Von Nora Miethke
Dresden. Steigende Spritpreise sind für viele Autofahrer ein Ärgernis, für Besitzer von Elektroautos mit Solaranlage dagegen zunehmend ein Argument mehr für die eigene Energiewende. Während die Unsicherheit an den internationalen Energiemärkten infolge der Krisen im Nahen Osten und anderer geopolitischer Konflikte wächst, versprechen neue Technologien mehr Unabhängigkeit von Öl-, Gas- und Strompreisen. Genau darauf setzen BMW und das Dresdner Unternehmen Solarwatt.
Beide Partner wollen Elektroautos künftig nicht mehr nur als Fortbewegungsmittel nutzen, sondern zugleich als riesigen Stromspeicher für das eigene Zuhause. Wer tagsüber Sonnenstrom produziert, soll ihn nicht nur zum Laden des Fahrzeugs verwenden, sondern bei Bedarf auch wieder aus der Autobatterie ins Haus zurückholen können. Damit könnten Eigenheimbesitzer ihre Stromkosten weiter senken – und Elektroautofahrer noch günstiger unterwegs sein.
BMW und Solarwatt, die seit 2013 zusammenarbeiten, bringen Ende 2026 ein neues Angebot auf den Markt. Es soll Elektroautos stärker in die Energieversorgung von Eigenheimen einbinden. Im Mittelpunkt steht dabei die sogenannte Vehicle-to-Home-Technologie (V2H), bei der das Auto nicht nur geladen wird, sondern seine Batterie bei Bedarf auch Strom an den Haushalt zurückgeben kann. Möglich wird das zunächst mit den Modellen iX3 und i3 der Neuen Klasse von BMW sowie der bidirektional ausgelegten BMW Wallbox Professional. Das Elektroauto wird damit zu einem zusätzlichen Stromspeicher und ergänzt Photovoltaikanlage und stationären Batteriespeicher. Die Steuerung übernimmt das Heimenergiemanagementsystem „Solarwatt Manager“, das sämtliche Energieflüsse im Haus koordiniert.
Höherer Eigenverbrauch und geringere Stromkosten
Das Entscheidende ist aber eigentlich das Energiemanagement. Das sei das „Gehirn der Anlage, was intelligent weiß, wie viel Strom kommt gerade vom Dach, wie viel Strom brauche ich und wie verteile ich den Strom so, dass ich ihn möglichst günstig zur richtigen Zeit benutze“, erläutert Solarwatt-Geschäftsführer Peter Bachmann. Der wirtschaftliche Vorteil für Kunden liegt vor allem darin, dass deutlich mehr selbst erzeugter Solarstrom im eigenen Haushalt genutzt werden kann. Bislang erreichen viele Einfamilienhäuser mit Photovoltaikanlage und stationärem Speicher einen Autarkiegrad von etwa 70 bis 80 Prozent. Durch die Einbindung des Elektroautos lässt sich dieser Anteil weiter steigern.
„Wer ein Elektroauto der Neuen Klasse wie den BMW iX3 fährt, kann durch den zusätzlichen Speicher selbsterzeugten Solarstrom noch effizienter nutzen, den Eigenverbrauch erhöhen und so den Bezug von teurem Netzstrom reduzieren“, sagt Bachmann, der seit 14 Jahren für Solarwatt arbeitet.
Der Strom vom eigenen Dach sei dabei erheblich günstiger als Strom aus dem Netz. Nach Angaben von Solarwatt kostet selbst erzeugter Solarstrom rund sechs Cent pro Kilowattstunde. Für Strom aus dem öffentlichen Netz müssten Haushalte dagegen derzeit etwa 32 Cent bezahlen. Wie er auf die sechs Cent kommt, rechnet Bachmann wie folgt vor: Solarwatt gibt 30 Jahre Garantie. In diesem Zeitraum könne eine klassische PV-Anlage 300 000 Kilowattstunden (kW/h) Strom erzeugen. Ein Einfamilien-Haushalt verbrauche im Jahr aber nur rund 4000 kw/h Strom. Das macht über 30 Jahre 120 000 kW/h. Teile man die 300 000 kW/h durch den Strompreis, komme man auf sechs Cent, so der Solarwatt-Chef und fährt fort: „Hier sieht man die Riesenersparnis.“
Die Batterie eines Elektroautos biete dabei ein Vielfaches der Speicherkapazität eines herkömmlichen Heimspeichers. Während ein stationärer Speicher typischerweise etwa zehn Kilowattstunden fasst, verfügen moderne Elektroautos von BMW über rund 100 Kilowattstunden Kapazität. „Wenn ich das Auto in die Einbindung einbeziehe, kann ich die letzten Prozente der Autarkie noch weiter steigern“, betont er. Das Fahrzeug werde zwar in erster Linie zum Fahren gekauft. „Aber ich habe einen angenehmen Nebeneffekt, um den Strom zu nutzen.“
Zusätzlich lassen sich über das Energiemanagementsystem dynamische Stromtarife einbinden und Solarertragsprognosen berücksichtigen. Dadurch sollen sich Lade- und Entladevorgänge weiter optimieren lassen. Für Peter Bachmann steckt darin erhebliches Potenzial: „Das steigert den Nutzen der eigenen PV-Anlage deutlich, senkt Stromkosten und macht das Zuhause noch unabhängiger von teurerem Stromnetzbezug.“
Geopolitische Krisen treiben Nachfrage
Die geopolitischen Krisen und steigenden Energiepreise führen zu einem deutlich wachsenden Interesse an erneuerbaren Energien. Besonders seit den Energiepreissprüngen infolge des Ukraine-Krieges und derzeit des Iran-Kriegs habe sich die Nachfrage spürbar erhöht. Viele Verbraucher seien zu der Erkenntnis gelangt, dass hohe Energiepreise keine vorübergehende Erscheinung sein werden.
Besonders in Sachsen und Ostdeutschland sei ein wachsendes Interesse festzustellen. Am Standort in Dresden habe sich der Verkauf von Anlagen in Sachsen verdoppelt. Dabei sind es nicht nur private Hausbesitzer, die verstärkt auf Photovoltaik setzen. Auch Gewerbebetriebe investieren zunehmend in vernetzte Energielösungen. Solarwatt bietet hierfür Komplettsysteme aus Solaranlage, Speicher, Wärmepumpe und Wallboxen an. „Das Zusammenspiel ist einfach noch wirtschaftlicher“, betont Bachmann. Deshalb verfolge das Unternehmen seit Jahren eine Strategie der sogenannten Sektorenkopplung, bei der Strom, Wärme und Mobilität miteinander verbunden werden. Diskussionen über mögliche Änderungen bei der Solarförderung sieht er vergleichsweise gelassen. Entscheidend für die Wirtschaftlichkeit einer Anlage sei nicht die Einspeisevergütung, sondern der Eigenverbrauch. „Viele Menschen denken ja noch, dass sich die PV-Anlage über die Einspeisevergütung rechnet. Das ist aber nicht der Treiber. Überhaupt nicht“, so Bachmann, der mit diesem Mythos aufräumen will. Die Einnahmen aus der Einspeisung machten häufig nur 100 bis 200 Euro im Jahr aus. Deutlich größer sei der finanzielle Vorteil durch den selbst genutzten Strom.
Geschäftsentwicklung wieder auf Normalniveau
Solarwatt beschäftigt derzeit rund 350 Mitarbeitende. Der Hauptsitz ist in Dresden. Daneben verfügt das Unternehmen über weitere Standorte in Deutschland und Niederlassungen im Ausland.
Nach den außergewöhnlichen Boomjahren während der Corona-Pandemie und der Energiekrise hat sich die Geschäftsentwicklung inzwischen normalisiert. 2025 lag das Geschäft unter dem Niveau des Ausnahmejahres 2023, was Solarwatt jedoch als Rückkehr zu normalen Marktverhältnissen bewertet. „Wir sind zufrieden“, heißt es. Für das laufende Jahr zeigt sich Bachmann vorsichtig optimistisch. Zwar steige die Nachfrage wieder an, belastbare Prognosen will er jedoch nicht abgeben.


