Von Nora Miethke
Plauen. Für Europas Wirtschaft steht nach Ansicht von Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, viel auf dem Spiel. Die Abhängigkeit von amerikanischen KI-Unternehmen bedrohe den Kontinent „existenziell“, warnt der Ökonom. Europa verfüge nur über einen Bruchteil der weltweiten Infrastruktur für Künstliche Intelligenz und drohe den Anschluss zu verlieren. Sollte die Europäische Union nicht entschlossen handeln, werde sie aus der KI-Revolution als „großer Verlierer“ hervorgehen. Vor allem Forschung, Industrie und Verteidigung seien verwundbar, wenn der Zugang zu leistungsfähigen Modellen und Rechenkapazitäten von außereuropäischen Anbietern abhänge.
Während auf europäischer Ebene über Strategien und Investitionen diskutiert wird, entstehen in Sachsen konkrete Projekte, um dies zu verhindern. In Plauen soll ein Modell entwickelt werden, wie KI künftig unter eigener Kontrolle aufgebaut und in Unternehmen sowie der öffentlichen Verwaltung eingesetzt werden kann. Dazu haben das KI Institut – AI Fabric und die Duale Hochschule Sachsen (DHSN) im Mai eine Hochschulallianz geschlossen. Ziel ist es, nicht nur bestehende KI-Systeme zu nutzen, sondern eigene Modelle, Anwendungen und Kompetenzen in Deutschland aufzubauen. Grundlage dafür sollen kontrollierte Daten, Forschung und konkrete Anwendungsfälle sein.
Für Rainer Gläß, Geschäftsführer des KI-Instituts, geht es dabei um weit mehr als technische Fragen. „Deutschland braucht nicht nur Strategien für Künstliche Intelligenz. Wir brauchen Orte, an denen KI unter eigener Verantwortung praktisch wird“, sagt Gläß. Genau daran arbeitet er. „Wir schaffen einen gemeinwohlorientierten Arbeitsraum, in dem Unternehmen, Verwaltung, Hochschule und Gesellschaft KI verstehen, erproben und in konkrete Anwendungen überführen können“, fährt er fort.
Hintergrund des Vorhabens ist die zunehmende Bedeutung von KI für Wirtschaft, Verwaltung und Bildung. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Datenschutz und Datensouveränität. Viele Unternehmen greifen bislang auf externe Plattformen zurück und geben damit einen Teil der Kontrolle über Daten aus der Hand. Das Plauener Institut will deshalb KI auf Basis regionaler Daten entwickeln, testen und einsetzen. So sollen technologische Abhängigkeiten verringert werden.
Das Konzept des Instituts stützt sich auf vier Kernbereiche. Geplant ist zunächst der Aufbau einer leistungsfähigen Infrastruktur als technisches Rückgrat für das Training von Modellen und für Anwendungen. Hinzu kommen Praxisprojekte, in denen konkrete KI-Lösungen gemeinsam mit Unternehmen und Verwaltungen umgesetzt werden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Forschung und Entwicklung nachvollziehbarer und übertragbarer Modelle. Ergänzt wird dies durch Bildungsangebote, um Fachkräfte auszubilden, die KI auch weiterentwickeln können. Alle vier Bereiche sollen eng verzahnt werden.
Bedeutung reicht weit über Plauen hinaus
Die Kooperation mit der Dualen Hochschule Sachsen soll diese Verbindung weiter stärken. Geplant ist ein internationaler Studiengang für Angewandte KI, der gezielt Fachkräfte für die neue Infrastruktur ausbilden soll. Studierende und Forschende sollen an realen Problemstellungen arbeiten und ihre Ergebnisse in die Praxis übertragen. Nach Einschätzung der Beteiligten reicht die Bedeutung des Projekts weit über Plauen hinaus. Die Initiative könne beispielhaft zeigen, wie Regionen im Strukturwandel eigene technologische Kompetenzen aufbauen.
Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow sieht darin einen neuen Ansatz für die Verbindung von Forschung und Wirtschaft. „Mit dieser Art der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft gehen wir ganz neue Wege“, sagte der CDU-Politiker bei der Unterzeichnung in Plauen. „Hier wird der viel beschworene Einsatz von KI auch in kleinen und mittleren Unternehmen konkret.“ Davon könne die Wirtschaft in Südwestsachsen und darüber hinaus profitieren, weil sich die Arbeit des KI Instituts eng an den Möglichkeiten der regionalen Firmen orientierte, so Gemkow.
Ein erstes konkretes Vorhaben ist laut Gläs die Entwicklung einer Alternative zu Microsoft Office und Teams, die auf einer souveränen Infrastruktur basiert und damit mehr Kontrolle über Daten und Anwendungen ermöglichen soll. Damit will die Allianz einen Beitrag zur technologischen Eigenständigkeit leisten – nicht nur für Sachsen, sondern auch für Europa.


