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Wie eine Zittauer Hotelchefin gegen die Steuer protestiert

Eierflockensuppe, Jägerschnitzel, Letscho-Steak: Ein Zufallsfund bringt Kathrin Scholz vom Zittauer Traditionshotel "Dresdner Hof" auf eine witzige Idee.

Lesedauer: 3 Minuten

Man sieht Kathrin Scholz vom "Dresdner Hof" in Zittau mit der Speisekarte von ihrem Restaurant
Kathrin Scholz vom "Dresdner Hof" in Zittau serviert in ihrem Restaurant "Scholek" vorübergehend nach einer Speisekarte ihres Vaters von 1984 - so kalkuliert, dass sie keine Steuer bezahlen muss. © Matthias Weber/photoweber.de

Die Speisekarte hat Klaus Richter getippt. Oder vielleicht auch seine Frau Inge – vor 40 Jahren fein säuberlich auf der Erika-Schreibmaschine: Die Eierflockensuppe kostet 70 Pfennige, das Jägerschnitzel mit Nudeln und Tomatensoße 1,90 Mark, das Schweinesteak mit Letscho 3,30 Mark. Bauernfrühstück und Karlsbader Schnitte gibt es 1984 selbstverständlich auch im „Dresdner Hof“ in Zittau.

Kathrin Scholz schmunzelt verschmitzt. Die 53-Jährige führt das traditionsreiche Haus ihrer Eltern heute weiter. Ihr Vater Klaus Richter ist vor vier Jahren gestorben. Aber es gibt unzählige Erinnerungen an ihn. Und es gibt ein Archiv, in dem Kathrin Scholz neulich sonntags ein bisschen aufräumt. Wie es der Zufall will, fällt ihr diese 40 Jahre alte Speisekarte in die Hände. Und sofort kommt der umtriebigen Wirtin eine Idee:

Man sieht die Speisekarte von "Dresdner Hof"
Wer mal kosten will, wie die DDR geschmeckt hat, hat dazu bis Ende März im Restaurant „Scholek“ im „Dresdner Hof“ in Zittau Gelegenheit.
© Matthias Weber/photoweber.de

„Das machen wir jetzt mal!“, denkt sie ganz spontan. Und da sie eine Frau schneller Entschlüsse ist, macht sie es sofort: Seit vergangenem Montag können ihre Gäste im Dresdner-Hof-Restaurant „Scholek“ neben den Gerichten von der üblichen Speisekarte auch kosten, wie die DDR geschmeckt hat. Kathrin Scholz lädt zu „Traditionswochen à la Klaus Richter“.

„Es soll natürlich ein kleiner Spaß sein in diesen ernsten und angespannten Zeiten“, sagt Kathrin Scholz. „Für diese einfachen Gerichte, die es zu DDR-Zeiten in den Gaststätten gab, würde heute ja wohl niemand mehr essen gehen.“ Aber mit ihrem kleinen Spaß möchte die Gastwirtin vor allem auch auf ein ernstes Problem ihrer Branche aufmerksam machen.

„Die Preise von damals können wir natürlich nicht anbieten“, sagt sie. Aber sie habe mit einem sehr spitzen Bleistift kalkuliert, gerade so, dass die Kosten gedeckt sind. „Kein Gewinn, keine Rücklagen, keine Zulagen – dafür aber auch keine Steuern“, erklärt Kathrin Scholz. „Wer nichts einnimmt, der muss ja auch keine Steuern bezahlen.“

Nach dieser Kalkulation kostet die Eierflockensuppe jetzt 2,90 Euro, das Schweinesteak mit Würzfleisch – bei ihrem Vater zu DDR-Zeiten 3,25 Mark – jetzt 11,90 Euro. „Normalerweise kommt man damit nicht hin“, sagt Kathrin Scholz. Auf der normalen Restaurant-Karte würde sie so ein Steak mit Würzfleisch für mindestens 17 Euro anbieten. Deswegen habe sie bewusst auch nur solche Gerichte für ihre Traditionswochen ausgesucht, die nicht auf ihrer normalen Speisekarte stehen. „Ich möchte ja damit nicht das Preisniveau drücken, das uns alle in der Gastronomie gerade so sehr belastet.“

Die Belastung ist seit Jahresbeginn noch einmal spürbar gestiegen. Seit Januar müssen Gastwirte wieder 19 Prozent ihrer Einnahmen als Mehrwertsteuer an den Staat abgeben. Während der Corona-Pandemie war der Steuersatz auf sieben Prozent gesenkt worden, um der Branche beim Überleben zu helfen. In dieser Zeit aber, so bestätigt es auch Kathrin Scholz, hätten sich die Kosten in der Gastronomie derart verteuert, dass die Preise in den Restaurants trotzdem immer weiter gestiegen sind.

„Am meisten ärgert mich, dass man uns von Anfang an zugesichert hatte, es bleibt dauerhaft bei sieben Prozent Mehrwertsteuer – und jetzt den Rückzieher macht“, sagt Kathrin Scholz. Ihr Namensvetter, der Bundeskanzler höchstpersönlich, hatte das versprochen: „Das schaffen wir nie wieder ab“, so sagte es Olaf Scholz (SPD) 2021 im Wahlkampf.

Schon längst haben die steigenden Kosten für Rohstoffe, Energie und Personal den Vorteil der niedrigeren Umsatzsteuer aufgefressen. Die Ochsenbäckchen und das Lammfilet im „Scholek“ haben schon im vorigen Jahr 26 Euro gekostet. Kathrin Scholz denkt nicht gerne daran, wie sie mit sich gerungen hat, auf ihrer Speisekarte das erste Mal die 20-Euro-Grenze zu überschreiten.

„Das ist so eine Hemmschwelle“, sagt sie. Aber anders sei das nicht mehr zu machen in der Gastronomie. Ein Rinderfilet gibt es deswegen gar nicht mehr auf ihrer regulären Speisekarte, höchstens mal sporadisch, wenn das Fleisch gerade irgendwo im Angebot zu bekommen ist – und dann für 32 Euro.

Kathrin Scholz hat die Preise im Restaurant seit dem Jahreswechsel noch nicht erhöht. „Wir wollen erstmal sehen, ob wir es auch so hinbekommen“, sagt sie. „Wir versuchen zu sparen, wo es geht.“ Das Schokoladentäfelchen zur Rechnung beispielsweise ist gestrichen. Auf der Karte stehen jetzt mehr vegetarische und vegane Gerichte, die preiswerter sind als Fisch und Fleisch. Statt auf den Lieferservice zu setzen, fährt Familie Scholz jetzt selber einkaufen und sucht bewusst nach Angeboten.

„Mal sehen, wie lange das geht“, sagt Kathrin Scholz, die trotz allem Optimist bleibt. Bis Ende März will sie im „Scholek“ auch ihre „Traditionswochen“ durchziehen. Auch wenn sie dem Betrieb keine Einnahmen bringen. Der ganze Familienbetrieb – ihr Mann, ihre Söhne, ihre langjährigen Mitarbeiter – zieht mit.

Die Resonanz auf ihre Aktion ist schon nach den ersten Tagen groß. „Dass wir damit jetzt bekannter werden, ist ja auch nicht schlecht“, schmunzelt die Hotelchefin. Es hätten sie sogar Zittauer angesprochen, die bis dato gar nicht wussten, dass das „Scholek“ im Dresdner Hof ein öffentliches Restaurant ist – täglich 16 bis 22 Uhr.

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