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Weil die Azubis fehlen: Heilerzieher, Maßschneider und Glaser müssen um ihre Berufsschulen in Sachsen bangen

Sachsen altert, das wirkt sich auch auf die Berufsschulen im Freistaat aus. Eine Evaluation im Auftrag des Kultusministeriums zeigt, die Berufsschulen sind stabil, aber nicht überall.

Lesedauer: 3 Minuten

Nach Ansicht von Kultusminister Conrad Clemens hat sich der landesweite Teilschulnetzplan für berufsbildende Schulen bewährt, aber es muss nachgesteuert werden. Quelle: Jan Woitas/dpa

Nora Miethke

Dresden . Sachsens Berufsschulen stehen besser da, als es die demografischen Prognosen lange erwarten ließen. Doch hinter den stabilen Gesamtschülerzahlen verbergen sich wachsende Spannungen zwischen Stadt und Land. Das zeigt der jetzt vorgelegte Prüfbericht des landesweiten Teilschulnetzplans berufsbildender Schulen. Er gilt seit August 2021 und soll fortgeschrieben werden, die Evaluation dient der Vorbereitung.

Rund 109.000 Schülerinnen und Schüler besuchen im laufenden Schuljahr eine berufsbildende Schule im Freistaat – 1880 mehr als im Schuljahr zuvor. Doch das Plus ist trügerisch: Während viele Landkreise zulegen, verlieren vor allem die kreisfreien Städte an Berufsschülern. Die berufliche Bildung in Sachsen erfreut sich nicht überall wachsender Beliebtheit – sie verschiebt sich.

Die Ursachen liegen in der Demografie. Zwar steigen seit dem Schuljahr 2016/2017 die Schülerzahlen an den sächsischen berufsbildenden Schulen, meldeten die Kamenzer Landesstatistiker vergangene Woche. Dieser Trend werde sich voraussichtlich mindestens bis zum Schuljahr 2033/2034 weiter fortsetzen. Ab 2034/2035 rechnen die Landesstatistiker mit abnehmenden Schülerzahlen an berufsbildenden Schulen.

19 Bildungsgänge nicht tragfähig

Hinzu kommen Wanderungsbewegungen, spätere Ausbildungsentscheidungen und Ausbildungsabbrüche, die für Unsicherheit sorgen. Der Bericht warnt: Die regionalen Unterschiede werden größer. Besonders sichtbar wird das bei der Frage, welche Bildungsgänge langfristig Bestand haben. In der Berufsfachschule gelten 16 Schülerinnen und Schüler pro Klasse als Mindestgröße. Wird diese Schwelle über Jahre hinweg verfehlt, gilt ein Bildungsgang als „nicht tragfähig“. Das Ergebnis der Evaluation ist deutlich: Für 19 Bildungsgänge konnte an keinem einzigen Standort eine dauerhafte Tragfähigkeit festgestellt werden.

Betroffen sind die unterschiedlichsten Branchen oder Handwerksberufe, aber vor allem die Textilindustrie. Alle Standorte für Textiltechnik und Bekleidung sind nicht tragfähig, auch für Maß- und Modeschneider gibt es zu wenige Berufsschüler. Aber auch für Glaser, Porzellanmaler oder Gestalter für visuelles Marketing fehlt der Nachwuchs.

Ein besonders sensibles Beispiel ist beispielsweise die Ausbildung zum staatlich anerkannten Heilerziehungspfleger oder -pflegerin. An allen fünf sächsischen Standorten – unter anderem in Dresden, Grimma und Eilenburg – kamen über mehrere Jahre hinweg zu wenige Auszubildende zusammen. Das bedeutet nicht, dass der Bedarf fehlt, aber Angebot und Nachfrage finden räumlich nicht mehr zusammen.

Auch bei der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern zeigt sich ein strukturelles Problem. Zwar gehört sie weiterhin zu den nachfragestärksten Bildungsgängen und wird an besonders vielen Standorten angeboten. Gleichzeitig geht die Zahl der Auszubildenden zurück – vor allem kleinere Standorte geraten dadurch unter Druck.

