Sebastian Beutler und Thomas Schulz
Weißwasser. Es ist kaum einen Monat her. Da wurde in Torgau der erste Spatenstich für das Glaskompetenzzentrum Sachsen gesetzt. Mit dabei: Weißwassers Oberbürgermeisterin Katja Dietrich. Sie schrieb anschließend in den sozialen Netzwerken: „Ein weiterer Baustein für die Zukunft hatte Spatenstich: Der GlasCampus in Torgau.“ Und setzte fort: „Damit wird die Glasindustrie in Sachsen und auch bei uns in Weißwasser gestärkt.“
Tatsächlich besteht ein Kooperationsvertrag zwischen Weißwasser und dem Landkreis mit dem GlasCampus in Torgau. Die Verantwortlichen der Bildungseinrichtung aus Nordsachsen trafen Anfang März in Weißwasser die Rathauschefin und die heutige Wirtschaftsdezernentin, Antje Klose. Und Leonard Grupp, Geschäftsführer der Stölzle Lausitz GmbH, ist Mitglied im Beirat des GlasCampus Torgau. Doch: Warum entsteht der Glascampus in Torgau und wäre das nicht etwas für die seit Jahren leer stehende Glasfachschule in Weißwasser gewesen?
Früherer OB von Weißwasser sieht seine Stadt benachteiligt
„Mit Sicherheit“, sagt Katja Dietrich gegenüber der SZ, „aber manchmal ist es, wie es ist.“ Torgau habe aber schon vorgedacht, noch vor dem Kohleausstieg, und eben ein fertigeres Konzept daliegen gehabt. „So waren die einfach schneller, und es sei ihnen ja auch gegönnt.“

Quelle: André Schulze
Ihr Amtsvorgänger Torsten Pötzsch sieht das ganz anders. „Politisch wurde festgelegt, dass dieser Campus nach Torgau kommt“, sagt der frühere Weißwasseraner OB. Weißwasser habe davon aus der Presse erfahren, sagt Pötzsch, der sofort intervenierte: „Warum haben wir davon nichts mitgekriegt, dass so was entstehen soll, dieses Cluster dort?“, fragte Pötzsch an verschiedenen oberen Stellen.
Politisch wurde festgelegt, dass dieser Campus nach Torgau kommt. – Torsten Pötzsch, früherer Oberbürgermeister von Weißwasser
Ausgerechnet Torgau. Von Weißwasser dorthin sind es etwa 240 Kilometer. Oder zeitlich ausgedrückt per Auto auf der Landstraße über zwei Stunden, per Bahn über drei. „Eine Weltreise“, zitiert Pötzsch Weißwassers Glashersteller Stölzle Lausitz.
Im Oktober 2020 plante Weißwasser selbst einen GlasCampus
Vor sechs Jahren war Weißwasser selbst dran an einem solchen GlasCampus. Es ist der 15. Oktober 2020. Ab 10 Uhr geht es los im Rathaussaal der Stadtverwaltung Weißwasser. Ziel des Treffens ist, wie es in der Einladung heißt, „der offene Austausch zu den bestehenden Überlegungen und Optionen sowie die Absprache eines konzertierten gemeinsamen Vorgehens zur künftigen Nutzung der ehemaligen Ingenieurschule“. Gleichzeitig soll ebenfalls über alternative Standorte in Weißwasser gesprochen werden.

Quelle: André Schulze
Die Teilnehmer sind alle wichtig und zum Teil weit gereist. Vertreter von der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung (SAS), die die Kohlegelder verwalten, der TU Bergakademie Freiberg, verschiedenen sächsischen Ministerien sind ebenso da wie der Wirtschaftsdezernent Thomas Rublack vom Kreis, Sven Mimus von der Kreisgesellschaft ENO und die Geschäftsführer vom Weißwasseraner Glashersteller Stölzle Lausitz.
