Von David Berndt
Ostsachsen. Die aktuelle VW-Krise mit möglichen Werkschließungen etwa in Zwickau wirkt bis nach Ostsachsen. Der Bautzener Landtagsabgeordnete Marko Schiemann (CDU) sorgt sich um die Betriebe vor Ort. „Dies ist keine Entwicklung, die sich allein auf die Region um Zwickau auswirkt, sondern sie hat auch Auswirkungen auf Oberlausitzer Unternehmen.“
Bereits durch die Fehler des VW-Konzerns beim Umstieg auf die Elektromobilität habe die Oberlausitz 300 Industriearbeitsplätze verloren. „Ein erneuter Arbeitsplatzverlust ist für die Oberlausitz nicht zu akzeptieren“, so Schiemann.
Marko Schiemann spricht von 3500 Jobs in der Oberlausitz
Er sagt, dass es in der Oberlausitz etwa 3500 Arbeitsplätze in Zulieferbetrieben gebe. Deren Vorteil sei meist, dass sie breit aufgestellt seien und auf ein Mischangebot setzen, um verschiedene Branchen zu bedienen. Aber die VW-Krise schlage trotzdem ins Kontor.

Quelle: Steffen Unger
Der CDU-Abgeordnete fordert, dass der VW-Konzern die vollelektrische Fahrzeugproduktion fortsetzt, ab 2027 den VW ID.1 in Sachsen baut und dabei seiner Verantwortung gegenüber den Zulieferern gerecht werde. „Die Oberlausitzer Wirtschaft braucht Verlässlichkeit für die Zukunft.“
Womöglich 50.000 VW-Jobs weniger
Derweil warten Beteiligte und Beobachter der aktuellen VW-Krise weiter auf Antworten zu den drängendsten Fragen: Welche Werke müssen schließen und wie viele Jobs wird der Konzern streichen? Die Aufsichtsratssitzung am vergangenen Freitag brachte wenig Klarheit.
So kursiert die Zahl von 50.000 Arbeitsplätzen, die es bei VW künftig nicht mehr geben könnte. Zudem erklärte Konzernchef Oliver Blume, dass es derzeit für die Werke Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm für die 2030er-Jahre „noch keine wettbewerbsgerechte Belegung“ gebe.
Geringere Produktion bereits spürbar
Zu den Zulieferern der Automobilindustrie in Ostsachsen gehören etwa Borbet, ein Hersteller von Leichtmetallrädern aus Nordrhein-Westfalen mit 4000 Mitarbeitern an acht Standorten. Einer davon befindet sich in Kodersdorf nahe der A4 bei Görlitz. Bisher hat die Debatte um VW für Borbet keine konkreten Folgen, sagt Geschäftsführer Burkhard Plett. „Die anhaltende Diskussion über mögliche Werksschließungen in Deutschland trägt jedoch sicherlich nicht dazu bei, die bereits bestehende wirtschaftliche Verunsicherung im Land zu verringern.“
Veränderungen der Fahrzeugproduktion würden grundsätzlich auch die Nachfrage nach Produkten des Räderproduzenten betreffen. Unabhängig von einzelnen Standorten spüre die gesamte Zulieferindustrie die im Vergleich zu früheren Jahren geringeren Produktionsvolumina in Europa und insbesondere in Deutschland. „Eine weitere Reduzierung könnte diesen Druck zusätzlich verstärken. Konkrete standortbezogene Auswirkungen lassen sich zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht verlässlich bewerten“, erklärt der Geschäftsführer.
Marcus G. Baier ist Geschäftsführer der BBP Kunststoffwerk Marbach Baier GmbH aus Marbach am Neckar mit Werken im Bautzener Ortsteil Neuteichnitz und in Großdubrau. Er stellt die rhetorische Frage, „ob die gesamte Entwicklung in der Automobilindustrie nicht längst vorhersehbar war, wenn regulatorisch die E-Fahrzeuge auf Kosten der Verbrenner-Motoren forciert werden“.
Chinesische Firmen gewinnen Marktanteile
Chinesische Firmen könnten eine Unzahl neuer Fahrzeuge entwickeln und würden zunehmend Marktanteile gewinnen. Dem sei die deutsche Automobilindustrie nicht gewachsen und deren Absatz schmelze dahin.
„Die nächste Gefahr droht, wenn sich nun die erstarkten Automobilhersteller aus China zur Umgehung von Zöllen oder Logistikkosten nach Europa aufmachen und sich hier auch noch in bestehende Automobilwerke einkaufen“, sagt Marcus G. Baier. Das dürfte allerdings nicht in Deutschland, sondern in kostengünstigeren Ländern passieren, glaubt er.
Das Wichtigste für unseren deutschen Standort ist die geografische Nähe zu den Automobilwerken, sprich der Logistikvorteil. – Marcus G. Baier, Geschäftsführer der BBP Kunststoffwerk Marbach Baier GmbH
In der Tat hat VW-Konzernchef Oliver Blume in den vergangenen Monaten mehrfach von dem Modell gesprochen, mit Partnern bei der Auslastung europäischer VW-Werke zusammenzuarbeiten. Konkret ist allerdings bislang nichts dazu.
Ob BBP nun Teile für Verbrenner oder E-Autos liefert, spiele keine Rolle, erklärt der Geschäftsführer. „Das Wichtigste für unseren deutschen Standort ist die geografische Nähe zu den Automobilwerken, sprich der Logistikvorteil.“ Bautzen-Neuteichnitz sei vor allem für BMW und Porsche in Leipzig attraktiv und sogar für Debrecen und Kecskemét in Ungarn, allerdings nur dann, wenn die Teile auch in Deutschland benötigt würden.
Welche Auswirkungen es für den eigenen Werkzeugbau in Großdubrau gibt, sei noch nicht abzuschätzen. „Wir sehen aber nicht ohne Sorge, dass, wenn von der Muttergesellschaft nicht die Werkzeugaufträge für die Serienaufträge der Teile gewonnen werden können, dies nicht ohne Auswirkungen bleibt“, sagt Marcus G. Baier.
Der Autor hat den Beitrag nach der ersten Veröffentlichung geändert. Die Zitate des Unternehmens Borbet stammen nicht von Sprecherin Natalie Schmidt, sondern von Geschäftsführer Burkhard Plett, wie das Unternehmen nach der schriftlichen Beantwortung der Anfrage erklärte.
SZ