Kultusminister Clemens: Mit Augenmaß nachsteuern

Kultusminister Conrad Clemens zieht dennoch ein überwiegend positives Fazit. Das dezentrale Berufsschulnetz habe sich bewährt, insbesondere im ländlichen Raum. Dort habe die Schulnetzplanung für mehr Stabilität gesorgt. Gleichzeitig räumt der CDU-Politiker ein: „Wir müssen punktuell mit Augenmaß nachsteuern.“ Genau darin liegt der politische Zündstoff der Evaluation.

Nach Ansicht von Kultusminister Conrad Clemens hat sich der landesweite Teilschulnetzplan für berufsbildende Schulen bewährt, aber es muss nachgesteuert werden.
Nach Ansicht von Kultusminister Conrad Clemens hat sich der landesweite Teilschulnetzplan für berufsbildende Schulen bewährt, aber es muss nachgesteuert werden.
Quelle: Jan Woitas/dpa

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden spricht offen aus, was die Zahlen nahelegen: Nicht jeder Bildungsgang kann überall angeboten werden. Die 19 als nicht tragfähig bewerteten Bildungsgänge stünden stellvertretend für eine Entwicklung, die sich perspektivisch im ganzen Freistaat zeigen werde. Es gebe Ausbildungswillige und Betriebe – aber nicht immer genug Auszubildende für reguläre Klassen an jedem Standort. „Solche Erkenntnisse dürfen nicht mit Schulterzucken beantwortet werden“, heißt es auf Nachfrage.

Wir müssen punktuell mit Augenmaß nachsteuern. – Conrad Clemens, Kultusminister von Sachsen (CDU)

Die IHK Dresden fordert deshalb eine klug austarierte Schwerpunktsetzung an ausgewählten Orten, orientiert an Qualität, Erreichbarkeit und Nähe zu den Unternehmen. Die Wirtschaftskammer begrüßt den Vorschlag der Evaluierer, zu prüfen, ob der Zuschuss zu außerhäuslicher Unterbringung erhöht werden kann. Auch wird die Empfehlung „uneingeschränkt geteilt“, auf Bundesebene darauf hinzuwirken, die Anzahl von Fachrichtungen und Spezialisierungen in dualen Ausbildungsberufen kritisch zu hinterfragen. „Wir brauchen weniger statt mehr Ausbildungsgänge“, so der IHK-Sprecher.

Handwerkskammer für höhere Zuschüsse

Rückendeckung kommt aus dem Handwerk. Die Handwerkskammer Dresden begrüßt ausdrücklich den politischen Willen, Berufsschulen im ländlichen Raum zu stabilisieren. Berufsschulen gehörten in die Regionen und seien eine zentrale Grundlage für die Fachkräfte von morgen. Gleichzeitig mahnt sie an, die im Bericht festgestellten Unwuchten nicht auf die lange Bank zu schieben. Die Handwerkskammer unterstützt ebenfalls die Forderung nach höheren Zuschüssen für die außerhäusliche Unterbringung. „Gerade im ländlichen Raum ist die Reduzierung der Wegezeiten für Auszubildende von großer Bedeutung, um Fachkräfte zu gewinnen“, betont Hauptgeschäftsführer Andreas Brzezinski.

Bis Mai möchte das Kultusministerium einen Entwurf für die Fortschreibung vorlegen, der ab dem Schuljahr 2027/2028 gelten soll. Die Richtung dürfte klar sein: Sachsen hält an seinem dezentralen Berufsschulnetz fest. Dennoch muss künftig gebündelt, verlagert oder auch verzichtet werden, die Debatte darum beginnt jetzt.

Insgesamt gibt es im Freistaat 244 Berufsschulen in öffentlicher und freier Trägerschaft. Dort unterrichten rund 6600 Lehrerinnen und Lehrer.

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