit Erfolg, wie inzwischen feststeht: Der polnische Konzern Pesa übernimmt 100 Prozent der Anteile und bewahrt den Betrieb, der 2024 einen Umsatz von 33,6 Millionen Euro erwirtschaftete, vor dem Aus. Nach Informationen dieser Zeitung war Pesa nicht der alleinige Interessent, machte am Ende aber das Rennen – auch, weil die Polen in ihrer Aussage, den Standort stärken zu wollen, glaubwürdig erschienen.
Ist Heiterblick definitiv gerettet?
Die Tinte unter der Investorenvereinbarung ist zwar trocken, aber der Sekt zum Anstoßen muss noch im Kühlschrank warten. Zwar haben die Beteiligten kurz vor Weihnachten unterschrieben, wie die LVZ exklusiv berichtete, der formale Vollzug der Übernahme – in der Investorensprache Closing genannt – ist aber erst für das erste Quartal 2026 geplant. Klar ist jetzt: Der Deal steht und fällt mit der Politik. Ein Knackpunkt: die Zustimmung der Landesdirektion Sachsen zur 150-Millionen-Euro-Bürgschaft der Stadt Leipzig. Diese hatte der Stadtrat im Dezember unter Ausschluss der Öffentlichkeit bewilligt, um die Bestellung von 30 zusätzlichen Bahnen abzusichern. Diese galt als Voraussetzung für einen Einstieg von Pesa. Zudem sind die Leipziger Verkehrsbetriebe darauf angewiesen, dass der Freistaat die zusätzlichen Straßenbahnen finanziell fördert. Ohne diese Zusagen könnte das Rettungskonstrukt theoretisch noch wackeln.
Wie steht es um die Millionen-Förderung vom Freistaat Sachsen?
Damit die Rettung funktioniert, benötigen die LVB für die zusätzlichen Bahnen frisches Geld vom Land. Auf LVZ-Anfrage nannte das Sächsische Ministerium für Infrastruktur und Landesentwicklung dazu jetzt konkrete Zahlen.
- Bereits bewilligt: Für die ersten 25 Bahnen hat der Freistaat schon 93,89 Millionen Euro aus dem „Landesinvestitionsprogramm ÖPNV“ freigegeben.
- Bereits geflossen: Für Anzahlungen und den Rohbau überwies Sachsen zwischen 2022 und 2024 schon rund 64,8 Millionen Euro an die LVB.
- Noch offen: Für die 30 zusätzlichen Bahnen, die Pesa zur Bedingung machte, liegt der Antrag zwar vor, ein Förderbescheid wurde aber noch nicht erlassen. Die gute Nachricht: Das Ministerium betont, das Vorhaben genieße „hohe Priorität“ und der Haushaltstitel sei entsprechend ausgestattet.

Quelle: Wolfgang Sens
Welche Pläne hat Pesa für das Heiterblick-Werk in Leipzig?
Die Absichten der Polen haben in Sachsen für ein Aufatmen gesorgt, bleiben so doch Arbeitsplätze in Wertschöpfung in Leipzig erhalten. Die Pläne lassen sich so verstehen, dass der Konzern Leipzig nicht zur verlängerten Werkbank degradiert, sondern das Werk in der Niemeyerstraße in einen Hub für das Geschäft in Deutschland und Westeuropa ausbaut. Pesa-Chef Krzysztof Zdziarski formuliert es so: „Dieser Zusammenschluss bringt unsere Teams und wichtige Fähigkeiten in Sachen Markterfahrung und Technologien auf beiden Seiten zusammen.“ Das Ziel: 25 Fahrzeuge pro Jahr in Leipzig zu fertigen.
Platz dafür hat Heiterblick. Auf dem Gelände der „Techne Sphere Leipzig“, wo sich das Heiterblick-Werk befindet, ist kürzlich eine neue Halle fertig geworden. Hier soll Heiterblick auch künftig Straßenbahnen fertigen, sagte „Techne-Sphere“-Inhaber Ludwig Koehne.

Quelle: Wolfgang Sens
Was wird aus den 250 Beschäftigten?
Die Signale sind positiv. In der offiziellen Mitteilung vermeiden die neuen Eigner zwar konkrete Zahlen, sprechen aber klar davon, dass „eine zukunftsträchtige und nachhaltige Branche langfristig gestärkt und Industriearbeitsplätze in Leipzig und in der Region gesichert werden“.
Die IG Metall Leipzig ist erleichtert: „Der unermüdliche Einsatz der vergangenen Monate hat sich gelohnt. Alle Beteiligten haben sich auf verschiedenen Ebenen erfolgreich dafür starkgemacht, dass Heiterblick eine Zukunft hat. Wir begrüßen die Übernahme durch Pesa und freuen uns, dass die Beschäftigten am Standort eine Zukunft haben und auch weiterhin zu tariflichen Bedingungen Straßenbahnen in Leipzig bauen“, sagt Michael Hecker, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Leipzig.
Aus dem Leipziger Stadtrat sagt Frank Franke, verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion: „Wir sind erleichtert, dass die Heiterblick GmbH gerettet wird. Die Beschäftigten machen einen guten Job.“
Wann bekommt Leipzig die ersten XXL-Straßenbahnen?
Hier ist noch etwas Geduld gefragt. Ursprünglich sollten die ersten Fahrzeuge bereits 2025 durch Leipzig rollen, doch bisher haben die LVB noch keine neue Bahn in Empfang genommen. Zunächst muss nun die Lieferkette neu aufgestellt werden. Eine wichtige Änderung betrifft das „Skelett“ der Bahnen: Die Wagenkästen kommen künftig nicht mehr von Alstom aus Görlitz, sondern direkt aus dem Pesa-Stammwerk im polnischen Bydgoszcz.
#Dennoch drücken alle aufs Tempo. Nach Informationen dieser Zeitung rechnet man im Umfeld der LVB damit, dass die ersten Bahnen noch im laufenden Jahr 2026 ausgeliefert werden könnten. Voraussetzung: die Zustimmung der Landesdirektion und die Förderung. Im Unternehmensumfeld geht man ebenfalls davon aus, dass die Auslieferung bis Jahresende beginnt. Pesa hat bereits zugesagt, die bestehenden Aufträge aus Leipzig, Würzburg und Dortmund priorisiert abzuarbeiten.
Was bekommt Leipzig da für Bahnen?
Bei den jetzt insgesamt 55 neuen Straßenbahnen des Typs NGT12+ geht es um ein Prestigeprojekt für die Leipziger Verkehrswende. Hinter dem technischen Begriff verbergen sich 45 Meter lange XXL-Straßenbahnen. Mit 2,40 Metern sind die neuen Fahrzeuge zehn Zentimeter breiter als die aktuelle Flotte. Das schafft im Innenraum deutlich mehr Luft und ermöglicht eine Kapazität von 282 Passagieren.


