Von Nora Miethke
Dresden. Polens Außenminister Radoslaw Sikorski wünscht sich eine Bahnverbindung von Berlin in seinen Geburtsort Bydgoszcz (Bromberg), die „nicht länger dauern sollte als vor dem Ersten Weltkrieg“.
Am 35. Jahrestag der Unterzeichnung des bilateralen Freundschaftsvertrages fand am 17. Juni das diesjährige deutsch-polnische Forum in Berlin statt – und Sikorski kam in seiner Eröffnungsrede gleich zum wunden Punkt. Er dankte seinem Amtskollegen Johann Wadephul dafür, dass dieser in seiner Rede „die Aspekte der Verkehrsverbindungen“ angesprochen habe. Auch Wadephul forderte eine „echte Schnellfahrstrecke“ zwischen Berlin und Warschau. Derzeit braucht die Bahn rund fünf Stunden.
Denn die mangelhaften Verkehrsverbindungen passen nicht zu den enorm gewachsenen Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern. Wiederholt wurden auf der restlos ausgebuchten Konferenz mit 700 Teilnehmenden die Handelszahlen referiert: 1991 betrug der Wert des Außenhandels zwischen Deutschland und Polen acht Milliarden Euro, im vergangenen Jahr waren es 180 Milliarden Euro. „Made in Poland“ ist stark gefragt, Deutschland importierte 2025 Waren für rund 80 Milliarden Euro aus dem Nachbarland und exportierte dorthin mehr als nach China.
Polen ist der Tigerstaat der EU
Polen sei nicht länger mehr nur eine verlängerte Werkbank, sondern schaffe Arbeitsplätze in Deutschland und sei ein Partner für die Modernisierung der Wirtschaft, betonte Außenminister Sikorski. Als Beispiel nannte er die Übernahme des Leipziger Straßenbahnherstellers Heiterblick durch Pesa Bydgoszcz SA – Polens größten Schienenfahrzeughersteller .
Polen ist mit einem jährlichen Wirtschaftswachstum von 3,6 Prozent der Tigerstaat in der Europäischen Union. Der Ökonom Marcin Piatkowski zog kürzlich in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung folgende Lehren aus der polnischen Erfolgsgeschichte: Privatisierung nicht übers Knie brechen. Polen hat laut Piatkowski viel später und in geringerem Umfang privatisiert als die meisten anderen Staaten aus dem ehemaligen Ostblock. Und die Politik hat dem Abbau der Staatsschulden nicht den Vorzug vor Investitionen in die Zukunft gegeben.
Entscheidend für die positive Wirtschaftsentwicklung sei aber die Mitgliedschaft in der EU. Deutschland habe noch nicht verstanden, dass es ein Land mit der wirtschaftlichen Dynamik von Südkorea als östlichen Nachbarn hat, so der Ökonom in der FAZ. Und gerade Ostdeutschland könnte stärker von der Dynamik profitieren. – etwa bei den Unternehmensnachfolgen.
Im polnischen Wirtschaftsministerium beobachtet man die starken Aktivitäten polnischen Unternehmen in Deutschland und die zunehmenden Firmenübernahmen. „Die Unternehmen sind heute mutiger, im Ausland zu investieren“, sagt Tomasz Salomon, stellvertretender Abteilungsleiter für Handel und internationale Zusammenarbeit.
Als Zukunftsfelder für die Zusammenarbeit wurden Erneuerbare Energien, Verteidigung, Gesundheitswirtschaft und die Mikroelektronik genannt. Am selben Tag des Forum wurde in Warschau ein neues deutsch-polnisches Militärabkommen unterzeichnet.
Sie komme gerade von den sehr interessanten Silicon Saxony Days und „da sind wir schon neidisch auf die Sachsen und ihr tolles Ökosystem in der Halbleiterindustrie“, sagte Dorota Kafara von der Polnischen Agentur für Investitionen und Handel. Wenn man mehr Möglichkeiten für die grenzüberschreitende Kooperation bei Chips und neuen Technologien finden würde, könnte das auch der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland insgesamt helfen, ist sie sich sicher.
So kam der Vorschlag, dass Polen und Deutschland im Rahmen der geplanten, optional wählbaren europäischen Unternehmensform „EU Inc“ mit einheitlichen Regeln für Startups oder innovative KI-Unternehmen vorangehen könnten. „Wir müssen nicht auf andere Länder warten und zeigen, dass wir zusammenarbeiten“, hieß es.


