Von Florian Reinke
Leipzig. Wer im Supermarkt nach einer Nivea-Deodose greift, hält ein Stück Leipzig in der Hand. Heinz-Tristan Gund kann zeigen, warum: Seit dem 1. März leitet er das Beiersdorf-Werk im Norden der Stadt. Er empfängt in einem Besprechungsraum – Ausblick inklusive: Hinter einer Glaswand transportieren Förderbänder in hohem Tempo Nivea-Dosen durch die Produktion. „Wir produzieren in Leipzig unsere Aerosol-Sprays“, sagt Gund. Nicht nur für Europa. Die Sprays gehen in die ganze Welt, sogar nach Australien.
Seit 2023 produziert Beiersdorf hier die Aerosolprodukte für Marken wie Nivea, Hidrofugal, 8×4 und Hansaplast. Bald soll die milliardste Spraydose vom Band kommen. Und der Standort wächst weiter: Neben dem Werk baut der Hamburger Hautpflegekonzern ein Logistikzentrum, das hunderte Arbeitsplätze bringen und die Warenströme des Konzerns neu ordnen soll.

Quelle: Hendrik Schmidt/dpa
Für Leipzig ist das mehr als eine Werksgeschichte. Beiersdorf macht den Norden der Stadt zu einem noch wichtigeren Produktions- und Logistikstandort. Doch der Ausbau fällt in eine Zeit, in der selbst Nivea nicht mehr von allein wächst.
Leipzig wird zum Schwergewicht im Beiersdorf-Netz
Gemessen am Volumen, sagt Gund, sei Leipzig das zweitgrößte Beiersdorf-Werk der Welt. Bis zu 450 Millionen Kosmetikprodukte kann der Standort pro Jahr herstellen. Mehr als 900 Millionen Dosen sind seit dem Produktionsstart bereits vom Band gelaufen. Über die Zeit habe man die Produktionsmengen immer weiter gesteigert. „Mit dem Ziel, Anfang August die eine milliardste Dose zu produzieren.“
Die Fertigung, getragen von rund 280 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, ist hochkomplex. Eric Hahn leitet den Bereich, in dem die Dosen abgefüllt werden, und führt durch eine Halle: Dort stehen Edelstahlanlagen, dazwischen ein spiralförmiger Förderturm, der Dosen mehrere Stockwerke hoch- und wieder herunterschickt.

Quelle: Hendrik Schmidt/dpa
Auf einem blauen Band reihen sich fertige Nivea-Deo-Dosen, daneben stehen Mitarbeitende in weißen Kitteln und Haarnetzen zwischen Kontrollleuchten und Warnschildern. „Wir produzieren auf verschiedenen Linien verschiedene Produkte“, erklärt Hahn, 149 sind es laut Unternehmen. Florena gehört nicht mehr dazu: Die Creme wird inzwischen im polnischen Posen produziert; den früheren Standort im mittelsächsischen Waldheim hat Beiersdorf aufgegeben.
300 Dosen pro Minute
Der Prozess beginnt mit Robotern: Sie greifen leere Dosen von Paletten und setzen sie auf Förderbänder, die sie in die Produktion schicken. Jede Dose wird vereinzelt und bekommt eine eigene Chargennummer aufgedruckt. „Durch Zeitstempel und Nummer wissen wir genau, wann welche Dose produziert wurde“, sagt Hahn.
Dann der eigentliche Kern: „Das Füllgut wird in die Dose injiziert.“ Durch diese Station laufen 300 Dosen pro Minute. Die Dosen verlassen die Halle, um das Treibgas aufzunehmen – dann kommt der Härtetest: ein Wasserbad. „Wir müssen sicherstellen, dass jede Dose druckdicht ist“, sagt Hahn. Eine Maschine erhitzt jede Dose; zeigt sich ein Problem, wird sie ausgeschleust. Das passiert selten – „aber wir müssen auf Nummer sicher gehen.“
Wo die Deos entstehen: „Wie in einem Thermomix“
Bevor etwas abgefüllt werden kann, muss das Füllgut erst entstehen. Roman Stenzel leitet den sogenannten Compounding-Bereich – und damit „die strengste Hygienezone im Werk“, wie er betont. Die Mitarbeiter arbeiten mit Rohstoffen, aus denen die Produkte entstehen. Drei Deo-Varianten laufen hier zusammen: Antitranspirante, die das Schwitzen hemmen; Deos ohne Aluminiumsalze auf Alkoholbasis; und Varianten ohne Alkohol und Aluminiumsalze, bei denen Beiersdorf 24 Stunden Wirkdauer angibt.
Für die Antitranspirante gilt ein einfaches Bild: „Man kann sich das vorstellen wie in einem überdimensionalen Thermomix.“ Immer eine Tonne wird angesetzt, abgefüllt – dann folgt die nächste. Eine Software führt die Mitarbeitenden Schritt für Schritt durch die Prozesse. Am Ende entsteht hier das Füllgut, das Minuten später in die Dose läuft. In diesem Bereich arbeiten größtenteils Chemikanten.

