Suche
Suche

Beschäftigte beenden Streik bei Radeberger: „Das hätten wir viel früher haben können“

Lange wurde um eine Einigung gerungen, nun gibt es einen Kompromiss im Tarifstreit. Wie viel Geld die Radeberger-Mitarbeiter mehr verdienen und wie der Betriebsrat auf die Zeit des Streiks zurückblickt.

Lesedauer: 3 Minuten

Verena Belzer

Radeberg. Steffen Köhler ist froh, dass es vorbei ist. „Endlich“, sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende der Radeberger Brauerei. Der Streik sei kein Selbstzweck gewesen. „Wer wünscht sich schon, solange auf der Straße zu stehen?“ Nach einem vierstündigen Warnstreik und drei weiteren Streikwellen ist am Freitag eine Einigung zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite erzielt worden.

„Jetzt geht alles wieder seinen gewohnten Gang, der Arbeitskampf ist passé“, sagt der gelernte Elektriker Steffen Köhler. Er sagt aber auch: „Das hätten wir alles viel früher haben können.“

Streiks in Radeberg, Freiberg, Leipzig und Krostitz

Blick zurück: Ende Juni ruhte die Bierproduktion in Radeberg zum ersten Mal seit sehr langer Zeit – der damalige Warnstreik dauerte vier Stunden. „Das war das erste Mal seit 30 Jahren, dass ich gestreikt habe“, berichtet Steffen Köhler, der seit über 40 Jahren im Unternehmen arbeitet. Neben der Produktion in Radeberg standen auch die Werke im Freiberger Brauhaus, der Sternburg Brauerei in Leipzig und Krostitzer Brauerei in Nordsachsen still. Alle vier gehören zur Radeberger Gruppe im Oetker-Konzern. Die bestreikten Brauereien in Sachsen beschäftigen zwischen 110 und 260 Personen, die größte ist die in Radeberg.

Steffen Köhler (Mitte) beim Streik mit seinen Kollegen.
Quelle: privat
Steffen Köhler (Mitte) beim Streik mit seinen Kollegen.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) forderte für die Beschäftigten in Sachsen und Thüringen sieben Prozent mehr Lohn, mindestens 300 Euro zusätzlich. Für Auszubildende sollten die Bezüge um 100 Euro steigen.

Weniger Arbeitszeit ab dem kommenden Jahr

Dem Warnstreik folgten drei weitere Streikwellen, bis es nun zu einer Einigung kam. Die Mitarbeiter in Radeberg erhalten rückwirkend ab dem 1. August eine Erhöhung um 10 Euro und zusätzlich 2,9 Prozent mehr Lohn. Ab dem kommenden Jahr arbeiten die Beschäftigten in Vollzeit eine halbe Stunde weniger – konkret 38 statt bisher 38,5 Stunden.

Allein im ersten Halbjahr betrug das Absatzminus in Sachsen 7,7 Prozent. – Thomas Gläser, Verhandlungsführer der Arbeitgeberseite

Ab Juni 2026 sollen die Arbeitnehmer 65 Euro mehr erhalten, ab Dezember 2026 dann wiederum 1,5 Prozent. Azubis verdienen zum 1. August 2025 und zum 1. Dezember 2026 ebenfalls mehr: 65 Euro.

„Wir sind mit dem Ergebnis zufrieden“, sagt Steffen Köhler. „Es war klar, dass wir unsere Maximalforderungen nicht durchbringen. Man trifft sich immer irgendwo in der Mitte.“

Arbeitgeberseite mit Abschluss „an der Grenze des Leistbaren“

Die Arbeitgeberseite hatte im Laufe der vergangenen Wochen damit argumentiert, dass der Bierabsatz deutschlandweit sinke. „Allein im ersten Halbjahr betrug das Absatzminus in Sachsen 7,7 Prozent“, hatte Thomas Gläser, Verhandlungsführer der Arbeitgeberseite, in einer Pressemitteilung geschrieben.

Auch vwies die Arbeitgeberseite mehrmals darauf hin, dass nur wenige der sächsischen Brauereien überhaupt tarifgebunden sind. In Sachsen und Thüringen gibt es demnach insgesamt 131 Brauereien. Für sechs dieser 131 Betriebe wurde nun ein neuer Tarifvertrag verhandelt, für die Wernesgrüner Brauerei und die Köstritzer Schwarzbierbrauerei sind es andere Konditionen als in Radeberg. „Insgesamt sind in Sachsen und Thüringen gerade einmal sechs Prozent aller Brauereien tarifgebunden.“

Es lohnt sich, für eine Sache einzustehen. – Steffen Köhler, Stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der Radeberger Brauerei

Die tarifgebundenen Brauereien seien mit diesem Abschluss an die Grenze des Leistbaren gegangen, sagte Thomas Gläser.

Nach Gewerkschaftsangaben sind der Einigung 1300 Streikstunden in der Brauindustrie in Sachsen vorausgegangen. Das habe es in der Branche deutschlandweit seit Jahrzehnten nicht gegeben. „Dieser Abschluss bringt ein deutliches Reallohnplus und verringert in vielen Betrieben die Lohnunterschiede zu den westdeutschen Standorten der Braugruppe“, sagt Uwe Ledwig, Verhandlungsführer der NGG.

Betriebsleiter hatte Polizei gerufen

In Radeberg hat der lange Streik ganz unterschiedliche Gefühle erzeugt. Betriebsrat Steffen Köhler berichtet davon, wie er ein starkes Gefühl des Zusammenhalts wahrgenommen habe. „Der Streik hat auch Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen zusammengebracht“, sagt er. „Das war schön.“

Letztlich habe sich gezeigt, dass ein Streik auch von Erfolg gekrönt sein kann. „Es lohnt sich, für eine Sache einzustehen.“ Die unterschiedlichen Löhne im Osten und Westen habe er lange als Ungerechtigkeit empfunden, die vor allem zu einem geführt haben: Frust.

Ob sich die Stimmung im Radeberger Werk dank der Einigung mittelfristig ändern wird, wird wohl die Zeit zeigen. Die Beschäftigten haben ihr Ziel einer Lohnerhöhung erreicht – es bleibt aber auch ein bitterer Beigeschmack: Dass der Betriebsleiter des Werks während der zweiten Streikwelle die Polizei gerufen hatte, empfanden viele Angestellte als „peinlich“ bis „respektlos“. Auch Steffen Köhler sagt: „Wertschätzung sieht anders aus.“

SZ

Das könnte Sie auch interessieren: