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Astro-Forscher beleben das Görlitzer Zentrum

An diesem Donnerstag ist es so weit. Das Großforschungszentrum eröffnet sein Domizil in der Görlitzer Post. Einst soll es 1.200 Mitarbeiter haben. Dass der Kohleausstieg nicht mit Arbeitslosigkeit verbunden ist, zeigt jetzt eine neue Studie.

Lesedauer: 3 Minuten

Man sieht das visualisierte Zentrum des neuen DZA-Zentrums in Görlitz.
So stellte sich das Team um DZA-Gründungsdirektor Günther Hasinger in der Bewerbungsphase das junge DZA-Zentrum in Görlitz vor. © DESY/DZA

Von Sebastian Beutler

Es ist viel passiert, seit am 29. September 2022 das Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA) nach Görlitz vergeben wurde. Sein Ideengeber, Günther Hasinger, zog vor knapp einem Jahr von Spanien nach Görlitz, im vergangenen Jahr bezog das Gründungsteam erste Räume in der Stadt, die ersten Mitarbeiter wurden eingestellt, Stellen ausgeschrieben, vor wenigen Wochen wurden die Laborräume im Görlitzer Alstom-Werk an Hasinger und seine „Sternengucker“ übergeben. Und an diesem Donnerstag nun ist schon wieder „großer Bahnhof“.

Dazu hat sich sogar Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger angesagt, auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Denn nun bezieht das DZA eine ganze Etage in der früheren Hauptpost der Stadt auf dem Postplatz und gewinnt dadurch enorm an Sichtbarkeit für die Einwohner. Wichtiger noch: Endlich gibt es genügend Arbeitsplätze auch in Görlitz für die ersten rund 100 Mitarbeiter des Zentrums.

Am Postplatz wird das DZA so lange verbleiben, bis das endgültige Zentrum errichtet wird. Vor 2030 ist kaum mit einer Fertigstellung zu rechnen. Bis 2038 ist die Finanzierung des Großforschungszentrums über den Bund im Zuge des Kohleausstieges abgesichert, mehr als 1,2 Milliarden Euro fließen in Bau und Forschung. Und direkt sollen 1.200 Arbeitsplätze in dem DZA entstehen. Nicht nur in Görlitz, sondern auch in dem unterirdischen Forschungslabor, das bei Ralbitz-Rosenthal im Landkreis Bautzen entstehen wird. DZA-Gründungsdirektor Günther Hasinger rechnet zudem damit, dass zu den direkten 1.200 Jobs weitere 3.000 Arbeitsplätze bei Zulieferern und Dienstleistern aufgebaut werden können. 4.000 Arbeitsplätze bis 2038 für die sächsische Lausitz.

Es wäre ein für die Lausitz neuer Typ Transfer, nämlich eine von der Wissenschaft ausgelöste Unternehmensansiedlung, schrieben bereits vor einem Jahr Wissenschaftler der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus und des Leibniz-Institutes für Wirtschaftsforderung Halle. Seit 2022 begleiten sie den Strukturwandel im Brandenburger Teil der Lausitz, den Auftrag erhielten sie von der Brandenburger Landesregierung in Potsdam. Doch viele Erkenntnisse, die sie mittlerweile gewonnen haben, ähneln den Entwicklungen in der sächsischen Lausitz.

In ihrer jüngsten Studie, die sie am Montag in Cottbus vorstellten, kamen sie zu dem Schluss, dass die Kompensation der Arbeitsplätze in der Braunkohleverstromung als geglückt angesehen werden kann. Dazu zählten die Wissenschaftler um Wirtschaftsprofessor Gunther Markwardt, der in Cottbus lehrt, aber in Dresden lebt, die Arbeitsplatzankündigungen und listeten sie gegen vermutliche Jobverluste durch den Ausstieg aus der Braunkohle auf. Allein in der brandenburgischen Lausitz sind seit 2019 rund 6.300 Arbeitsplätze entstanden oder sind im Entstehen: 4.500 in der Industrie, 1.000 in der Wissenschaft und 650 in den Behörden. Zuletzt hatte die Deutsche Bahn den ersten Teil des neuen ICE-Instandhaltungswerkes in Cottbus eröffnet, wo mittlerweile bereits 60 frühere Leag-Mitarbeiter einen neuen Job gefunden haben. Der Arbeitsplatzabbau in der Kohle ist bei weitem noch nicht so fortgeschritten. Und angesichts der Solarpläne der Leag ist ohnehin fraglich, ob die einst prognostizierten mehrere Tausend Jobs tatsächlich wegfallen.

Für die sächsische Lausitz sieht es ganz ähnlich aus, denkt man an das DZA mit seinen 1.200 direkten Arbeitsplätzen oder an das Bau-Lab, das in Bautzen federführend aufgebaut wird. Dazu kommen das deutsch-polnische Wissenschaftsinstitut Casus mit seinem Datenmanagement in Görlitz, Fraunhofer-Institute in Görlitz, Zittau und Boxberg. Und das Wirtschaftsministerium hat die Idee von einem Bahntestring im Kreis Görlitz auch noch nicht aufgegeben. Zudem sind zahlreiche kommunale Projekte in der Umsetzung, die vor allem auch auf eine bessere Infrastruktur abzielen: Wasserversorgung, Kitas, Gewerbegebiete, neue Straßenbahnen für Görlitz, Schwimmbäder.

Sie sollen die Region attraktiver machen. Das sieht auch Gunther Markwardt als wichtig an, um das größte Problem der Lausitz in den kommenden Jahrzehnten zu lösen. Das Fehlen von ausreichend Arbeitskräften, insbesondere Fachkräften, heißt es in der vorgestellten Studie vom Montag, nehme in der Lausitz aufgrund der starken und schnellen demografischen Entwicklung und der Erfolge von Unternehmensansiedlungen „dramatische Formen an“. Bis 2038 könnte die Brandenburger Lausitz nach Prognosen nochmals 20 Prozent der Bevölkerung verlieren, im sächsischen Teil liegt die Zahl etwas tiefer. Doch ändert das wenig am grundlegenden Trend.

Deswegen empfehlen die Wissenschaftler verschiedene Wege: Menschen, die aus der Lausitz in andere Regionen zur Arbeit pendeln, könnten für Jobs in der Heimat gewonnen werden. Das sind mehrere Zehntausend. Auch Pendler, die zwar in der Lausitz arbeiten, aber außerhalb wohnen, sollen angesprochen werden. Und es müsse um Zuwanderung innerhalb von Deutschland geworben und gezielt ausländische Fachkräfte angeworben werden. Und genau dafür braucht es ein positives Image und attraktive Lebensbedingungen.

Dass sich das noch nicht überall herumgesprochen hat, machte Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach mit einer Anekdote von einer Kundgebung einer Mittelstandsinitiative in Cottbus deutlich. Da wurde er mit Verschwörungstheorien konfrontiert. Im sei nachgesagt worden, dass er „auf der Paywall von reichen Juden in Amerika“ stehe und „von denen ferngesteuert“ werde. Wenn solche Menschen das Sagen bekämen, erklärte Steinbach vor Journalisten, könnten Kommunen und Länder alle Aktivitäten einpacken.

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