Von Nora Miethke
Berlin/Dresden. In Zeiten, in denen Menschen Kirchen, Politik und Medien weniger vertrauen, wird von Firmen zunehmend erwartet, zu Themen wie Krieg, Klimaschutz, Diversität oder Demokratie Stellung zu beziehen. Nicola Leibinger-Kammüller tut dies regelmäßig. „Lieber auf Umsatz verzichten als auf Anstand“, mit diesem wörtlichen Zitat war ein Interview mit der Chefin des Maschinenbauers Trumpf im April 2022 in der Süddeutschen Zeitung überschrieben. Es zeigt, die Familienunternehmerin weicht Konflikten nicht aus. Wenige Wochen nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine verteidigte sie die Sanktionen gegen Russland. Leibinger-Kammüller praktiziert keinen Alarmismus, sondern vertritt ein auf christlichen Werten basiertes Unternehmertum. Sie ist deutlich in der Sache, zurückhaltend im Ton, denn sie will gesellschaftliche Konflikte nicht weiter polarisieren. Ihr langjähriger Kommunikationschef Andreas Möller stellte in seinem Vortrag auf der „Voices“ Ende April in Berlin seine Strategie für Trumpf vor. Seine Grundregel: Nicht jeder gesellschaftliche Konflikt verlangt eine schnelle Reaktion. Entscheidend seien Authentizität und der Bezug zum eigenen Markenkern.
Möller warnte vor vorschnellen und plakativen Stellungnahmen. Beispiel Ukraine-Krieg: Trumpf hatte kein großes Geschäft in Russland – der Umsatzanteil war weniger als ein Prozent – aber viele Beschäftigte aus der Ukraine in den USA oder Polen. Das galt es abzuwägen. Letztendlich entschied man sich für einen Post auf der beruflichen Netzwerk-Plattform LinkedIn. „Im Post ging es nicht darum, den Krieg bereits in allen Facetten zu beurteilen, sondern darum zu sagen: Wir sehen eure Sorgen“, betont der studierte Historiker und Germanist.
Warum Ost und West unterschiedlich ticken
Er geht davon aus, dass dieser Post auch am Trumpf-Standort in Neukirch bei Bautzen auf Zustimmung traf. Dort beschäftigt der schwäbische Laserspezialist über 400 Menschen. Die Wahrnehmung von Russland unterscheidet sich in Ost- und Westdeutschland bekanntlich stark. Wie geht das Unternehmen damit um?
Die ostdeutsche Haltung zu Russland entstehe nicht aus Nostalgie, sondern aus wirtschaftlicher Abhängigkeit von Rohstoffzuflüssen und der besonderen geografischen Lage, gibt sich Möller hinter der Bühne im Gespräch mit dieser Zeitung überzeugt. „Die Nähe zu einem potenziellen Kriegsgebiet ist eine andere als in der Eifel oder in Baden-Baden“, meint der gebürtige Rostocker. Die Skepsis gegenüber politischen Entscheidungen speise sich häufig aus persönlichen und wirtschaftlichen Erfahrungen und dem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Deshalb müsse Kommunikation regionale Unterschiede berücksichtigen und dürfe nicht aus einem rein großstädtischen Blickwinkel erfolgen.
