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Von der Friseurin zur DSC-Chefin: Annett Hoffmann führt Dresdens größten Sportverein

Annett Hoffmann kommt nicht aus der klassischen Sportverwaltung – und übernimmt doch den größten Breitensportverein der Stadt. Ein Porträt über eine Frau, die den Dresdner SC modernisieren will und vor großen Herausforderungen steht.

Lesedauer: 4 Minuten

Annett Hoffmann – nicht zu verwechseln mit der Frau des Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, die mit einem "f" geschrieben wird –, ist seit August Geschäftsführerin beim DSC. Quelle: Matthias Rietschel

Michaela Widder

Dresden. Annett Hoffmann kommt an diesem Tag in schwarzer Lederhose zum Interviewtermin – ein unaufgeregtes, aber markantes Detail, das zu ihr passt: sportlich, modern, klar in ihrer Haltung. Seit dem Sommer führt die 52-Jährige den Dresdner SC, Dresdens größten Breitensportverein, der zugleich Leistungszentrum, Gesundheitssportanbieter und Heimat für mehr als 5300 Mitglieder ist.

Rund 45 angestellte Trainerinnen, Trainer und Mitarbeitende, dazu 500 Ehrenamtliche halten den Betrieb am Laufen – ein komplexes Gebilde, das täglich ineinandergreift. Und eine Geschäftsführerin, die dieses System gerade neu kennenlernt und weiterentwickeln will.

„Nach 100 Tagen bin ich noch längst nicht durch“, sagt Hoffmann und lacht. „Erst nach einem Jahr, wenn man wirklich alles einmal erlebt hat, versteht man alle Abläufe.“ Das klingt nicht nach Unsicherheit, sondern nach einer realistischen Analyse einer Frau, die Führung gelernt hat und weiß, dass Vielschichtigkeit Zeit braucht.

Ein ungewöhnlicher Karriereweg zur Führung des Dresdner SC

Ihr Weg ist ungewöhnlich – und gerade deshalb interessant. Eine klassische Laufbahn in die Sportverwaltung schlug sie nie ein. Ihre erste Ausbildung machte sie als Friseurin, doch nach einem Monat im Beruf wechselte sie in ein Fitnessstudio, in dem sie selbst trainierte. Eine spontane Entscheidung – und der Beginn eines Berufslebens, das sie mehr als drei Jahrzehnte prägen sollte.

2003 zog sie nach Dresden und leitete große Fitnessclubs. Verantwortung für Teams, Organisation, Personalführung, Kundenkontakt – alles Bausteine, die sie heute nutzt. „Nach fast 25 Jahren kam der Gedanke auf, dass ich noch einmal etwas anderes machen will“, sagt sie.

Hoffmann absolvierte Weiterbildungen in Online-Marketing und Social Media, später ein Fernstudium im Sportmanagement. 2019 wechselte sie zu Motor Mickten, ihrem ersten Großsportverein mit inzwischen 2200 Mitgliedern.

Annett Hoffmann war sechs Jahre Geschäftsführerin beim SV Motor Mickten und brachte das Thema Inklusion voran.
Annett Hoffmann war sechs Jahre Geschäftsführerin beim SV Motor Mickten und brachte das Thema Inklusion voran.
Quelle: www.loesel-photographie.de

Dort lernte sie Ehrenamt, Vereinsrecht und Gremienarbeit kennen – Strukturen, die mit der kommerziellen Fitnesswelt wenig gemein haben. „Es war eine spannende Zeit“, sagt sie. Als die Geschäftsführungsstelle beim DSC frei wurde, bewarb sie sich. „Der größte Breitensportverein der Stadt – das ist eine neue Herausforderung. Der DSC vereint Leistungs-, Gesundheits- und Breitensport. Das kannte ich in dieser Form nicht.“

In den ersten Wochen bekam sie schnell mit, wie anders der DSC funktioniert. „Man merkt erst im Alltag, wie unterschiedlich Abläufe und Strukturen hier sind“, sagt sie. „Jeden Tag kommt etwas Neues.“ Anders als bei Motor Mickten, wo sie stolz war, neben den Mitarbeitern der Geschäftsstelle einen Trainer fest anstellen zu können, arbeitet sie heute mit rund 40 Hauptamtlichen. Das verändert den Alltag des Vereins grundlegend.

