Ebersbach-Neugersdorf. Dieser Platz atmet ganz viel Geschichte. Hunderte Autos fahren täglich am Spree-Eck in Ebersbach vorbei, hier kreuzt die Bahnhofstraße die B96. Kaum einer weiß noch: An dieser Stelle, wo heute Grünflächen und Parkplätze sind, stand einmal eine Fabrik. Heute erinnert fast nichts mehr daran. Wie das Spree-Eck gibt es in Ebersbach – und auch im Ortsteil Neugersdorf – zahlreiche Standorte ehemaliger Industriebetriebe: Spinnerei, Weberei, Färberei, Kerzenfabrik, Möbelwerk, Textilmaschinenbau.
Enthusiasten treiben Projekt voran
„Irgendwann geht das Wissen über die alten Betriebe verloren“, sagt Kerstin Lammel. Die Industrie aber sei ein großer und wichtiger Teil der Geschichte von Ebersbach-Neugersdorf. Viele Entwicklungen hängen damit zusammen. Die Stadt wurde vor den großen Fabriken durch häusliche Leineweberei geprägt. Noch heute zeugen die typischen Umgebindehäuser davon. Ohne das Handwerk und die spätere Industrie gebe es Ebersbach und Neugersdorf in ihrer heutigen Form gar nicht. Sparkasse, Bad, Bibliothek – das alles entstand infolge der Industrialisierung.
Und so hat sich Kerstin Lammel mit einigen anderen Enthusiasten zusammengetan, um ein besonderes Projekt voranzutreiben. Ein Kulturpfad soll entstehen, der an die Industriekultur und andere Besonderheiten erinnert.
Erzählsteine sollen Infos liefern
Die Idee ist nicht ganz neu. Vor Jahren wurde schon einmal damit begonnen, deshalb gibt es bereits eine Stele mit der Aufschrift „Kulturpfad“. Seit vielen Jahren liegt das Projekt brach. Immer wieder sei aber im Gespräch gewesen, auch mit Einwohnern, was es mit der Stele eigentlich auf sich hat, die da am Spree-Eck steht, erzählt Daniela Schröder. Sie hat als Quartiersmanagerin in der Ebersbacher Altstadt viel Kontakt zu Bürgern. Ihr kleines Büro auf der Bahnhofstraße ist eine Anlaufstelle.
Weil wir in der Stadt auch kein Museum mehr haben, ist das alles etwas aus dem Blickfeld gerückt. – Kerstin Lammel, Initiative Kulturpfad
Kerstin Lammel, Daniela Schröder und die anderen Mitstreiter wollen das vergessene Projekt wieder aufgreifen. „Solange noch genug Menschen da sind, die sich erinnern und etwas beitragen können.“ Am Spree-Eck soll der Startpunkt sein. Die Idee: „Wir legen keinen direkten Pfad an, dem man strikt folgen muss, sondern Erzählsteine“, erklärt Kerstin Lammel. Das sollen Steinsäulen sein, die an unterschiedlichsten Stellen in der Stadt postiert werden, wo es etwas zu entdecken gibt. Etwa an den Freud’schen Häusern am Ortsausgang von Ebersbach in Richtung Friedersdorf oder an der Spinnerei in der Bleichstraße – der letzten verbliebenen großen Fabrik in Ebersbach.
An den Steinen soll es Infotafeln zu den Objekten geben und einen QR-Code, mit dem Besucher übers Handy auf die Infos zugreifen können. Auf dem digitalen Weg könnte man mit Audiodateien die Historie auch hörbar machen: das Rattern eines Webstuhles zum Beispiel oder auch die Stimme von Mundartdichter Herbert Andert. „Da gibt es noch Tonaufnahmen“, so Kerstin Lammel.
Am Handy den Webstuhl rattern hören
Auf diese Weise könnte man den Pfad immer wieder erweitern. „Da kann auch der schönste Bauerngarten oder das älteste Umgebindehaus integriert werden“, nennt sie Beispiele. Das soll ausdrücklich auch auf den Ortsteil Neugersdorf ausgeweitet werden. „Aber in Ebersbach fangen wir jetzt erst mal an.“
Drei Themenschwerpunkte haben sich die Macher von der Initiative überlegt. Bei „Herrmann Wünsches Erben“ soll es um die Textilindustrie gehen. Wünsche war einst der größte Textilhersteller in Ebersbach. Auch andere Betriebe und die Handweberei sollen dort eine Rolle spielen. Der Part „Mundart“ soll die besondere Sprache der Oberlausitzer aufgreifen. Auch wie die Oberlausitzer leben, kann hier mit hineinspielen. Und in der Rubrik „Kunst und Künste“ soll an Maler, Musiker, Steinmetze, Schnitzer und andere Kunstschaffende erinnert werden, von denen es in der Stadt etliche gab und gibt. „Weil wir in der Stadt auch kein Museum mehr haben, ist das alles etwas aus dem Blickfeld gerückt“, bedauert Kerstin Lammel.
Die Informationen zu den Standorten kommen zum großen Teil von den Einwohnern selbst. Bei einem Treffen in der Alten Mangel etwa, zu dem die Initiative aufgerufen hatte, haben alte Textilwerker ihre Geschichten und Erinnerungen erzählt. „Das war sehr emotional“, erinnern sich die Frauen. „Es haben ja ganze Familien über Generationen hinweg in der Textilindustrie gearbeitet. Das ist alles weggebrochen.“ Auch unter den Mitstreitern der Bürgerinitiative sind ehemalige Beschäftigte aus den Textilbetrieben.
Von vielen Betrieben ist inzwischen nichts mehr da, das Stadtbild hat sich enorm verändert. Das meiste ist nach der Wende abgerissen worden, wie zum Beispiel die „Dreßlersche Fabrik“, an deren Stelle heute der Lidl-Markt steht. „Keiner weiß irgendwann mehr, wie die Orte überhaupt entstanden sind. Das zu bewahren, treibt uns an.“
Stadt hat Förderung beantragt
Über das Engagement freut sich auch der Bürgermeister; Stadt und Stadtrat unterstützen das Vorhaben. „Das ist ein tolles Projekt für den Tourismus und auch für unsere Einwohner“, sagt Bürgermeister Steffen Ain. Perspektivisch soll es deshalb sogar einen Imagefilm geben, der das Projekt bewerben soll, berichtet er. Um die Kosten für den Start zu decken, hat die Stadt einen Fördermittelantrag über das Leader-Programm eingereicht, so Ain. Der Startpunkt am Spree-Eck, die ersten Stelen an weiteren ehemaligen Industrie-Standorten mit Infotafeln sowie die Produktion des Marketingfilms sollen mit dem Geld abgedeckt werden. Je nachdem, wann die Fördermittel kommen und in welcher Höhe, wird dann mit der Umsetzung begonnen.
Zeitzeugen gesucht: Wer zur früheren (Textil-)Industrie in Ebersbach-Neugersdorf etwas beitragen kann, ist aufgerufen, sich per E-Mail bei der Initiative zu melden: ebersbach-aktiv@web.de.
SZ


