Grimma/Leipzig. Der Ort, der Schauplatz krimineller Geschäfte war, liegt an der Autobahnabfahrt Grimma. Es ist ein Lagerplatz zwischen Autohandel und Aral-Tankstelle, umgeben von hohen Metallwänden. Auf einem Schild steht nur: Palettenhandel.
Das Tor steht offen, drinnen auf dem Hof stapeln sich ein paar Europaletten aus Holz, verschiedene Transportboxen, ein Gabelstapler steht herum. Trotzdem scheint das Gelände verlassen zu sein, seit jenem November 2024, als hier die Polizei für Durchsuchungen anrückte.

Quelle: Niclas Tiedemann
Die Beamten suchten nicht etwa Drogen oder Waffen, sondern Plastikboxen, Obst- und Gemüsekisten, wie man sie aus Supermärkten und von Wochenmärkten kennt.
Der damalige Eigentümer des Lagerplatzes hatte mit ihnen ein kleines Vermögen gemacht. Die Behörden gehen von fast 700.000 Euro aus. Und er ist nicht der Einzige.
Kriminelle nutzen Pfandsystem aus
Aber wie genau funktioniert das? Wie lässt sich mit Kisten so viel Geld verdienen? Leipziger Volkszeitung und Sächsische Zeitung haben über Wochen recherchiert, sich mit Logistikfirmen und Sicherheitsbehörden ausgetauscht, verschiedene Lagerplätze in Sachsen besucht. Es ergibt sich ein Geschäftsmodell, in das auch kriminelle Clans involviert sein sollen. Um es zu verstehen, muss man dort anfangen, wo die Kisten eigentlich zum Einsatz kommen.
9 Uhr morgens in einem Leipziger Supermarkt. In der Obst- und Gemüseabteilung schieben Mitarbeiter Wägen durch die Gänge, auf denen sich schwarze Plastikkisten stapeln. Sie sind gefüllt mit Erdbeeren, Pfirsichen, Salat – frische Ware, die einsortiert werden muss. Die Kisten sind stabil, lassen sich einfach zusammenklappen und reinigen. „Sie sind perfekt“, sagt der Supermarktbetreiber, der seinen Namen oder den seines Ladens hier nicht lesen will.

Quelle: Niclas Tiedemann
Die perfekten Kisten gehören nicht ihm, sondern IFCO Systems. Die Firma vermietet die Kisten an ihre Kunden, darunter große Supermarktketten wie Rewe und Aldi. Die Händler profitieren von einer festen Lieferkette: Sind die Kisten leer, holt sie ein Lkw-Fahrer ab, fährt sie zu einem Zentrallager. Dort werden sie gereinigt, neu befüllt und wieder ausgeliefert. Die Supermärkte zahlen pro Kiste eine Pfandgebühr, die bei Rückgabe wieder ausgezahlt wird. Und genau das versuchen Kriminelle im großen Stil auszunutzen.
Pfandkisten-Betrug: Kriminelle nutzen System in Sachsen aus
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Das Landeskriminalamt in Sachsen (LKA) hat zu mehreren Fällen ermittelt. Das Vorgehen lässt sich in etwa so beschreiben: Die Täter kaufen unterschlagene oder gestohlene Kisten, etwa von Lkw-Fahrern, um sie dann für einen höheren Preis weiterzuverkaufen. „Aufgrund der Vielzahl der im Umlauf befindlichen Kisten und der relativ hohen Pfandgebühr von mindestens 3,50 Euro pro Kiste lassen sich damit relativ hohe Gewinne erwirtschaften“, teilt das LKA auf Nachfrage mit.
Hussam D. betrieb den Handel mit Kisten im großen Stil
Einer, der genau das getan hat, ist Hussam D. Er wurde im November 2024 verhaftet, nachdem die Polizei mehrere Lagerplätze durchsucht hatte, auch den in Grimma. Ein Jahr später verurteilte ihn das Landgericht Dresden wegen Steuerhinterziehung und gewerbsmäßiger Hehlerei. Er hat gestanden. Das Urteil ist rechtskräftig und liegt Leipziger Volkszeitung und Sächsischer Zeitung vor. Der Fall Hussam D. gibt genaue Einblicke in die Logistik des illegalen Handels.
Hussam D. stammt aus Syrien. 2012 kam er nach Deutschland, stellte später einen Asylantrag. D. lebte lange in Leipzig, arbeitete für Firmen, die offiziell mit Europaletten oder Gitterboxen handelten – auch für die ADH Palettenhandel GmbH mit Sitz in Lützen, Sachsen-Anhalt. Die Firma hatte mehrere Lagerplätze in Sachsen und Brandenburg, aber auch in Niedersachsen.
Viele Palettenplätze werden von Personen betrieben, die dem Clan-Milieu zugerechnet werden können. – Aus einer Mitteilung, des LKA Sachsen
Um diese Lager zu betreiben, braucht es kein besonderes Wissen. Ausländische Personen könnten dort deswegen problemlos offiziell arbeiten, heißt es seitens des LKA.
Doch: „Viele Palettenplätze werden von Personen betrieben, die dem Clan-Milieu zugerechnet werden können.“ Unter Clans verstehen die Sicherheitsbehörden Familien, deren Mitglieder zum Teil immer wieder gegen das Gesetz verstoßen.