Torsten Pötzsch, der damals als Oberbürgermeister von Weißwasser Gastgeber war, erinnert sich genau an dieses Treffen, auch wenn er heute nicht mehr im Amt ist. Das war das Treffen, wo es aus seiner Sicht in die falsche Richtung ging. Doch der Reihe nach.
Glasfachschule Weißwasser
Durch die Teilung Deutschlands im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges befand sich auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise der im Oktober 1949 gegründeten DDR keine Ausbildungsstätte für Fachkräfte der Glastechnik auf Fachschulniveau mehr. Deswegen wurde ab 1953/54 die Glasfachschule in Weißwasser aufgebaut.
Auf dem ausgewählten, rund 1,5 Hektar großen parkartigen Baugelände zwischen Bautzener Straße und Berliner Straße in Weißwasser befand sich zur Bauzeit die Ruine der Villa von Willy von Lewinski, einem preußischen Bergassessor und Bergwerksbesitzer in Weißwasser. Sie wurde 1952 abgerissen.
Der Schulneubau im sozialistischen Neo-Klassizismus, der sich an die Architektur in der Sowjetunion anlehnte, bestand aus Schulkomplex, Wohnheim, Schmelzlabor-Gebäude (das sogenannte Ofenhaus), und Verwaltungstrakt. Im Juli 1955 wurde die Betonplastik „Kollegen bei der Glasschmelze“ vor dem Hauptportal aufgestellt.
An der Ingenieurschule für Glastechnik wurde ab 1954 die Ausbildung von Ingenieuren für Glastechnik, ab 1965 von Ingenieurökonomen und ab 1970 von Ingenieuren für Automatisierungstechnik durchgeführt.
Die Schule wurde bis 2009 vom Landkreis Görlitz als Berufliches Schulzentrum genutzt. Seitdem steht sie leer.
Seit 2013 gehört das Gebäude wieder der Stadt Weißwasser.
Weißwasser setzte auf seine große Glas-Tradition
Weißwasser hatte seit Ende des 19. Jahrhunderts eine rasante Entwicklung genommen – dank der Kohle und des Glases. Anfang des 20. Jahrhunderts war die Stadt mit elf Glashütten Europas bedeutendster Standort der Glasindustrie. Bekannte Bauhaus-Gestalter wie Wilhelm Wagenfeld und Ernst Neufert kamen in die Stadt. Nach der politischen Revolution aber geht es mit der Glasindustrie in Weißwasser abwärts. Sinnbildlich dafür steht auch die Glasfachschule. 1990 wird sie stillgelegt.
Das Areal aber hat beste Voraussetzungen für eine Ausbildungseinrichtung. Mit der Sanierung des Objektes und der zukünftigen Nachnutzung als Ausbildungs- und Forschungsstandort könnte, so die Idee, Weißwasser zur Schaffung neuer Arbeits- und Ausbildungsplätze und der Wegbereitung innovativer Ansätze mit Potenzial für zukünftige Unternehmensansiedlungen beitragen.

Quelle: André Schulze
Bereits in der ersten Hälfte 2020 informiert Weißwassers OB Torsten Pötzsch Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer über die Pläne für die Glasfachschule. Bereits 2019 meldete Weißwasser die Komplexsanierung der Glasfachschule für das Bundesprogramm „Zukunft Revier“ an. „Das Thema Erhalt, Sanierung und Nutzung der Immobilie liegt also in Görlitz, Dresden und Berlin sowie beim Ministerium für Strukturentwicklung vor“, zitiert die SZ Pötzsch im Juni 2020.
Torgau kontert Weißwasser aus
Doch es kam anders. Denn gleichzeitig hatte sich auch in Torgau eine Initiative entwickelt. 2019 war dort bereits eine Fachkräfte-Initiative GlasCampus entstanden, an der verschiedene Firmen aus der Branche, der Landkreis Nordsachsen mit seinem Berufsschulzentrum und die TU Bergakademie Freiberg beteiligt sind.
