Oberlausitz. Es gab zuletzt viele ermutigende Nachrichten aus der Lausitz. In Hoyerswerda wächst das Smart Mobility Lab, in dem die TU Dresden und viele Partner erforschen wollen, wie wir uns künftig fortbewegen könnten. In Görlitz entsteht ein Großforschungszentrum für Astrophysik. In Straßgräbchen baut die Grötschel-Gruppe ihre iFabrik – Zukunftsschmiede Lausitz, und der Schuhhersteller Birkenstock will auf dem Gelände der einstigen Maja-Möbelwerke Wittichenau einen neuen Produktionsstandort schaffen, den dritten in der Region. Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Zahl der Insolvenzen nimmt auch hier zu. Bekannte Beispiele der jüngsten Zeit: die MFT Motoren und Fahrzeugtechnik GmbH aus Cunewalde, das Textilunternehmen Thieme aus Großröhrsdorf, der Straßenbahnhersteller Heiterblick aus Görlitz.
Wer jetzt ein Unternehmen führt, muss es durch schwieriges Fahrwasser steuern. Hohe Energiekosten, schwächelnde Lieferketten, die Herausforderungen der Digitalisierung – dazu der Nachwuchs- und Fachkräftemangel. All das will austariert werden – in einer Region, die der Strukturwandel seit Jahrzehnten besonders trifft. In drei Firmen ist das besonders gut gelungen, befand jetzt die Jury des Oberlausitzer Unternehmerpreises. Der Wettbewerb stand nicht von ungefähr unter dem Motto „Zukunft sichern – Fachkräfte gewinnen und binden.“ Denn in der Lausitz leben immer weniger Menschen, vor allem: zu wenige junge. In der Oberlausitzer Straßen-, Tief- und Erdbau- GmbH – kurz Osteg – bildet man schon lange Facharbeiter selbst aus und weiter.
Eine Arena für die Azubis
Das Zittauer Unternehmen macht bei nahezu allen Nachwuchs-Messen, Karrieretagen und Rückkehrer-Börsen mit und hat eine eigene Azubi-Arena. Auszubildende und Praktikanten haben aus einer Brachfläche eine 800 Quadratmeter große Parkanlage gestaltet. Vier der Lehrberufe, die die Osteg anbietet, haben hier bereits sichtbar ihre Spuren hinterlassen: Straßenbauer, Baumaschinisten, Wasserbauer, Rohrleitungsbauer. „Im kommenden Winter soll die Fläche um mindestens einen weiteren Ausbildungsberuf ergänzt werden“, sagt Geschäftsführer Marco Matthäi. Sein Betrieb ist einer der Preisträger im diesjährigen Unternehmer-Wettbewerb. Und trotz des großen Engagements für Nachwuchs- und Fachkräfte hatte der Chef keineswegs mit einer Auszeichnung gerechnet. „Wir hatten uns nicht selber beworben, sondern wurden von der Wirtschaftsförderung Zittau für den Preis nominiert. Demzufolge waren sowohl die Nominierung als auch der Gewinn der Auszeichnung sehr überraschend“, so Marco Matthäi.
Beides sei aber durchaus eine Bestätigung dafür, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. „Die OSTEG bildet bereits seit 1990 aus, dadurch sind derzeit über 50 Prozent unserer Mitarbeiter ehemalige Lehrlinge aus den eigenen Reihen“, erzählt er. Die Herangehensweise an das Thema sei heute aber eine ganz andere.
Intensiv um Nachwuchs werben zu müssen – das hat in vielen Betrieben die Perspektive verändert. Vor allem in Regionen wie der Lausitz, aus denen immer noch viele junge Leute in Richtung der Metropolen abwandern. Die Osteg bietet nicht nur Praktika und Ferienarbeit, sondern schickt ihre Mitarbeiter direkt in die Schulen – für die Berufsorientierung waren sie zuletzt unter anderem in Neusalza-Spremberg und Ebersbach, in Zittau und Herrnhut. Das kostet Zeit und Kraft – erhöht aber die Chancen auf Azubis, die wissen, was sie wollen und die bleiben. Die Osteg ist mit rund 170 Mitarbeitern nicht nur eines der größten Bauunternehmen der Region, Geschäftsführung und Mitarbeiter sind hier verwurzelt – auch das macht gerade in schwierigen Zeiten manchmal den Unterschied.
Fachkräftesicherung sei „weit mehr ist als Personalgewinnung. Es geht um Unternehmenskultur, um Wertschätzung und um die Fähigkeit, Menschen langfristig zu begeistern“, sagt der Görlitzer Landrat Stephan Meyer. Sein Bautzener Amtskollege Udo Witschas schlägt in dieselbe Kerbe. Das Wichtigste sei, den Menschen zu zeigen, dass es in der Heimat durchaus vielversprechende berufliche Perspektiven gebe. Beide Landkreise vergeben den Unternehmerpreis schon seit 1996 gemeinsam, organisiert wird der Wettbewerb von der Marketing-Gesellschaft Oberlausitz-Niederschlesien (MGO).
Die Firmengeschichte der ZMalerei Hoyerswerda ist nicht so lang wie die der traditionsreichen Osteg. Das tut dem Engagement des Handwerksbetriebs keinen Abbruch. Der 2014 gegründete Betrieb überzeugte die Unternehmerpreis-Jury mit flexiblen Arbeitszeitmodellen, Weiterbildungsoptionen, Schulkooperationen, Gesundheitsangeboten und einer 36-Stunden-Woche bei vollem Lohn. „Das Unternehmen setzt sich für internationale Fachkräfte ein und kämpft etwa um eine Aufenthaltsperspektive für einen indischen Mitarbeiter, der im Team längst unverzichtbar geworden ist“, hieß es unter anderem in der Begründung der Preisvergabe. Auch die ZMalerei setzt auf die Region als Anker, macht sich unter anderem für Vereine in Hoyerswerda stark. Mitarbeiterin Zita Gallai, die den Preis stellvertretend für Geschäftsführer Stefan Zehler und das Team entgegennahm, betonte: „Wir sind glücklich über den Preis und freuen uns, dass das Handwerk damit in den Fokus rückt.“ Denn auch das Handwerk leidet unter demografiebedingten Nachwuchssorgen. Immerhin: Die für Ostsachsen zuständige Handwerkskammer Dresden konstatierte zuletzt einen leichten Anstieg bei der Zahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge.
Eine andere Ebene der Wertschätzung
Dabei ist klar: Wo die Bewerber die Wahl haben, müssen sich Unternehmen auch beim Thema Ausbildung einen Namen machen. Das funktioniert auch im Kleinen, wie der dritte Preisträger, die Kälte- und Klimaservice Beier GmbH aus Markersdorf, zeigt. Der Familienbetrieb zählt gerade einmal zehn Mitarbeiter und investiert dennoch ganz bewusst in Ausbildung, Meister- und Weiterbildungsprogramme, Gesundheitsprämien sowie betriebliche Umschulungen. „Die Auszeichnung kam für uns wirklich überraschend, bei den ganzen hochkarätigen Nominierten in diesem Jahr. Uns bedeutet dieser Preis sehr viel, da es eine wunderbare Würdigung ist für das, was man tagtäglich leistet. Neben positiven Kundenfeedbacks, die wir regelmäßig für unsere Arbeit vor Ort erhalten, ist dies eine andere Ebene der Wertschätzung, über die wir uns sehr freuen. Zudem ist es eine Motivation, so weiterzumachen und auch mal über den Tellerrand zu schauen und zu sehen, was es neben der ‚Standardausbildung’ noch für Möglichkeiten gibt, um an Fachkräfte zu kommen,“ sagt Geschäftsführerin Viviane Beier. Man sei „stets offen für neue Arbeitnehmer, die in unser familiäres Team passen und ihr Herz der Kältetechnik verschrieben haben“, so die engagierte Chefin.
Drei Beispiele, die vor allem eines zeigen: Unternehmen, die aktiv sind und auf potenzielle Azubis oder Mitarbeiter zugehen, haben durchaus Chancen beim Kampf gegen den Fachkräftemangel. Wenn sie in der Region fest verankert sind, sich dort auch sozial oder gesellschaftlich einbringen, umso besser. Und vielleicht ist das gerade sogar die ermutigendste Nachricht aus der Lausitz.

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