Von Georg Moeritz
Dresden. Am 2. Juli eröffnet Infineon Dresden seinen jüngsten Fabrikteil, Kanzler Friedrich Merz (CDU) wird erwartet. Die Mikrochip-Experten im größten Industriebetrieb der Landeshauptstadt durften vorher schon feiern: Es gab ein Fest mit Spielen, Musik und Streetfood-Wagen – an zwei Tagen, damit möglichst viele teilnehmen konnten.
Vier von 4000 Dresdner Infineon-Mitarbeitern berichten in der SZ von ihren Aufgaben und davon, was ihnen Freude macht.

Quelle: SZ/Georg Moeritz
Felix Fleischer, Instandhalter
Wenn Felix Fleischer sein Jobrad neben dem Mitarbeiter-Parkhaus an der Königsbrücker Straße angeschlossen hat, führt ihn sein Weg in eine Umkleide. Bevor der Mechatroniker den staubfreien Reinraum betreten darf, muss er selbst garantiert staubfrei sein. Zu seinem Reinraumanzug gehören auch Maske, Haube und Handschuhe. Bei konstanten 22 Grad lässt es sich darin aushalten.
Der 20-Jährige arbeitet in Achtstundenschichten: zwei Tage früh, zwei Tage spät, zwei Nächte. Dann hat er vier freie Tage. Seine Aufgabe: Anlagen in den Produktionslinien instandhalten. Zwar läuft ein großer Teil der Mikrochip-Herstellung automatisch, die Siliziumscheiben werden von einer Bearbeitungsstation zur nächsten transportiert.

Quelle: Matthias Rietschel
Doch Felix Fleischer und seine Kollegen müssen beispielsweise „Verbrauchsteile wechseln“ oder Prozesskammern reinigen, in denen Metallteilchen abgeschieden werden. Zunehmend wird Felix Fleischer auch eingesetzt, wenn es um Fehlersuche geht. Erst seit Januar 2026 ist der junge Facharbeiter regelmäßig im Reinraum, vorher hat er seine Ausbildung absolviert. Ein Teil davon fand in einem überbetrieblichen Bildungszentrum in Kesselsdorf statt, bei der MEA Metall- und Elektroausbildung gGmbH.
Nebenbei bildet sich Felix Fleischer schon weiter. „Ich mache meinen Techniker für Mechatronik“, berichtet er. Dieses Fernstudium dauert etwa vier Jahre. Felix Fleischer schwärmt zwar von dem „sehr angenehmen Arbeitsklima hier bei Infineon“, aber sein Leben lang in Schichten arbeiten möchte er nicht. Die rund 500 Euro Schichtzuschlag pro Monat seien für einen Berufsanfänger freilich nützlich.
Für andere setzt sich Felix Fleischer auch gern ein: Er wurde in die Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) gewählt, die ähnlich wie der Betriebsrat die Interessen der jüngeren Mitarbeiter vertritt. In dieser Funktion kommt er schon mal an andere Infineon-Standorte, nach München, Regensburg, Warstein.
Der sportliche Mechatroniker fährt nicht nur vom Elternhaus in Bannewitz mit dem Rad nach Klotzsche, er geht auch gern laufen und klettern. Im Klettertreff des evangelischen Kirchspiels Süd sichert er als „Teamer“ Kinder mit dem Seil. Felix Fleischer liebt die Abwechslung.
Khrystyna Nych, Produktentwicklung
Auf dem Gymnasium in der Ukraine durfte sie zwischen den Fremdsprachen Deutsch und Französisch wählen. Khrystyna Nych ahnte damals nicht, dass sie mal mit einem italienischen Physiker ein Haus in Dresden bauen würde, und lernte Französisch.

