Von Irmela Hennig
Herrnhut. Früher gab es sie mal, die vertriebsarme Zeit, in der Rechnungen sortiert, Ablage erledigt, Urlaub genommen wurde. „Aber das ist vorbei“, sagt Jens Ruppert. Die Herrnhuter Sterne seien inzwischen ganzjährig gefragt. Ruppert ist Betriebswirt. Er arbeitet als Vertriebsleiter in jener Manufaktur, welche die weit über Sachsen hinaus bekannten Sterne herstellt. Und das noch immer dort, wo sie einst entstanden sind. Eine Verlagerung von Produktion, vielleicht sogar ins günstigere Ausland, sei nicht vorstellbar. Auch nicht teilweise. „Der Herrnhuter Stern muss von hier kommen“, ist Jens Ruppert überzeugt. Hier, das ist eine Kleinstadt in der Oberlausitz. Herrnhut – gegründet 1722 von evangelischen Glaubensflüchtlingen aus Mähren. Sie formten eine christliche Brüdergemeine, die Missionare auf viele Kontinente schickte. Dadurch wurde Herrnhut in vielen Ecken der Welt bekannt. Und so später auch die Sterne. Die hängen heute nicht nur in etlichen Stuben, Gärten, Läden, einigen Schlössern und Kirchen in Deutschland, sondern beispielsweise auch in Wohnungen in Grönland oder auch in Gotteshäusern in der US-amerikanischen Stadt Bethlehem in Pennsylvania und im englischen Liverpool.
Seinen Anfang genommen hatte der Stern Mitte des 19. Jahrhunderts im Internat der Brüdergemeine. Dort lebten Kinder, deren Eltern als Missionare im Ausland wirkten. Mit seinen Schützlingen baute ein Erzieher im Mathematikunterricht erste Sterne. Daraus wurde eine Erfolgsgeschichte, die das Unternehmen heute mitunter vor Herausforderungen stellt. Die Nachfrage ist nämlich stark gestiegen. Verkaufte der Betrieb 2011, als Ruppert hier anfing, etwa 350.000 Sterne pro Jahr, seien es nun um die 850.000. Tendenz steigend. Die Zahl der Mitarbeiter kletterte von 60 auf derzeit knapp 230. Um die Sterne-Produktionskapazitäten noch deutlicher zu erhöhen, fehle am Standort der Platz. „Nur mit Einstellungen ist es zudem nicht getan“, so Ruppert. Es brauche ja das Drumherum vom Arbeitstisch über mehr Sanitäranlagen bis hin zu Kantinenplätzen.
Ganzjähriger Besuchermagnet
Noch etwas anderes hat der Vertriebsleiter und Ehemann der Geschäftsführerin des Unternehmens im Blick – eine mögliche Marktsättigung. Zumindest in Deutschland. Und darum sei „wachsen, wachsen, wachsen“ nicht das vorrangige Ziel für die Herrnhuter Sterne GmbH. Der Aufschwung habe mehrere Gründe, denkt Ruppert. Es gebe viele, teils neu geschaffene Angebote für Sternenfreunde direkt am Unternehmenssitz in Herrnhut. Die machen den Betrieb ganzjährig zum Besuchermagneten und kurbeln den Absatz an. Ruppert nennt die Schaumanufaktur, ein Dekostübchen und die Entdeckerwelt mit der Möglichkeit, Sterne selbst zu basteln, überdies Veranstaltungen und Feste, einen Tag der offenen Tür, der Wichtelmarkt im Advent und dieses Jahr erstmals eine Eislaufbahn. Man habe die Präsenz auf Messen ausgeweitet, arbeite verstärktet mit der regionalen sowie der sächsischen Tourismus-Marketinggesellschaft zusammen. Und in der Vorweihnachtszeit stehen Mitarbeiter deutschlandweit auf 45 Weihnachtsmärkten, um Sterne zu verkaufen.
