Von Irmela Hennig
Proschim. Es hätte Schmetterling sein sollen. Doch für die kleine Tochter eines Freundes sei dieses Wort anfangs zu schwierig gewesen. Und so wurde das Flatterwesen zum „Schmeckerlein“. Das fiel Alexander Tetsch wieder ein, als er einen Namen für sein geplantes Restaurant im südbrandenburgischen Proschim suchte. „Schmeckerlein“ – das passte doch, dachte der heute 61-Jährige.
Und immerhin – auch für Schmetterlinge ist hier von Frühling bis Herbst angerichtet. Denn im Garten, um den sich Ehefrau Sybille Tetsch kümmert, blüht es üppig. Rhododendron, Lavendel, Kräuter und mehr – ein echtes Insektenbuffet.
Um das gedeihen zu lassen, braucht es Wasser. So selbstverständlich das klingt – hier, an der Grenze zu Sachsen und mitten im Lausitzer Seenland, ist genau das Mangelware. „Vor uns liegt der Tagebau Welzow, wo Grundwasser abgepumpt wird. Hinter uns ist eine Dichtwand – einhundert Meter tief im Boden“, so Sybille Tetsch. Laut Bergbauunternehmen Leag soll sie verhindern, das Grundwasser aus der Lausitzer Seenkette in den Tagebau abfließe. Dazwischen also sitzt Proschim – auf dem Trockenen.

Quelle: IMAGO/Andreas Franke
Zusätzlich erwärme die dunkle Oberfläche der Braunkohlegrube die Luft, erklärt die 55-Jährige. Viel Regen komme, konkret hier, auch nicht an, anders als über den gefluteten Restlöchern. „Wir sind der Versteppung preisgegeben“, resümiert darum Alexander Tetsch. Folglich nutzt das Paar Trinkwasser, um ihre Idylle zu erhalten.
Dieser ist Ende Juni, trotz Sommerhitze, nichts vom Dürre-Dilemma anzumerken. Und für einen Moment auch nichts von eben jenem gewaltigen Welzower Bergbauprojekt etwa 500 Meter Luftlinie entfernt. Jährlich um die 20 Millionen Tonnen Braunkohle werden dort von der Leag gefördert. Das bringt Lärm, Staub und viel Verkehr in den Ort.
Vorzeitiges Tagebau-Ende geplant
2030 aber soll nach jüngsten Angaben Schluss sein. Drei Jahre früher, als geplant per gesetzlich beschlossenem Ausstieg aus der Kohlenutzung. Wäre dieser nicht gekommen, das auf Kohle liegende Proschim wäre wohl verschwunden – so wie rund 80 Dörfer und Ortsteile im Lausitzer Revier bislang.
Der Bergbautreiber Leag habe 2021 bekannt gegeben, „das Teilfeld II des Tagebaus Welzow-Süd nicht mehr in Anspruch zu nehmen, damit war auch eine mögliche Umsiedlung von Proschim vom Tisch“, informiert Leag-Sprecher Thoralf Schirmer.
Doch als Alexander und die gebürtige Proschimerin Sybille Tetsch vor über zehn Jahren hier ankamen, schien das Aus für den Welzower Ortsteil noch beschlossene Sache. 2027 sollten die Bagger anrollen. „Wissen Sie, wo Sie ein Restaurant eröffnen wollen?“, wurden sie von Mitarbeitern des damaligen Bergbaubetreibers Vattenfall gefragt. Von diesem nämlich haben sie ihr Umbauvorhaben für das Gebäude an der Ortsdurchfahrt genehmigen lassen müssen.