Quelle: Rewe-Group
Wie ist das im Fall Hussam D.? Als offizieller Geschäftsführer der ADH galt lange ein Mann mit polnischem Namen. Vor dem Landgericht Dresden wurde jedoch deutlich, dass es sich um einen Strohmann handelte. Der eigentliche Chef war Hussam D. Das LKA ordnet ihn auf Nachfrage tatsächlich einem Clan in Leipzig zu.
Hussam D. wurde schon im Mai 2024 wegen Steuerhinterziehung verurteilt, die Summe belief sich auf knapp 1,16 Millionen Euro. Trotzdem kaufte und verkaufte er im selben Jahr über Monate mehr als 350.000 Obst- und Gemüsekisten. ADH ließ einen Flyer drucken, der mit der Möglichkeit warb, verschiedene Paletten legal abzuliefern. Ein Exemplar liegt Sächsischer Zeitung und Leipziger Volkszeitung vor. Handynummern stehen darauf, Adressen der verschiedenen Lagerplätze der ADH. Und der Hinweis: 24 Stunden geöffnet.

Quelle: Alexander Schneider
Mit solchen Flyern, so das LKA, werde auf Rastplätzen unter Lkw-Fahrern gezielt geworben. Dass es sich dabei um ein Scheingeschäft handelt, sei dort bekannt. Der Verkauf der Obst- und Gemüsekisten „bietet die Möglichkeit, ihr relativ niedriges Einkommen ohne großen Mehraufwand aufzubessern“.
Hussam D. kaufte Kisten von verschiedenen Lkw-Fahrern, darunter auch jene, die im Auftrag der Rewe Market GmbH unterwegs waren. Mal bekam er 9900 Stück, mal 42.300. Sie stammten vor allem von IFCO, aber auch von der Firma Euro Pool System. Euro Pool verfolgt dasselbe System, verleiht Kisten gegen Gebühr und Pfand. Sie sind grün, man sieht sie auch bei kleineren Obstläden oder auf dem Wochenmarkt.
Ungefähr 108.000 Euro in bar
Wie viel Hussam D. pro Kiste zahlte, weiß keiner. Klar ist: Der Syrer verkaufte die Kisten gewinnbringend weiter. Im Mai 2024 bekam er für 36.900 schwarze IFCO-Kisten fast 85.000 Euro, wenige Monate später 108.000 Euro für 39.300 schwarze IFCO-Kisten und 7.200 Euro-Pool-Kisten. Alles in bar. Doch was passierte mit der Ware?
Am Ende würden die Obst- und Gemüsekisten wieder im offiziellen Pfandkreislauf auftauchen, heißt es seitens des LKA. „Dies erfolgt zumeist über Zwischenhändler, die an den großen Fruchthöfen gelistet sind, oder über Obst- und Gemüsehändler beziehungsweise Erzeuger, die die Kisten direkt wieder mit Ware befüllen, um sie anschließend befüllt mit Ware wieder zu verkaufen.“
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Hussam D. verkaufte seine Obst- und Gemüsekisten vor allem an einen Supermarkt in Berlin, im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Eine Anfrage dieser Zeitung an die Betreiber des Supermarkts blieb unbeantwortet. Im März dieses Jahres gab es in Berlin mehrere Durchsuchungen wegen des Verdachts der gewerbsmäßigen Hehlerei. Dabei fand die Polizei 300.000 Obst- und Gemüsekisten, außerdem 950.000 Euro Bargeld. Die Staatsanwaltschaft Berlin ermittelt gegen zwei Brüder. Dabei handelt es sich um Abnehmer von Hussam D., so das LKA Sachsen.
