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Arbeitskräfte aus dem Ausland – was in Sachsen funktioniert und was nicht

Sachsens Ministerpräsident Kretschmer trifft Arbeitgeber, um Erfahrungen mit der Einwanderung von Fachkräften und Auszubildenden zu hören. Was Dampferflotte und Riesa Nudeln erleben.
Lesedauer: 5 Minuten
Das Bild zeigt 18 Auszubildende vor einem Dampfer der weißen Flotte.
Die Weiße Flotte Sachsen hat 18 Auszubildende gefunden, die meisten aus dem Ausland. Das Foto zeigt eine frühere Aktion, die Jugendliche für die Gastronomie begeistern sollte. © Archivfoto: Daniel Schäfer

Von Georg Moeritz

Dresden. Auf den Dampfern der Weißen Flotte Sachsen lernen seit drei Jahren junge Menschen aus dem Ausland – aus Vietnam, aus Indien und Tunesien. Die Dampferflotte hat mit der Ausbildung in Gastronomie-Berufen gute Erfahrungen gemacht – also kommen in diesem Jahr nautisch-technische Berufe dazu, berichtet die kaufmännische Leiterin Astrid Rockel. Doch das sei komplizierter, sagte sie bei einer Diskussionsrunde mit Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) am Mittwoch in der Industrie- und Handelskammer Dresden (IHK).

Wer offen ist für Auszubildende aus dem Ausland, der trifft noch immer auf bürokratische Hürden. Das wurde bei der Diskussion deutlich. Astrid Rockel etwa musste erfahren, dass die nautische Ausbildung auf der Elbe erst nach einer medizinischen Tauglichkeitsprüfung beginnen darf – und diese Prüfung muss in Deutschland stattfinden. Das ist ein Risiko, wenn Bewerber aus dem Ausland einreisen und dann womöglich die Tests nicht bestehen. Außerdem erhielten zwei angehende Lehrlinge der Dampferflotte ihr Visum erst zum Monatsanfang und verpassten daher Willkommensveranstaltungen. Auf zwei andere muss Rockel noch weiter warten, weil deren Sprachzertifikate noch in der Botschaft liegen.

Kretschmer warb trotz der gegensätzlichen Erfahrungen dafür, sich weiter um Arbeitskräfte aus dem Ausland zu bemühen. Sie seien „die einzige Möglichkeit, unseren Wohlstand zu erhalten“, sagte der Ministerpräsident. Menschen von außerhalb seien eine große Bereicherung, dafür müsse ein gemeinsames Verständnis entstehen.

Kirgisische Bewerber für Sachsen finden Jobs in Bayern

In Deutschland sei vieles „zu sehr administriert“, räumte der Ministerpräsident ein. Das zeige sich auch daran, dass ukrainische Geflüchtete in Deutschland zu einem kleineren Anteil Arbeitsplätze hätten als in Polen – dort müssten sie nicht zuerst Sprachkurse besuchen. In Sachsen gebe es auch nicht genügend Sprachlehrer, sagte Kretschmer. Das habe er in seiner Funktion als Präsident des Volkshochschul-Landesverbands erfahren. Im Kreis Leipziger Land etwa seien 400 Ukrainer in Sprachkursen, 700 müssten warten. Andererseits habe Sachsen ausreichend Kindergartenplätze zu bieten – in Baden-Württemberg dagegen fehle es daran.

Das Bild zeigt eine Frau.
Astrid Rockel, kaufmännische Leiterin der Weiße Flotte Sachsen GmbH: Neue Auszubildende müssen im Ausland zu lange auf das Visum warten. © SZ/Georg Moeritz

Die Weiße Flotte hat die Erfahrung gemacht, dass die Auszubildenden in Dresden nicht mehr so leicht unterzubringen sind wie früher. Vermieter verlangten Sicherheit. Das Unternehmen hat eine Dienstleistungsfirma beauftragt, die sich auch darum kümmert. Der Aufwand, selbst im Ausland nach Bewerbern zu suchen, erschien den Dampfschifffahrts-Organisatoren zu groß. 18 Auszubildende fangen dieses Jahr in dem Unternehmen an, davon 14 aus dem Ausland. Der Betrieb wagte sich auch nicht an das Angebot der Arbeitsagentur, Bewerber aus einer Gruppe Kirgisen auszuwählen, obwohl die schon gut Deutsch konnten. Die Kosten, die Sorge vor rechtlichen Fehlern und die Aussicht auf mögliche Gänge zur Botschaft schreckten ab.

Dabei hatten Kretschmer und das Zentrum für Fachkräfte und Gute Arbeit Sachsen (Zefas) Hoffnungen auf das Projekt mit rund 50 Interessenten aus Kirgisistan gesetzt. Das Pilotprojekt sollte Unternehmern helfen, die dringend Lehrstellenbewerber mit Deutschkenntnissen suchen. Für die Sprachkurse und Visa fielen allerdings teilweise Kosten von mehr als 10.000 pro Lehrling an. Sächsische Unternehmer griffen nicht zu – sodass schließlich bayerische Firmen von dem ursprünglich sächsischen Projekt profitierten: 23 Bewerber aus Kirgisistan wurden laut IHK während einer Online-Vorstellung in den dünn besiedelten Landkreis Cham vermittelt.