Auch Torgau kann auf eine 100-jährige Glas-Tradition zurückschauen. 1926 wurde die Glashütte GmbH Torgau gegründet, die sich in den 1960er-Jahren als Fachglaskombinat zum wichtigsten Industrieglas-Standort der DDR entwickelte, sagt Sebastian Stöber, Sprecher des Landratsamtes Nordsachsen in Torgau, gegenüber der SZ. Zu Hochzeiten beschäftigte das Kombinat mehrere Tausend Mitarbeiter – ganz ähnlich wie die Glaswerke in Weißwasser.

Quelle: Glascampus Torgau
Heute setzen der französische Konzern St. Gobain mit seinem Werk in Torgau, auch die Standorte Wermsdorf mit Thiele-Glas sowie Liebersee mit AGC Interpane, das Unternehmen PD Glasseiden Oschatz sowie weitere kleine mittelständische Unternehmen die Glas-Tradition fort.
Torgau macht Nägel mit Köpfen – kurz nach einem Treffen in Weißwasser
Um das zu sichern, entstand Anfang 2021, also nur wenige Monate nach dem Treffen in Weißwasser, in Torgau die Idee, nicht nur Aus- und Weiterbildung am Campus künftig anzubieten, sondern auch Glasforschung und ein Internat mit 42 Plätzen aufzubauen. Das zunächst geplante Investitionsvolumen von 16 Millionen Euro – dafür gab es bereits 2021 einen Zuschlag im Begleitausschuss des Reviers Mittelsachsen – steigerte sich auf 34 Millionen Euro. Im Dezember 2023 erhielt Torgau die Fördermittelbestätigung über die Gesamtsumme – für Gelder aus dem Kohletopf.
Nach Angaben des sächsischen Infrastrukturministeriums werden die Werkstätten, darunter auch ein Versuchsofen für die Glasforschung, bis Juni 2028 fertiggestellt. Die Sanierung und der Ausbau des bisherigen Volkshochschulgebäudes zum Internat wird bis März 2029 folgen.
Es ist heute schwer zu sagen, ob Weißwasser damals bewusst zurückgesetzt wurde oder einfach beide Städte parallel an demselben Gedanken feilten. Obgleich die zeitliche Abfolge schon auffallend ist. Auf die Frage der SZ, ob es zwischenzeitlich mal Überlegungen gab, ein solches Kompetenzzentrum in Weißwasser anzusiedeln, gibt es vom Infrastrukturministerium keine Antwort.
Offensichtlich ist Weißwasser auch deswegen ins Hintertreffen bei dem Glascampus geraten, weil Sachsen auf die Lage in Nordsachsen Rücksicht nehmen musste. Denn mit dem Glaskompetenzzentrum ist auch die universitäre Grundlagenforschung verknüpft. Das Zentrum, so erklärt eine Sprecherin des Infrastrukturministeriums gegenüber der SZ, wird „den fehlenden Hochschulstandort in Nordsachsen kompensieren“ und leiste einen Beitrag zur Arbeitsplatz- und Existenzsicherung der sächsischen Glasindustrie.
Ein Kooperationsabkommen mit Torgau als Trostpflaster für Weißwasser
Als Torgau gesetzt war, so sagt Torsten Pötzsch, blieb Weißwasser 2023 nur noch der Abschluss eines Kooperationsabkommens mit der Bergakademie Freiberg, um digital neue Lernformen entwickeln zu können – etwa, dass man in Weißwasser sitzt und am Glascampus aus der Ferne lernt. Auf „hybride Kurse“ setzt auch Katja Dietrich, damit der Ausbildungsbetrieb in Ostsachsen sein kann und man nicht zu oft pendeln müsse.
Derweil steht die Glasfachschule in Weißwasser weiterhin leer und gibt es keine Idee für deren Nutzung. Die Planungen der Stadt für eine Bildungseinrichtung, die bis Herbst 2023 liefen, sind heute schon wieder Schnee von gestern.
SZ


