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Ausländische Arbeitskräfte arbeiten in Sachsen oft in Industrie und Logistik, weniger in der Pflege

Ausländische Arbeitskräfte sind für die sächsische Wirtschaft unverzichtbar. Das hört man immer wieder. Doch wie viele Betriebe geben eigentlich ausländischen Arbeitskräften eine Chance? Die Frage blieb lange unbeantwortet. Bis jetzt.

Lesedauer: 3 Minuten

Die philippinischen Pflegekräfte v.l. Vanecca Bandalan und Johana Flor Dalilis bei der Arbeit im AWO Seniorenheim in Markranstädt. Jeder vierte Betrieb in Sachsen beschäftigt mindestens eine ausländische Arbeitskraft. Quelle: Kempner

Andreas Dunte und Franziska Höhnl

Dresden/Leipzig. Neue Zahlen belegen, dass Sachsens Betriebe zunehmend auf ausländische Arbeitskräfte setzen. Im bundesweiten Vergleich fällt das Wachstum im Freistaat und in anderen ostdeutschen Ländern deutlich stärker aus als im Westen. Allerdings ist dort das Ausgangsniveau auch wesentlich höher.

In den vergangenen fünf Jahren wuchs der Anteil der sächsischen Firmen, die mindestens einen Arbeitnehmer mit ausländischem Pass beschäftigen, deutlich, und zwar um ein Drittel. Der bundesweite Anstieg ist mit 16 Prozent hingegen nur halb so groß. Das hat eine Auswertung der Landesarbeitsagentur ergeben, die der Leipziger Volkszeitung und Sächsischen Zeitung vorliegt.

In vielen Branchen gibt es Bedarf an neuen Fachkräften

Jedes vierte Unternehmen im Freistaat beschäftigt mindestens eine ausländische Arbeitskraft. Konkret sind es 25.800 der 102.900 Betriebe in Sachsen. Die Zahl hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Insgesamt sind in Sachsen 151.000 ausländische Staatsbürger in Lohn und Brot.

In zahlreichen Branchen gibt es in Sachsen wegen der alternden Bevölkerung in den nächsten Jahren Bedarf an neuen Fachkräften. So werden allein bis 2030 rund 5000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt. Und diesen Bedarf wird der Freistaat laut Sozialministerin Petra Köpping nicht allein mit einheimischem Personal decken können. Die SPD-Politikerin setzt deshalb auf die Anwerbung ausländischer Azubis und Fachkräfte.

In der Pflege arbeiten noch relativ wenige Ausländer

In Heimen und im Sozialwesen sind bislang allerdings nur 8100 oder fünf Prozent aller in Sachsen arbeitenden ausländischen Fachkräfte beschäftigt. Ebenso viele arbeiten im Gesundheitswesen. Den niedrigen Wert erklärt Alexander Lohse, Geschäftsführer der AWO Senioren- und Sozialzentrum gemeinnützige GmbH Sachsen-West, mit den geforderten Sprachkenntnissen.

„In der Pflege würden sicher weit mehr Ausländer arbeiten, und sie werden hier auch gebraucht, aber die Mehrheit verfügt nicht über ausreichend Deutschkenntnisse“, sagt er. Dem könnte der Staat mit mehr Investitionen in entsprechende Kurse begegnen.

Barmer: Anwerben von Ausländern nur ein Baustein

Aus Sicht der Krankenkasse Barmer sollte der Fokus bei der Fachkräftegewinnung nicht zu einseitig auf ausländisches Personal gelegt werden. Die Landesgeschäftsführerin der Barmer in Sachsen, Claudia Beutmann, sagte Leipziger Volkszeitung und Sächsischer Zeitung dazu: „In einem so kleinteiligen Pflegesystem wie dem deutschen mit vielen kleinen Pflegeanbietern kann die systematische internationale Anwerbung nur einer von mehreren Bausteinen sein.“

Entscheidend sei, bereits angeworbene Fachkräfte nachhaltig zu integrieren und insgesamt die Pflege attraktiv zu gestalten. Denn das habe den weiteren positiven Effekt, so Claudia Beutmann, „dass sich mehr junge Menschen bewusst für diesen sinnstiftenden Beruf entscheiden und erfahrene Fachkräfte in ihren Beruf zurückkehren“. Das sei gerade auch für den Freistaat wichtig, wo es bereits 360.000 pflegebedürftige Menschen gebe, Tendenz steigend.

Die Erfahrung zeigt, dass Betriebe, die einmal ausländische Mitarbeiter eingestellt haben, oft weitere internationale Arbeitskräfte beschäftigen. – Frank Vollgold, Landesarbeitsagentur

Arbeit finden die meisten ausländischen Kräfte im Freistaat primär im verarbeitenden Gewerbe. In diesem Bereich, der Branchen wie Automobil- oder Maschinenbau umfasst, arbeiten allein 26.700 oder 18 Prozent aller ausländischen Beschäftigten in Sachsen. Viele Kräfte ohne deutschen Pass arbeiten auch in der Logistik (12 Prozent), dem Gastgewerbe (11) und in der Zeitarbeit (9).

Die Bereiche Finanz- und Versicherungsdienstleistungen sowie Grundstücks- und Wohnungswesen verzeichnen wenige Arbeitsmigranten.

Zahl der EU-Beschäftigten nimmt leicht ab

Zwei Drittel aller ausländischen Beschäftigten in Sachsen haben qualifizierte Jobs. Ein Drittel führt Arbeiten auf Helferniveau aus. Diese Kräfte haben laut Landesarbeitsagentur keinen oder noch keinen anerkannten Abschluss und wollten schnell eine Arbeit aufnehmen, um Geld zu verdienen.

Einwohner aus EU-Staaten machen den größten Teil der Beschäftigten aus, angeführt von Polen (28.747) und Tschechen (15.956). Auffällig ist, dass die Zahl der in Sachsen Beschäftigten aus der EU leicht abnimmt und dieser Rückgang durch den Anstieg von Menschen aus Drittstaaten wie Syrien, Venezuela oder der Ukraine deutlich kompensiert wird.

Betrieben fehlt oft die Erfahrung im Umgang mit Ausländern

Auch in den anderen ostdeutschen Bundesländern gibt es im Fünf-Jahres-Vergleich ein kräftiges Wachstum von Betrieben mit ausländischen Beschäftigten. Ganz vorn liegt Sachsen-Anhalt mit plus 43 Prozent. In Thüringen beträgt das Plus 33 Prozent. Das geringste Wachstum gibt es in den wirtschaftsstarken Westländern: Saarland (plus 12 Prozent), Hessen (plus 11) und Bayern (plus 11). „Das zeigt“, so Frank Vollgold von der Landesarbeitsagentur, „dass Sachsen im Bundesvergleich aufholt.“

Wegen des demografischen Wandels sei das Land auf weiteren Zuzug von Arbeitskräften aus dem Ausland angewiesen, sagt Sprecher Vollgold. Viele Betriebschefs zögerten noch. Die Gründe dafür seien jedoch weniger in Vorurteilen zu finden. „Vielmehr haben Unternehmen oft keine Erfahrung im Umgang mit ausländischen Arbeitskräften und fühlen sich mit Sprachbarrieren, kulturellen Unterschieden oder rechtlichen Fragen unsicher“, so der Agentursprecher. „Die Erfahrung zeigt, dass Betriebe, die einmal ausländische Mitarbeiter eingestellt haben, oft weitere internationale Arbeitskräfte beschäftigen.“

Betriebe in Leipzig und Dresden haben die Nase vorn

Auffällig ist der Blick auf die Unternehmensgröße. Je mehr Beschäftigte ein Unternehmen hat, desto höher ist der Ausländeranteil an deren Belegschaft.

Beispielsweise haben nur rund zehn Prozent der Betriebe mit einem bis vier Beschäftigten in Sachsen ausländische Staatsbürger. In Unternehmen mit fünf bis 19 Beschäftigten liegt dieser Anteil bei 25 Prozent, darüber bei 60 bis 100 Prozent.

Sachsenweit liegen bei diesem Thema Leipzig und Dresden vorn. Von allen 15.200 Leipziger Betrieben haben 5400 ausländische Beschäftigte. Von den 13.800 Dresdner Betrieben sind es 4600, die auf dieses Potenzial setzen. Aber auch Unternehmen aus dem Landkreis Görlitz und der Stadt Chemnitz haben einen überdurchschnittlichen Ausländeranteil in ihrer Belegschaft. Am geringsten ist der Ausländeranteil bei den Betrieben im Erzgebirgskreis, in Mittelsachsen und im Landkreis Leipzig.

SZ

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