Von Ulrich Milde
Zwickau. Es ist ein Stück heile Welt. „Wir sehen Stabilität in unserem Markt für die nächsten 15 Jahre und mehr“, verkündete Werner Benade, Europa-Chef von Clarios, in Zwickau. In dem dortigen Werk wurde jetzt die 100-millionste AGM-Batterie für Autos hergestellt. Allein in den nächsten zwei Jahren würden in den Ausbau der Fertigung „über zehn Millionen Euro“ investiert, sicherte der Manager zu. Für Modernisierungsmaßnahmen kommen zusätzlich jedes Jahr rund fünf Millionen Euro obendrauf.
Ein ökonomischer Lichtblick. Schließlich befindet sich Südwestsachsen mit seinen eine Million Einwohnern in einem tiefgreifenden Wandel. Ausgangspunkt ist die besondere Betroffenheit einer stark industrialisierten Region, die vor allem durch den Wandel der Autohersteller, technologischen Fortschritt, internationalen Wettbewerbsdruck, den Übergang zur Klimaneutralität, den demografischen Trend und den Fachkräftemangel vor großen Herausforderungen steht. Speziell die Autobranche einschließlich vieler Zulieferer blickt in eine ungewisse Zukunft, allen voran das Werk von Volkswagen im Zwickauer Ortsteil Mosel.
Masterplan für die Region
„Das Clarios-Beispiel macht den Menschen hier Mut“, hoffte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer im Rahmen einer Feierstunde zum Produktionsjubiläum. Der Regierungschef setzt große Erwartungen in den Masterplan Region Chemnitz-Südwestsachsen. Die Landkreise Erzgebirge, Mittelsachsen, Vogtland, Zwickau sowie die Stadt Chemnitz haben einen gemeinsamen Prozess gestartet, um die riesigen Aufgaben zu meistern. 100 Millionen Euro stehen dafür zur Verfügung. „Wenn wir es klug machen, geben wir das Geld nicht für Dorfgemeinschaftshäuser aus, sondern für Technologien“, forderte Kretschmer.
Die Zwickauer Clarios-Fabrik kann dabei mit Blick auf ihre Historie als Beispiel für einen gelungenen Umbruch betrachtet werden. Gegründet wurde die Stätte bereits 1884 zur Fertigung von Grubensicherungslampen. 24 Jahre später ging es mit Bleibatterien für den Rundfunkempfang und für Funkgeräte weiter. 1930 begann die Zulieferung für die Autoindustrie mit der Fabrikation von Bleibatterien zum elektrischen Starten von Kraftfahrzeugen, insbesondere für die Chemnitzer Auto Union AG. Zu DDR-Zeiten waren die Grubenlampenwerke Zwickau der größte Hersteller von Bleistarterbatterien im Ostblock. 2001 übernahm der US-Konzern Johnson Control das Werk und investierte gut 100 Millionen Euro in den Ausbau der Kapazitäten. Die Batteriesparte wurde von den Amerikanern vor sieben Jahren an die Investmentfirma Brookfield veräußert und heißt seitdem Clarios. Brookfield mit Sitz im kanadischen Toronto verwaltet Anlagen im Wert von gut einer Billion US-Dollar.
Schlüsseltechnologie für Transformation
Inzwischen hat sich Zwickau nach Angaben von Benade zum weltweit größten Standort zur Herstellung von AGM-Batterien gemausert. AGM steht für Absorbent Glass Mat. Diese Akkus haben eine Vliesmatte aus Glasfasern. Das macht sie besonders auslaufsicher und wartungsfrei. Eingesetzt werden sie in Elektroautos sowie Wagen mit Start-Stop-Automatik. „In jedem dritten Fahrzeug weltweit steckt eine unserer AGM-Batterien“, berichtete Benade. Elektroautos benötigen neben der Hochvoltbatterie eine im Niederspannungsbereich. Sie sichert etwa das Bremssystem ab, die elektrischen Fensterheber und die Türverriegelung. „AGM ist eine Schlüsseltechnologie für die automobile Transformation“, folgerte Benade. Clarios mit Sitz im US-Bundesstaat Wisconsin sieht sich als weltweiter führender Anbieter für Niederspannungsbatterien und ist Eigentümer der traditionsreichen Marke Varta. Beliefert werden 1,5 Millionen Kunden rund um den Globus. Die 18.000 Mitarbeiter fertigen jährlich 150 Millionen Stück und erwirtschaften so einen Jahresumsatz von elf Milliarden Euro. Die Europa-Zentrale befindet sich in Hannover. Dort sind 1300 Beschäftigte tätig.
In Zwickau hat der jetzige Eigentümer die Kapazität schrittweise von 6,5 Millionen auf rund sieben Millionen Batterien im Jahr gesteigert. Angepeilt ist eine weitere Erhöhung auf acht Millionen. Auch mit der Beschäftigtenzahl ging es aufwärts. Nach Angaben von Werkleiter Kai Mille stehen aktuell 550 Menschen auf den Gehaltslisten, was seit der Übernahme einer Verdoppelung entspricht. Sie arbeiten im Schichtsystem rund um die Uhr. „Wir wollen in der Region für die Region da sein“, ergänzte der Europa-Chef. Das garantiere stabile und kurze Lieferwege. „Wir stehen gut da“, betonte Mille. Der Standort Zwickau sei zukunftsfähig.
Die Aussichten bezeichnete Benade („das Auto von heute ist wie ein Flugzeug mit vier Rädern auf der Straße“) als gut. „Wir wachsen schneller als der Markt.“ Konjunkturelle Schwankungen können dabei kompensiert werden. Clarios-Akkus stecken nicht nur in vielen Neuwagen. Über den Lebenszyklus eines Autos kommen drei bis vier weitere Batterien hinzu. „Es ist eine kontinuierliche Nachfrage vorhanden.“ Die Zwickauer Fabrik werde benötigt.
Freiberger Recyclingwerk erworben
Clarios hat offenkundig auch die ökologischen Zeichen der Zeit erkannt. Als Vorgabe gilt, trotz steigender Ansprüche Technologien mit weniger Energie- und Ressourcenverbrauch zu entwickeln. Bereits heute können 99 Prozent der Materialien recycelt werden. Täglich werden im Konzern 200.000 alte in neue Autobatterien umgewandelt. Vor Kurzem hat das Unternehmen ein Batterierecyclingwerk in Freiberg mit 150 Beschäftigten übernommen. Diese Akquisition sei ein „strategischer Meilenstein“ für Clarios, erklärte Benade. „Indem wir unsere Recycling- und Materialrückgewinnungskapazitäten ausbauen, schaffen wir eine resilientere und nachhaltigere Lieferkette im Einklang mit den kommenden EU-Batterievorschriften.“ Sie sehen unter anderem einen digitalen Batteriepass vor. Er soll Transparenz über die Lieferkette und den CO2-Abdruck schaffen. Noch liegt die Clarios-Recyclingquote bei 75 Prozent. Ziel seien 100 Prozent. Kretschmer sieht das Werk ebenfalls auf richtigem Kurs. „Die Kreislaufwirtschaft wird eine immer größere Rolle spielen“, sagte er voraus – für eine möglichst heile Welt.


