Eric Weser
Riesa. Einen knappen Monat vorm Inkrafttreten des neuen Fahrplans der Deutschen Bahn gibt es weiter Unmut über den nahenden Wegfall vieler ICE-Halte am Riesaer Bahnhof. Bis auf einzelne Züge in den Morgen- und Abendstunden sollen die Schnellzüge künftig durch Riesa durchfahren. Oberbürgermeister Marco Müller (CDU) sagte im Stadtrat: Was er bislang als Begründung für den dafür kenne, trage aus seiner Sicht nicht.
Müller berief sich unter anderem auf eine eigene Erfahrung mit der Bahn aus der jüngsten Zeit. Auf der Fahrt zu einer Konferenz in Mannheim sei der Zug recht pünktlich in Riesa gestartet, aber einige Minuten vorm fahrplanmäßigen Halt in der Messestadt angekommen. Andere Bahnnutzer hätten ihm ebenfalls bestätigt, dass Züge regelmäßig eher in Leipzig ankämen. Gleichzeitig habe er auf der Rückfahrt erlebt, dass Verspätungen von bis zu 100 Minuten im Fernverkehr an der Tagesordnung seien.
Austausch ja, Lösung nein
Nach eigenen Angaben hatte Riesas OB in der Vorwoche ein Gespräch mit dem Konzernbevollmächtigten der DB für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, Martin Walden. Man sei „im Austausch“, so Müller, habe aber „bislang keine übereinstimmende Position“ erreichen können.
DB-Mann Walden hatte sich unlängst auch schriftlich gegenüber dem Vereinigten Wirtschaftsforum für die Region Riesa zum Wegfall der ICE-Halte geäußert. Die Initiative um ihre Sprecher Kurt Hähnichen, Matthias Mückel und Wolf-Rüdiger Brautzsch hatte sich an die neue Bahnvorstandschefin Evelyn Palla, DB-Fernverkehrsvorstand Michael Peterson und Martin Walden gewandt und die Ende September publik gewordene Ausdünnung der Riesaer ICE-Halte scharf kritisiert.
Bevollmächtigter antwortet Wirtschaftsforum
Wie in anderen bisherigen Bahn-Verlautbarungen wird auch im Antwortschreiben des DB-Konzernbevollmächtigten der Wegfall der mehrere ICE-Halte in Riesa ab Dezember damit begründet, dass die Bahn die Verbindung Dresden-München attraktiver machen will.
Gerade vor dem Hintergrund der aktuell unzufriedenstellenden bundesweiten Pünktlichkeit bitten wir um Verständnis für diese Maßnahme. – Martin Walden, Konzernbevollmächtigter der DB
Das sei dem Konzern „schon lange ein Anliegen“, schreibt Martin Walden, der zudem den Unterschied zwischen Nah- und Fernverkehr hervorhebt: Nahverkehr werde staatlich finanziert und diene der Daseinsvorsorge. Fernverkehr hingegen werde nicht mit Steuergeldern finanziert, sondern müsse sich allein durch die Ticketerlöse der Reisenden tragen. DB Fernverkehr orientiere sich daher „stets an den Bedürfnissen der Mehrheit der Reisenden.“
Auswirkungen für Nahverkehrszüge „eher gering“
Mit dem Fahrplanwechsel 2026 habe sich die Gelegenheit ergeben, die Verbindung Dresden-München zu beschleunigen. „Da sich dabei Zeitlagen verschiedener Fernverkehrslinien ändern, konnten wir einen neuen passgenauen Anschluss zwischen zwei Linien in Erfurt schaffen“, was wiederum die Reisezeit zwischen Dresden und München im ICE um eine halbe Stunde auf vier Stunden und 20 Minuten verkürze. „Davon wird eine große Zahl Reisender zwischen Ostsachsen und Bayern profitieren“, schreibt Walden. Wie viele Reisende dies in etwa sind, lässt aber auch Waldens Schreiben offen.
Allerdings bringt Walden erneut gegen diese Vielzahl die „nur etwa 30 Reisende(n)“ in Anschlag, die in Riesa pro Zug ein- und aussteigen würden. Deren Folgen für die Auslastung der Nahverkehrszüge seien, heißt es in seinem Schreiben, „eher gering“. Eine Aussage, die Nutzern der oft proppenvollen RE50-Züge zwischen Leipzig und Dresden („Saxonia-Express“) wie blanker Hohn vorkommen könnte.
Pünktlichkeitsproblem als Ursache
Ein weiterer bekannter Punkt, den Walden nochmals als Argument für den Wegfall der Halte in Riesa anführt, ist die Stabilität des neuen Fahrplankonzepts, die nach DB-Darstellung auch an den Riesaer Halten beziehungsweise deren Wegfall hängt: „Die Wendezeit würde sonst nicht ausreichen.“ Danach schreibt der DB-Bevollmächtigte zudem: „Gerade vor dem Hintergrund der aktuell unzufriedenstellenden bundesweiten Pünktlichkeit bitten wir um Verständnis für diese Maßnahme.“
Stadtrat regt Schreiben an Bundesminister an
Beim Wirtschaftsforum hat man für die Antwort, die auch im Namen der neuen Bahn-Chefin und des Fernverkehrsvorstands gehalten ist, derweil weiterhin kein Verständnis. Die Wirtschaftslobby fordert weiter, dass die Bahn von ihren Streichungsplänen Abstand nimmt.
Mit dem aktuellen Motiv der seit Jahren laufenden Postkarten-Aktion greift die Initiative die von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ins Rollen gebrachte „Stadtbild”-Debatte auf und wendet sie in Richtung Infrastruktur. Nach Meinung des Riesaer Wirtschaftsforums würde vor allem gute Infrastruktur dem Stadtbild guttun.
Auch Riesas Stadtrat will beim Thema ICE-Halte dranbleiben. Torsten Pilz (Fraktion Unabhängige Liste/Bürgerbewegung) regte ein gemeinsames Schreiben der Räte an Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) an, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Entscheidung der Bahn, ICE-Halte auf dem flachen Land zu streichen, kontraproduktiv sei. OB Marco Müller begrüßte die vorgeschlagene Initiative. Man müsse den Druck beim Thema hochhalten.
SZ