Wachsendes Auslandsgeschäft
Dass Herrnhut seit Kurzem den Titel Unesco-Weltkulturerbe trägt, wirke sich indes noch nicht so sehr aus, wie Ruppert schätzt. 80 Prozent ihres Umsatzes macht die Firma in Deutschland. Das übrige sei ein wachsendes Auslandsgeschäft – vor allem in der Schweiz, teilweise in Österreich, in Dänemark mit einer auch für die Sterne engagierten Brüdergemeine, in den Niederlanden und Tschechien. Auf dem Zittauer Weihnachtsmarkt gehe die Hälfte des Umsatzes auf tschechische Kunden zurück. Eine andere Herausforderung für die Herrnhuter: Händler bestellen immer früher. Teilweise bereits im Mai. Kurz nachdem im April die Farbe – 2025 ist es lila – für die jährliche Sternen-Sonderedition bekannt gegeben wird. Dass in einer kleinen Manufaktur nicht immer alles sofort lieferbar ist, sei heute nicht mehr so einfach zu vermitteln. Die Kunden seien vom Onlineshopping gewöhnt, dass sie heute bestellen und morgen die Waren haben, so Rupperts Einschätzung.
Mit einer Ende des 19. Jahrhunderts gegründeten Sternenmanufaktur begann die Wirtschaftsgeschichte des „Herrnhuters“. Wechselnde Strukturen folgten, der Stern blieb. Die 1991 mit 23 Angestellten gestartete GmbH hält heute die Markenrechte für die besondere Bauform des Rhomben-Kuboktaeders mit 25 Zacken. Auch vom Bundesgerichtshof wurde das schon bestätigt. Probleme mit Plagiaten gebe es dennoch immer mal wieder. Bei den ganz eigenen Sternenformen anderer Hersteller sieht Ruppert die nicht. Den Hartensteiner Stern beispielsweise findet er „handwerklich top gemacht“. Auf den Buchbindermeister Oswald Härtel in Hartenstein bei Zwickau geht dieses Stück Kunsthandwerk zurück, gefertigt aus Aluminiumfolie und Leuchtpapier. Inzwischen wird er in vierter Generation produziert. Zusammen mit dem Herrnhuter und weiteren Sternen ist der „Hartensteiner“ ein Grund, warum man Sachsen durchaus Sternenland nennen kann.
In Annaberg-Buchholz war es ein Kartonagenfabrikant, der vor reichlich hundert Jahren seinen Stern entwickelte und verkaufte. Einen, der sich auf- und zuklappen lässt. Zu DDR-Zeiten wurde die Produktion des „Annaberger Faltsterns“ eingestellt. Nach der Wende aber baute der Buchbinder Manfred Kraft aus der Erzgebirgsstadt diesen nach. Eine kleine Produktion entstand. Die ist inzwischen in der Hand von Sohn Ingolf Kraft. Mit seinen Mitarbeitern stellt er um die 12.000 Sterne jährlich her. Auch der Marienberger Adventsstern ist das Werk eines Familienbetriebs mit Sitz im namengebenden Marienberg. Um die 200 Varianten hat man dort im Portfolio, auch Motivsterne mit beispielsweise Bienen, Sandmännchen oder mit Reminiszenzen an Fußballvereine.
In Wilkau-Haßlau bei Zwickau entsteht seit 1985 der Haßlauer Stern. Er erinnere an jedem Weihnachtsfest an das Kommen Jesu Christi in unsere Welt, wie Werkstatt- Inhaber Matthias Wild es beschreibt. Auch den Herrnhutern ist die Verbindung zum biblischen Stern von Bethlehem wichtig. Laut dem Matthäusevangelium führte ein solcher Himmelskörper weise Männer aus dem Orient zum Geburtsort des Jesus von Nazareth. „Wir vermitteln diese Geschichte, aber zwingen sie niemandem auf“, ist Jens Ruppert überzeugt. Für ihn sei es auf jeden Fall immer ein besonderer Moment, wenn er Großsterne an Kirchgemeinden übergeben kann. „Was uns da für eine Freude entgegenschlägt. Das Leuchten in den Augen“, beschreibt er. Es ist auch wegen solcher Momente, dass Jens Ruppert mit Blick auf seine Arbeit sagt: „Ich kann mir nichts anderes mehr vorstellen.“