Wegen seiner illegalen Geschäfte, der Steuerhinterziehung und gewerbsmäßigen Hehlerei wurde Hussam D. vom Landgericht Dresden zu einer Haftstrafe verurteilt: vier Jahre und sechs Monate. Die verbüßt er offenbar nicht in einem sächsischen Gefängnis, sondern in Berlin. Das ergab eine Anfrage bei der Staatsanwaltschaft Dresden. Wo sich Hussam D. genau befindet, ist unklar. Eine Anfrage bei seinen Anwälten blieb unbeantwortet.
Überwachung der Lkw-Fahrer offenbar unzureichend
Die Firma des Syrers, die ADH Palettenhandel GmbH, gibt es nicht mehr, sie wurde liquidiert. An dem Lagerplatz in Grimma hängt jetzt ein Banner: „Attraktive Gewerbefläche zu vermieten.“ Doch der Ort ist nicht ganz verlassen. Im Wohncontainer hält ein Mann ein Mittagsschläfchen, wacht auf, als man ihn anspricht: Wie viele Paletten man abliefern möchte, fragt er. Der Mann spricht schlecht Deutsch. Ob er Hussam D. kenne? Ja, sagt der Mann, aber der sei weg. Von dem neuen Chef kenne er nur den Vornamen.
Dem LKA zufolge wurde das Geschäft von Hussam D. innerhalb der Familie weitergereicht, die Organisation an den jeweiligen Standorten von verschiedenen Mitgliedern übernommen. In dem Wohncontainer auf dem Lagerhof in Grimma macht es sich der Mann auf seinem Bett wieder bequem. Auf dem Tisch liegen Zahnbürste und Zahnpasta. Offenbar hat er eine lange Schicht vor sich.

Quelle: Niclas Tiedemann
Auch andere haben versucht, Geschäfte mit den Obst- und Gemüsekisten zu machen. Im April dieses Jahres durchsuchte die Polizei Gewerbeeinheiten in Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Ein 29-jähriger Syrer wurde festgenommen, er betrieb unter anderem einen Lagerplatz in Hainichen. Die Staatsanwaltschaft Chemnitz ermittelt gegen ihn.
Das LKA beschlagnahmte bei den Durchsuchungen insgesamt 35.000 Obst- und Gemüsekisten. Anders als bei Hussam D. konnten sie den Eigentümern wieder zurückgegeben werden.

Quelle: Niclas Tiedemann
Aber wie lässt sich verhindern, dass sie künftig nicht einfach so verschwinden? Das Landgericht Dresden hat im Verfahren gegen Hussam D. bemängelt, dass die Überwachung der Lkw-Fahrer durch die Einzelhändler nur unzureichend war.
Was muss sich also ändern? IFCO und Euro Pool sind bei dem Thema vorsichtig. Die beiden Firmen betrifft es nur indirekt, sie wollen Rücksicht auf ihre Kunden nehmen. Es seien vor allem die Ermittlungsbehörden gefragt, potenzielle Geschädigte anzusprechen, erklärt eine Euro-Pool-Sprecherin.
Dies geschehe bereits, heißt es seitens des LKA. Aus Sicht der Ermittler müssen „die Vorkehrungen beziehungsweise Überwachung bei der Pfandrückgabe durch die Lkw-Fahrer (…) im Einzelhandel und den Zentrallagern der Großhändler verbessert werden“. Von Rewe, dem Unternehmen, das Hussam D. auch geprellt hatte, will sich niemand äußern.
SZ


