Leipzig/Löbau. Irgendwo in Deutschland läuft gerade ein Cyberangriff. Vielleicht auf ein Krankenhaus, vielleicht auf eine Behörde oder ein Unternehmen. Die Angreifer sind unsichtbar. Ihre Herkunft ist oft kaum nachweisbar. Viele solcher Versuche bleiben unbemerkt. Nach Angaben des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik tauchen jeden Tag Hunderttausende neue Schadprogramme auf. Nicht jeder Angriff ist erfolgreich, doch die Bedrohung ist da – und sie wächst. Krieg bedeutet heute nicht mehr nur Soldaten, Waffen und Fronten. Er spielt sich auch in digitalen Netzen ab.
Es ist diese Entwicklung, die erklärt, warum ein großes Forschungsinstitut seit diesem Frühjahr auch in Leipzig präsent ist. Das Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie (FKIE) hat dort einen neuen Standort eröffnet. Weitere Einrichtungen entstehen in Löbau und an der Hochschule Mittweida. Das Institut mit rund 650 Mitarbeitenden gehört zu den wichtigsten Einrichtungen für Sicherheits- und Verteidigungsforschung in Deutschland. Im Zentrum der Forschung stehen Software und Daten. Das hat konkrete Folgen für Behörden, Unternehmen und den Alltag.
Verteidigung verändert sich
Dass die neuen Standorte in Sachsen ausgerechnet jetzt entstehen, ist kein Zufall, aber auch keine kurzfristige Reaktion. Die Planungen dafür begannen bereits 2022/23. „Dieser Schritt hatte nichts mit der aktuellen geopolitischen Situation oder den sicherheitspolitischen Veränderungen der letzten Jahre zu tun“, sagt Christoph Igel, stellvertretender Institutsleiter des Fraunhofer FKIE und verantwortlich für die Aktivitäten in Mittel- und Ostdeutschland. Entscheidend sei gewesen, dass sich die Forschung und Innovation für Verteidigung und Sicherheit rasant verändern und Software, autonome Systeme oder Künstliche Intelligenz dabei eine immer größere Rolle spielen.
Was früher hauptsächlich aus Geräten und Technik bestand, wird heute zunehmend digital vernetzt und gesteuert. Daten werden schneller verarbeitet. Systeme greifen ineinander. „Uns geht es in Forschung und Innovation darum, wie Software, wie Technologien den Verteidigungsbereich verändern und welchen Beitrag sie leisten können, um Menschen zu schützen.“

Quelle: Fraunhofer FKIE
Christoph Igel kennt diese Entwicklung aus verschiedenen Perspektiven. Er ist Informatiker und Verhaltenswissenschaftler, hat lange zu Künstlicher Intelligenz geforscht und dient zugleich als Oberst der Reserve in der Bundeswehr. Seit seinem 18. Lebensjahr sei Sicherheit sein Thema, sagt er.
Was das konkret bedeutet, beschreibt der Fachbegriff „Software Defined Defence“. Gemeint ist, dass sich militärische Technik heute primär über Software verändert. Systeme lassen sich schneller anpassen, Sicherheitslücken schließen und neue Funktionen hinzufügen – etwa, um auf neue Bedrohungen reagieren zu können. „Da verknüpfen Sie nicht wie im zivilen Sektor die Heizung mit dem Kühlschrank, sondern militärische Geräte mit militärischem Personal.“ Software verbindet Systeme, koordiniert Abläufe und sorgt dafür, dass Informationen schneller verfügbar sind.
Sicherheit für zivile Systeme
Von der Forschung des Fraunhofer FKIE sollen nicht nur die Bundeswehr oder Bündnisse wie die Nato profitieren. Auch Polizei, Sicherheitsbehörden und der Katastrophenschutz gehören zu den Bereichen, für die neue Technologien entwickelt werden. Es geht um die Frage, wie sich Systeme schützen lassen, wie Informationen sicher fließen und wie Einsatzkräfte im Ernstfall schneller reagieren können. Als Auftraggeber tritt dabei vorrangig der Staat auf. Gleichzeitig arbeitet das Institut eng mit Unternehmen zusammen, um Entwicklungen in die Praxis zu bringen.
Warum die Forschung ausgerechnet in Sachsen gebündelt wird, hat mehrere Gründe. „Wir brauchen ein exzellentes akademisches Umfeld, einen innovativen Industriestandort, der sich mit diesen Themen befasst, und ein politisches Umfeld, das so etwas unterstützt“, sagt Christoph Igel. All das hätte das Fraunhofer FKIE im Freistaat gefunden.
Löbau und der Truppenübungsplatz
Hinzu kommt ein wachsendes Netzwerk aus Forschungseinrichtungen und Unternehmen, das sich in Sachsen bereits gebildet hat. Im Rahmen des Forschungsverbunds „Innovation in Integrierter Sicherheit und Nachhaltigkeit“ arbeiten Hochschulen, Institute und Wirtschaftspartner gemeinsam an Fragen der äußeren, inneren und zivilen Sicherheit. Das Fraunhofer FKIE verantwortet darin den Bereich Cyber und IT.
Leipzig ist dabei der zentrale Standort. Dort bündelt das Institut seine Arbeit zu Cybersicherheit und digital vernetzter Verteidigung. Ein weiterer Schwerpunkt entsteht in Mittweida. Dort arbeitet das Institut mit der Hochschule Mittweida zusammen. Es geht um zivile Sicherheit, etwa um digitale Forensik. Also darum, wie Daten zum Beispiel während der Ermittlungen der Kriminalpolizei ausgewertet werden können.

Quelle: Fraunhofer FKIE/Jörg Riethausen
In Löbau in der Oberlausitz wird ein neues Projektbüro des FKIE noch in diesem Jahr entstehen. „Nahe eines Truppenübungsplatzes, nahe an stationierten Soldaten, eingebunden in eine sich innovativ entwickelnde Grenzregion – da weiß man auch, warum wir da hingehen“, sagt Igel. Unterstützt wird das Projekt mit Fördermitteln aus dem Programm STARK, das den Strukturwandel in ehemaligen Kohleregionen stärken und neue Perspektiven für die Region schaffen soll. Der englische Name „Joint Research & Testing Lab“ für das Löbauer Vorhaben lässt vermuten: Dort soll ein Forschungs- und Teststandort entstehen, an dem neue Technologien nicht nur entwickelt, sondern auch praktisch erprobt werden.
Was dort konkret entwickelt und getestet wird, lässt Igel offen. Auf Nachfragen zu künftigen Projekten reagiert er zurückhaltend. „Wir reden über Sicherheit und Verteidigung, dem vielleicht elementarsten Thema für unser Land, für unsere Gesellschaft, für jeden einzelnen von uns, für unsere Familien“, sagt er.
Zwischen Transparenz und Sicherheit
Gerade deshalb könne nicht alles öffentlich gemacht werden. Forschung in diesem Bereich unterscheide sich fundamental von ziviler Forschung oder anderen gesellschaftlichen Anwendungsfeldern. Während Ergebnisse sonst oft frei zugänglich seien, müsse bei Sicherheit und Verteidigung abgewogen werden. Zu viel Transparenz könne auch Risiken schaffen.
Wie aufgeladen das Thema gesellschaftlich ist, zeigt auch ein Vorfall in Leipzig. Ende April wurden in Connewitz mehrere Fahrzeuge der Stadtwerke angezündet. Die Ermittler schließen ein politisches Motiv nicht aus. In einem anonymen Bekennerschreiben wurde die Sorge geäußert, Leipzig könne zu einem Rüstungsstandort werden – auch mit Verweis auf das Fraunhofer-Institut. Es ist ein extremes Beispiel. Doch die Frage, was Verteidigungsforschung in einer Stadt bedeutet, wird auch jenseits von Gewalt und Straftaten diskutiert.
Selbstverständlich habe ich für jeden Verständnis, der mit dem Thema vielleicht ein ungutes Bauchgefühl hat, verunsichert ist oder sich Sorgen macht. – Prof. Christoph Igel, stellvertretender Institutsleiter Fraunhofer FKIE
Igel kennt diese Spannungen. „Selbstverständlich habe ich für jeden Verständnis, der mit dem Thema vielleicht ein ungutes Bauchgefühl hat, verunsichert ist oder sich Sorgen macht“, sagt er. Gleichzeitig gehe es darum, Sicherheit zu gewährleisten. „Dies abzuwägen, ist immer auch ein Dilemma.“
Der Aufbau der sächsischen Standorte hat gerade erst begonnen. Derzeit laufen Bewerbungsgespräche mit künftigen Mitarbeitenden. Schnelle Antworten erwartet Igel nicht.
„Das ist kein Schnellboot, über das wir hier reden. Das ist ein Tanker“, sagt er. „Wir berichten dann über diese Dinge, wenn es etwas zu berichten gibt.“ Ankündigungen in einem so sensiblen Bereich halte er für den falschen Weg.
SZ