Quelle: Steffen Unger
Doch die Tetschs sind immer noch da. Im Haus, ein Objekt in Familienbesitz, haben beide 2015 das „Schmeckerlein“ eröffnet – mit „Flammkuchen unterm Sternenhimmel“. Das gibt es hier bis heute. In der Sommerzeit bis Mitte September wird – außer bei Schlechtwetter – draußen serviert. Längst nicht mehr wie anfangs der Klassiker aus dem Elsass mit Zwiebeln, Speck und Sauerrahm.
Alexander Tetsch, der ein Jahr lang am Culinary Institute of America in den USA die Ausbildung zum „Chef de Cuisine“, also Chefkoch gemacht hat, entwickelt inzwischen ganz eigene Varianten. Mit Sommertrüffeln zum Beispiel, mit Serrano-Schinken und Aprikose oder mit Forelle und Zucchini. Im Winter gebe es Schmorgerichte am Kamin.
Immer für eine limitierte Zahl an Gästen – drinnen sind es 18, draußen 24 Plätze. Sommers wie winters kriegt man die nur nach Reservierung. Kombiniert wird all das mit einem Hofladen. In dem ist Kunst und Kunsthandwerk aus der Region zu bekommen, darüber hinaus unter anderem Pflanzen, Wein, Marmeladen, Senf und Seifen.

Quelle: Steffen Unger
Es steckt viel Vorgeschichte in all dem, was hier entstanden ist. Die Liebe zur Natur, der Einsatz für Umweltschutz, gegen Atomkraft und für grüne Energie verbindet die Lausitzerin und den Niedersachsen. Beide waren als Umweltjournalisten aktiv, haben zusammen Bücher geschrieben über Strahlungsthemen. Sybille Tetsch zudem Kinderbücher.
Einsatz gegen Atommüll-Lager Gorleben
Sie, gelernte Forstwirtin mit Lkw-Führer- und Kettensägen-Schein und mit Uniabschluss in Umweltschutztechnik, hatte als Jugendliche begonnen, sich mit den Folgen der Kohlenutzung zu befassen. Nach der Wende war sie ins hannoversche Wendland gezogen – lange das Zentrum des Atom-Widerstands, unter anderem wegen des dortigen Atommüll-Lagers Gorleben.
Ihr Mann ist im Wendland aufgewachsen, hat dort die Abholzung für genau dieses Lager miterlebt, es als Unrecht empfunden, und begonnen, sich dagegen zu engagieren, wie er erzählt. Studiert hat er Jura. Er arbeitete als Führungskraft im In- und Ausland für internationale Konzerne, darunter bei Microsoft. Während eines Sabbatjahres machte er die Kochausbildung. Und entschied sich 2008 für den harten Schnitt. Wechselte vom Großkonzern zurück in die Heimat, startete neu als freier Journalist und Fotograf, mit regionalen und Umweltthemen als Schwerpunkte.
Hochzeitsreise in Sperrzone von Tschernobyl
Im Wendland lernten sich Alexander und Sybille kennen. Ihre Hochzeitsreise führte das Paar 2013 in die Sperrzone des Kernkraftwerks Tschernobyl, wo es 1986 zur Nuklearkatastrophe gekommen war. Alexander Tetsch war sogar mehrfach dort, hat auch den Atomkraft-Unglücksort Fukushima in Japan besucht.
Mit ihrem Restaurant führ(t)en sie den Widerstand auf kulinarische Weise fort, wie sie es ausdrücken. Sie wollten ein Zeichen setzen in einer Region, in der nicht wenige wegen der drohenden Abbaggerung der Heimat nur noch abgewartet, aber sonst nichts mehr gemacht hätten an ihren Häusern zum Beispiel. Doch trotz allem, das sei doch Lebenszeit, findet Sybille Tetsch. Das Schmeckerlein“ wurde zum Gegenentwurf und zum Ort für alle – ob Kohlegegner oder -befürworter. Ein Platz, so sage die Tetschs, „wo nur der Mensch zählt“.
Einheimische Gäste aber seien selten. Die Kundschaft komme aus Dresden, Leipzig, Berlin beispielsweise. Für sie werde frisch gekocht, ohne Tiefkühl- und Fertigprodukte. Doch um zu bekommen, was sie dafür benötigen, investieren die Tetschs mittlerweile viel Zeit in den Einkauf – der führe regelmäßig bis nach Dresden oder Berlin. Denn ihre kleinen Mengen bekommen sie kaum noch geliefert. Momentan seien sie bereit, „die Extra-Einkaufsmeile“ zu gehen. Ob sie aber dauerhaft bleiben im Strukturwandelland Lausitz, das sei offen.
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