Quelle: Hendrik Schmidt/dpa
Im Leipziger Werk wirkt vieles eingespielt. Doch Beiersdorf ringt wie viele Konsumgüterhersteller mit einem schwierigeren Markt. Nach einem ohnehin verhaltenen Jahr 2025 mit nur noch 2,4 Prozent organischem Wachstum brach der Umsatz im ersten Quartal 2026 sogar um 4,6 Prozent ein, allein die Kernmarke Nivea verlor 7 Prozent. Ursache ist ein branchenweiter Trend: Sparsamere Kunden, wachsende Konkurrenz durch günstigere Handelsmarken und ein schwieriges Marktumfeld belasten viele Hersteller. Der Derma-Bereich mit Marken wie Eucerin und Aquaphor legte im ersten Quartal dagegen um 8,2 Prozent zu. Man könnte das so zusammenfassen: Pflege mit höherer Marge wächst, der Massenmarkt wird härter.
Beiersdorf baut Logistikzentrum im Leipziger Norden
Sorgen machen, so heißt es im Unternehmen, müsse sich das Werk in Leipzig aber nicht. Die Auslastung sei hoch am Standort, und auch die Kategorie der Deo-Sprays laufe nach wie vor gut. Tatsächlich schafft Beiersdorf Fakten: Der Hautpflegekonzern errichtet neben dem Werk ein Logistikzentrum, das für den Konzern das bisher größte und modernste ist.
„Wir haben im Sommer 2024 begonnen und liegen im Plan“, sagt der zuständige Projektleiter Björn Schwarz. In Zukunft sollen die Waren das Leipziger Logistikzentrum aus allen europäischen Werken erreichen. Der Standort wird dann Kunden in Deutschland und in der Schweiz versorgen – wobei Kunden nicht direkt die Endverbraucher sind: Die Waren gehen zunächst an Super- und Drogeriemärkte wie Rossmann, dm, Rewe oder Edeka, dazu kommen kleinere Händler wie Apotheken.

Quelle: Hendrik Schmidt/dpa
Bis zu 450 neue Jobs bei Beiersdorf in Leipzig
Damit wächst auch die Zahl der Arbeitsplätze im Leipziger Norden. „Perspektivisch werden wir hier bis zu 450 Arbeitsplätze brauchen“, sagt Schwarz. Im Sommer 2027, wenn der Betrieb starten soll, seien es zunächst um die 300 Menschen. Beiersdorf stelle die Mitarbeiter laut Projektmanager nicht alle selbst ein, sondern kooperiere mit Partnerunternehmen, die auf Logistik spezialisiert seien. Automatisierung prägt den Neubau trotzdem: Menschen entladen künftig Lkw und bringen Waren aufs Band. Die Einlagerung übernimmt das System.
Die Zahlen indes sprechen für sich: Der Hautpflegekonzern investiert nach eigenen Angaben über 200 Millionen Euro in das neue Logistikzentrum. Zusammen mit dem Werk für 300 Millionen Euro hat Beiersdorf an keinem Standort eine so hohe Investition getätigt wie in Leipzig.