Zuschüsse für Anwerbung im Ausland gewünscht

Astrid Rockel fände es gut, wenn staatliche Zuschüsse bei der Anwerbung aus dem Ausland helfen würden – für Reisekosten und einen Teil der Arbeitszeit der Betreuer. Die Weiße Flotte Sachsen wendet jeweils 3.000 bis 4.000 Euro auf, um an einen Lehrling aus dem Ausland zu kommen. Zuschüsse seien nötig, urteilt auch Jana Felber, Vorstandsmitglied der Dresdner Genossenschaft Faire Warenhandels eG. Ihr Großhandelsbetrieb mit zehn Beschäftigten beliefert etwa 300 Weltläden mit fair gehandelten Lebensmitteln und Deko-Artikeln. Felber hält staatliche Unterstützung für nötig, um berufsbegleitend Sprach- oder Integrationskurse zu finanzieren.

Das Bild zeigt eine Frau.
Jana Felber, Mitglied im Vorstand des Großhändlers Faire Warenhandels e.G. in Dresden: Behörden sollten beherzte Entscheidungen treffen. © SZ/Georg Moeritz

Die Faire Warenhandels eG hat schon mehrere geflüchtete Menschen zu Fachlageristen ausgebildet, ein Iraker leitet seitdem das Lager des Unternehmens. Doch auch Chefin Felber hat schlechte Erfahrungen mit Vorschriften gemacht, auf die sie den Ministerpräsidenten hinwies: Ein Marokkaner durfte nach der Ausbildung nur dann einen Arbeitsvertrag bekommen, wenn er eine Aufenthaltsgenehmigung hatte – die hing aber wiederum vom Arbeitsvertrag ab. Behörden müssen in solchen Fällen „beherzte Entscheidungen“ treffen, forderte Felber. Kretschmer sagte, die Entscheider in den Behörden sollten wissen, dass Zuwanderung inzwischen gewollt ist.

Der Ministerpräsident zeigte sich offen für ein Förderprogramm, das die Anwerbung aus dem Ausland unterstützt. Er sei darüber mit Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) im Gespräch. Allerdings dürften keine dauerhaften Zuschüsse daraus werden, es gehe um Unterstützung am Anfang. Außerdem müsse sichergestellt werden, keine unseriösen Vermittler zu unterstützen.

Bewerber leichter aus Marokko zu holen als aus Erzgebirge

Der Glaubitzer Computer-Experte Florian Bems hat die Erfahrung gemacht, dass es leichter ist, Auszubildende aus Marokko und Russland in seinen Betrieb zu holen als aus Schneeberg im Erzgebirge. Der Geschäftsführer der ACS Systemhaus GmbH mit zwölf Mitarbeitern sagte, seine Stellenangebote über die Arbeitsagentur seien von Interessenten im Ausland gefunden worden, die werde er nun ausbilden.

Das Bild zeigt einen Mann.
Florian Bems, Geschäftsführer des Computerdienstleisters ACS Systemhaus GmbH in Glaubitz bei Riesa: Seine Stellenangebote über die Arbeitsagentur brachten Erfolg in Marokko. © SZ/Georg Moeritz

Ein Bewerber, der in einer Flüchtlingsunterkunft in Schneeberg wohnte, durfte dagegen nach seinen Angaben nicht zum Betrieb in die Nähe von Riesa umziehen. Bems lobte aber ausdrücklich das Tempo der Ausländerbehörde des Kreises Meißen. Nur die Deutsche Botschaft in Marokko komme mit dem Visum nicht hinterher, sodass die marokkanische Auszubildende noch nicht einreisen konnte.

Bei Riesa Nudeln arbeiten Menschen aus Neuseeland und Ghana, aus Marokko und Algerien. „Wir suchen inzwischen weltweit“, berichtete Geschäftsführer Mike Hennig. Er schlug vor, das Internetportal der Arbeitsagentur noch stärker für Suche im Ausland zu öffnen. Allerdings zeigte die Diskussion in der IHK auch, dass sich viele Arbeitgeber bei der Suche am liebsten auf persönliche Kontakte verlassen, etwa auf Bekannte ihrer Vertriebsmitarbeiter im Ausland.

Mittelständler in Sorge wegen neuer Mikrochipfabrik

Der Chef der Nudelfabrik wies in der Diskussion mit Kretschmer auf die Bedeutung des Mittelstands hin. Neuansiedlungen wie die geplanten Mikrochipfabriken seien erfreulich, aber die Milliarden-Zuschüsse dafür zu hoch. „Subventionierte Arbeitsplätze in Dresden verändern das Lohnniveau“, sagte Hennig. Sein Betrieb stehe beispielsweise in Konkurrenz mit Barilla in Italien, wo die Arbeits- und Energiekosten niedriger seien.

Kretschmer erwiderte, die fünf Milliarden Euro Subvention für die künftige Chipfabrik ESMC seien „ein Ausgleich dafür, dass der Standort nicht wettbewerbsfähig ist“. In Südostasien bekämen die Chipfabrikanten ebenfalls Subventionen und hätten niedrige Stromkosten. Kretschmer sagte, auch dem Mittelstand helfe es, wenn es große starke Industrieunternehmen im Land gebe. Allerdings sehe er die Gefahr, dass Arbeitskräfte abgeworben werden: „Die Antwort haben wir vielleicht nicht so richtig gefunden.“

Dresdens IHK-Präsident Andreas Sperl sagte, der Wettbewerb um Fachkräfte habe weltweit zugenommen. An einer gezielten und qualifizierten Zuwanderung führe kein Weg vorbei. Sachsen müsse dafür eine Willkommenskultur entwickeln. Das neue Fachkräfte-Einwanderungsgesetz weise in die richtige Richtung, lasse aber Fragen offen wie klare Zuständigkeiten und Fristen. Auch künftig bleibe ein Dschungel der Bürokratie für Arbeitgeber und Interessenten.

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