Finanziell steht der DSC solide da, doch sinkende Fördermittel durch Stadt und Land setzen besonders den Leistungssport zunehmend unter Druck. Hoffmann setzt deshalb auf neue Finanzierungswege – Sponsoring, Fördermittel, Crowdfunding, Digitalisierung.

Wir könnten den Verein locker verdoppeln. Aber uns fehlen die Kapazitäten. – Annett Hoffmann, DSC-Geschäftsführerin

Gleichzeitig wächst der Verein – und stößt an Grenzen. Die Nachfrage beispielsweise nach Turnen, Schwimmen und Leichtathletik ist riesig. Viele Abteilungen führen Wartelisten. „Wir könnten den Verein locker verdoppeln“, sagt Hoffmann. „Aber uns fehlen die Kapazitäten.“ Absagen fielen ihr schwer. „Gerade, wenn Kinder motiviert sind – tut das weh.“

Deshalb denkt der Verein größer. Auf dem Gelände an der Magdeburger Straße ist ein Neubau geplant: ein zweistöckiges Gebäude mit Lehrschwimmbecken im Erdgeschoss und erweitertem Sportakrobatikbereich darüber. Die Pläne liegen vor. Die Gespräche mit der Stadt laufen. Die Kosten: ein zweistelliger Millionenbetrag, gefördert durch Land, Stadt und Eigenmittel. Realistisch sei eine Umsetzung frühestens in fünf Jahren – vorausgesetzt Fördermittel stehen dafür zur Verfügung.

Starke Basis: Die Bedeutung des Ehrenamts für den DSC

Parallel läuft ein weiteres Großprojekt: die Digitalisierung des Vereins. Die Geschäftsstelle soll modernisiert, der Eingangsbereich mit digitalen Infobildschirmen ausgestattet werden. Langfristig möchte Hoffmann eine Vereins-App einführen, die Kommunikation modernisieren, Abläufe vereinfachen – und Kapazitäten freisetzen. Sie sagt: „Ich liebe es, Dinge voranzubringen und Strukturen zu schaffen, die einen echten Unterschied machen.“

Der DSC lebt wie fast jeder Großverein vom Ehrenamt. Rund 500 Übungsleitende helfen Woche für Woche. „Das Ehrenamt ist das Fundament“, sagt Hoffmann. Gleichzeitig betont sie die Notwendigkeit, es besser zu begleiten – durch Einarbeitung, Wertschätzung und gute Übergänge, wenn junge Ehrenamtliche pausieren oder Ältere aufhören wollen.

Neben dem Ehrenamt führt Hoffmann ein Team von 40 Hauptamtlichen. Die Verzahnung von sportfachlicher Verantwortung in den Abteilungen und disziplinarischer Führung bei ihr ist komplex. „Aber es macht den DSC stark“, sagt sie.

Frauenpower in der Führungsetage

Mit ihr und Präsidentin Birke Tröger stehen zwei Frauen an der Spitze eines der traditionsreichsten Sportvereine Sachsens. Für beide ist das selbstverständlich. „Es ist ein Miteinander“, sagt Hoffmann. Tröger schätzt die neue Geschäftsführerin als „offenen und verbindlichen Menschen, der auf die Leute zugeht und sie mitnimmt“ – und war froh über ihre Bewerbung.

Hoffmann ist Mutter zweier Kinder (11 und 16). Ihren Sport macht sie morgens, bevor der Rest wach ist – hochintensives Intervalltraining, dazu Fahrradfahren im Sommer, Snowboard im Winter. Tanzen war früher ihre Welt. 1999 war sie sogar mal Deutsche Meisterin mit DDProject im Hip-Hop. Heute ist Bewegung vor allem Ausgleich.

Sie spricht nicht über Revolutionen, sondern über konsequente Weiterentwicklung: neue Räume, mehr Wasserflächen, mehr Hallenzeiten. Strukturen, die Wachstum ermöglichen. Mitgliederzahlen, die in ein paar Jahren Richtung 7000 gehen – wenn die Kapazitäten kommen.

Eine Frau, die gekommen ist, um Dinge in Bewegung zu bringen – und das mit positiver Energie.

SZ

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