Klare Kante gegen Extremismus
Geopolitische Konflikte wie der Ukraine-Krieg seien nicht die Auslöser für Zukunftsangst, aber sie würden die Unsicherheit und Systemkritik verstärken, weil viele glaubten, dass sich Probleme wie zu hohe Energiepreise noch mehr verfestigen. Im Vorfeld der letzten Landtagswahl in Sachsen 2024 starteten einige Unternehmen wie etwa die Jenoptik AG Plakatkampagnen für Weltoffenheit und demokratische Werte. Das ist keine Kommunikationsstrategie für Trumpf. „Wir plakatieren überhaupt nicht. Wir färben auch nicht das Firmenlogo ein“, betont Möller. Stattdessen wird in Interviews Haltung gezeigt, ohne sich parteipolitisch vereinnahmen zu lassen. Familienunternehmer könnten sich viel freier äußern als etwa Vorstandsvorsitzende von börsennotierten Konzernen. Dies nutzten Nicola Leibinger-Kammüller wie auch ihr Bruder Peter Leibinger, der im Ehrenamt Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie ist, aus. Sie würden eine harte, konsequente Linie gegenüber der AfD-Spitze fahren, „aber nie im Sinne einer Publikumsbeschimpfung der Wähler“. Möller plädiert dafür, die Sorgen vieler Menschen nicht pauschal als Veränderungsmüdigkeit abzutun. Es sei Auftrag der Eliten, genau hinzuschauen, wenn Teile der Belegschaft AfD wählen und verstehen zu wollen, was hinter dieser Entwicklung stecke. „Das Lebensgefühl und die politische Haltung ist im Landkreis Bautzen eben eine andere als in Berlin-Kreuzberg“, so Möller, der 2024 als Kommunikator des Jahres ausgezeichnet wurde.
Der ländliche Raum als blinder Fleck
Für Möller reicht die Diskussion weit über Ost-West-Fragen hinaus. Er fordert mehr Aufmerksamkeit für die Lebenswirklichkeit außerhalb der Metropolen. Landwirtschaft, Mittelstand und Familienunternehmen seien wirtschaftliche und gesellschaftliche Anker. Die Folgen oder Lasten von Energiewende, Bürokratie oder Strukturwandel würden auf dem Land getragen, während die Debatten oft in den Städten geführt werden. Daraus entstehe bei vielen Menschen das Gefühl, belehrt als gehört zu werden.
Diese Gedanken hat er in dem Buch „Die Unterschätzten. Warum sich unsere Zukunft auf dem Land entscheidet“ vertieft, das kürzlich erschienen ist und von einigen überregionalen Zeitungen positiv besprochen wurde. Darin beschreibt er die wachsende Distanz zwischen Stadt und Land und wirbt für mehr gegenseitiges Verständnis.
Seine These: Die Zukunft Deutschlands entscheidet sich nicht allein in den Metropolen, sondern in den ländlichen Regionen und den mittelständisch geprägten Wirtschaftsräumen. „Wenn wir es ernst meinen mit der Demokratie, müssen wir anfangen, gerade im ländlichen Raum und in den Kleinstädten, die Probleme der Menschen ernst zu nehmen“, sagt der frühere Journalist. Ob es nun der Wolf in der Uckermark ist oder das geplante Verbrenner-Aus, das „zynisch“ sei in Zeiten, in denen die Wege zu Krankenhäusern und Schulen auf dem Land länger werden. Er versteht sein Buch als Plädoyer gegen neue kulturelle Gräben und für mehr Gesprächsbereitschaft – und beginnt damit bei sich selbst. Der Rahmen des Textes ist eine lange Unterhaltung mit seinem Jugendfreund Hendrik, der Landwirt in einem „Hundertseelendorf“ in Mecklenburg-Vorpommern ist. Ihn frustrieren Bürokratie und träge Verwaltung, aber noch viel mehr verletzen und erzürnen ihn der schleichende Entzug gesellschaftlicher Wertschätzung, befeuert durch Politiker wie Jürgen Trittin, der Tierärzte als „Dealer“ bezeichnete, die „Drogenhandel im Stall betreiben“, wie Möller im Buch zitiert. Die richtige Kommunikation ist eine feine Kunst, die immer weniger beherrschen. Auf diese kommt es auch bei dem Thema an, zu dem Trumpf nun Position beziehen muss – wie das Unternehmen zu Rüstungsinvestitionen steht. Die Familie hat die interne Kommunikation abgestimmt. „Wenn die Bundesrepublik Laser zur Drohnenabwehr braucht, dann am besten von einem Familienunternehmen wie uns“, laute die Linie, verrät Möller zum Schluss seines Vortrages auf der Voices-Bühne. Er weiß, einige Beschäftigte werden denken, „das ist nicht mehr mein Trumpf. Die gesellschaftliche Haltung zu Landesverteidigung und Rüstung muss neu definiert werden – die nächste große Aufgabe für Kommunikationsprofis wie Andreas Möller.