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Inzwischen hat Khrystyna Nych ein Studium in Kanada absolviert – in englischer Sprache, die sie auch beim Interview bevorzugt. Sie wurde in Alberta zum Bachelor in „Electrical Engineering“ und später an der Technischen Universität Dresden (TU) zum Master in „Nanoelectronic Systems“.
Nach Dresden kam Khrystyna Nych vor zehn Jahren wegen einer Verbindung zwischen den beiden Universitäten – und weil sie auch schon ein Praktikum im Infineon-Konzern gemacht hatte. Das war zwar im Werk Villach in Österreich, aber dort werden ähnliche Technologien wie in Dresden genutzt.
Die 34-Jährige arbeitet nicht im Reinraum, sondern am Schreibtisch und im Labor mit Mikroskopen. Ihre Arbeit gehört zur Produktentwicklung, die Infineon Dresden größtenteils an den Standort Meinholdstraße ausgelagert hat, in die ehemalige Zeitschriftendruckerei Prinovis. Doch Khrystyna Nychs Labor blieb an der Königsbrücker Straße. Sie bedauert allerdings, dass sie vom Arbeitsplatz aus nicht mehr die „wundervolle Aussicht“ ins Elbtal auf Dresden hat, weil der neue Fabrikteil dazwischengebaut wurde.
Khrystyna Nych und ihr Team prüfen neu entwickelte Mikrochips, bevor diese dem Kunden präsentiert werden und dann in größeren Stückzahlen in die Produktion gehen. Sie hat vor allem mit Chips zu tun, die Funktionen in Autos erfüllen sollen – ob im Fensterheber, in der Motorkontrolle oder bei der Innen- und Außenbeleuchtung. Autos haben immer mehr Chips, viele davon kommen aus Dresden.
Gern ist Khrystyna Nych in Dresden an der Elbe oder auf dem Gelände der TU, wo sie auch ihren Ehemann kennengelernt hat. Die beiden haben eine vierjährige Tochter und bauen ihr Haus im Dresdner Norden.

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Ali Asghar Khodadadi, Auszubildender
Das muss ein Technikfreund sein: Am Handgelenk trägt Ali Asghar Khodadadi eine Vintage-Digitaluhr. Im Reinraum darf er die allerdings nicht anlegen, erklärt der 20-Jährige gleich: Dort kommt es nicht nur auf Reinheit an, auch elektrisch leitfähige Mitbringsel sind zu vermeiden – sie könnten mit einem kleinen Blitz Kratzer in die Halbleiter-Strukturen schlagen.
Während seiner Ausbildung zum Mikrotechnologen pendelt Ali Asghar Khodadadi zwischen drei Standorten: Außer bei Infineon lernt er am Beruflichen Schulzentrum für Elektrotechnik Dresden (BSZET) am Strehlener Platz und an der Dresden Chip Academy (DCA) am Flughafen. „Am DCA bauen wir Schaltungen, es gibt auch ein Reinraumlabor“, berichtet er. Ingenieure erklären den Lehrlingen die Herstellungsprozesse.
Mikrotechnologen arbeiten laut DCA an der Herstellung mikroelektronischer Bauelemente. Sie bedienen Anlagen im Reinraum, überwachen Fertigungsprozesse und kontrollieren die Qualität feinster Strukturen. In der Regel geschieht das am Computer, sagt Ali Asghar Khodadadi – teilweise sogar vom Homeoffice aus.
In den vergangenen Tagen hat der Auszubildende eine Azubi-Testchip-Präsentation mit vorbereitet. Er ist im ersten Lehrjahr, im Oktober steht eine Zwischenprüfung bevor. Ali Asghar Khodadadi sieht einen Vorteil bei Infineon darin, „dass man hier nach Bedarf ausbildet“. Nach erfolgreichem Abschluss hofft er auf Übernahme, will sich weiterbilden und vielleicht studieren.
Vor zehn Jahren ist Ali Asghar Khodadadi aus Afghanistan nach Deutschland gekommen, mit seinen Eltern und zwei Brüdern. Er berichtet, dass sie zunächst in einem „Camp für Flüchtlinge“ in Leipzig, dann in einem Wohnheim in Niesky untergebracht wurden. In Görlitz bekamen sie eine Wohnung. Ali Asghar Khodadadi lernte „Deutsch als Zweitsprache“, kam auf die Oberschule, dann aufs Joliot-Curie-Gymnasium.
Zur Ausbildung ist er nach Dresden umgezogen und lebt in einer Art Internatszimmer mit Gemeinschaftsküchen und Fitnessraum. Dort zahlt er 525 Euro im Monat mit Nebenkosten und freut sich, dass die Infineon-Kantine Auszubildende zum halben Preis für 3,50 Euro bekocht. Gern kocht er aber auch selbst Reis mit Hähnchen für einige Tage im Voraus. Mit Freunden spielt er Volleyball und war auch jüngst beim „Halbleitercup“ der Branche auf dem Citybeach dabei.
Ayad Abdul-Hak, Projektleiter
Als Ayad Abdul-Hak sein Bewerbungsschreiben nach Dresden schickte, war sein Adressat noch die Halbleiter-Sparte von Siemens. 1999 wurde daraus die neue Firma Infineon. So lange arbeitet der gebürtige Syrer schon in Dresden. Dabei sollte er nach dem Elektrotechnik-Studium in Darmstadt und acht Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Hannover eigentlich an einem Halbleiter-Projekt in den USA teilnehmen.
Doch die USA ließen den Mann mit der doppelten Staatsbürgerschaft – deutsch und syrisch – damals erst warten und dann nicht einreisen. So blieb er in Dresden, wo er übergangsweise eine Arbeit in der Chipfabrik aufgenommen hatte. Längst ist er zum „Overall Product Leader“ aufgestiegen, einer Art Ober-Projektleiter. Er achtet in der Technologieentwicklung darauf, „dass Zeitlimit und Budget eingehalten werden“.

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Projekte dauern oft anderthalb Jahre oder länger. Details über die Entwicklungsarbeit will Ayad Abdul-Hak nicht verraten, aber ein laufendes Projekt befasst sich mit der Rückseitenmetallisierung von Chips. Billigere Rohstoffe würden erprobt. Aber die Materialien verhielten sich „teils widerspenstig“ und auch noch unterschiedlich, je nach Chipgröße.
Die Halbleiter aus diesem Projekt sind für Ladegeräte gedacht, auch für Elektroautos. Ayad Abdul-Hak fährt selbst eines und kann die Batterie „von März bis Oktober“ mit der Solaranlage auf dem eigenen Haus laden. Um auch das gute Dutzend Ladesäulen im Infineon-Parkhaus nutzen zu können, ist er einer Chatgruppe für E-Auto-Fahrer in seiner Firma beigetreten. Da lässt sich absprechen, was frei ist.
Mein Job macht mir Spaß. Ich möchte gern zwei Jahre länger arbeiten. – Ayad Abdul-Hak, Projektleiter bei Infineon Dresden
Zum Treffen mit anderen Entwicklern reist Ayad Abdul-Hak gelegentlich nach München oder Villach. Auch in Malaysia war er mehrmals, dort hat Infineon ebenfalls große Fabriken, dort werden bei vielen Chips die letzten Arbeitsschritte erledigt. In Dresden geht der Projektleiter mit seiner Frau gern aus: Sie tanzen regelmäßig, lieben Comödie wie Oper und Stadtteilfeste. Die Kinder sind aus dem Haus.
Der Projektleiter ist 65 und könnte Ende 2027 in Rente gehen. „Mein Job macht mir Spaß“, sagt Ayad Abdul-Hak. Auch wenn demnächst bei Infineon die persönlichen Schreibtische durch Desk-Charing ersetzt würden, also freie Platzwahl: Er habe schon bei seinem Chef nachgefragt, ob er zwei Jahre länger arbeiten dürfe.
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