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Mehr Geld oder nur unnötige Bürokratie: Braucht der Wald in der Oberlausitz ein Gütesiegel?

Bei einem Termin im Herrnhuter Unitätsforst hat ganz Sachsen erneut die Zertifizierung mit dem PEFC-Label erhalten. Für die einen ist das enorm wichtig, für die anderen bedeutet das vor allem Bürokratie und Kosten. Waldbesitzer von Zittau bis Bautzen sehen das unterschiedlich.

Lesedauer: 4 Minuten

Der Revierförster der Evangelischen Brüder-Unität, Matthias Clemens (rechts), führt durch den Wald. Er ist seit Anfang der 2000er Jahre zertifiziert. Quelle: Matthias Weber


Von Anja Beutler

Görlitz/Bautzen. Die Gruppe Männer folgt Matthias Clemens neugierig durch den Herrnhuter Unitätswald. Der Förster, der für die etwa 700 Hektar Wald der Evangelischen Brüder-Unität verantwortlich ist, erklärt und zeigt den gerade frisch mit Gütesiegel versehenen Wald. Der Herrnhuter freut sich, dass die offizielle „Feier“ der erneuten PEFC-Zertifizierung für ganz Sachsen ausgerechnet bei ihm begangen wird. Es ist eine Anerkennung.

Das globale Gütesiegel PEFC ist einer der weitverbreitetsten Standards für ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige Waldbewirtschaftung. 67 Prozent des sächsischen Waldes sind zertifiziert. Im Vergleich zu Bayern, Baden-Württemberg oder Hessen, wo es 90 Prozent und mehr sind, ist aber noch Luft nach oben.

Skepsis in Sachsen

Verwunderlich ist das nicht, denn in Waldbesitzerkreisen, speziell auch in der Oberlausitz, gehen die Meinungen zum Siegel auseinander. Seit 2000 gibt es PEFC, das einst rein europäisch war, inzwischen global Renommee hat. Die Herrnhuter Brüder-Unität war einer der ersten Waldbesitzer in Sachsen, die sich PEFC angeschlossen haben.

PEFC-Zertifizierung

PEFC ist eine international anerkannte Waldzertifizierung. Dabei wird Wert gelegt auf ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit bei der Bewirtschaftung. Verknappt gesagt, darf nicht mehr Holz geerntet werden, als nachwächst. Zum Teil sind Flächenstilllegungen vorgeschrieben. Naturschutz und Biotope sind zu beachten, Kahlschläge, das Kreuz- und Querfahren mit Traktoren im Wald oder das Aufforsten von Monokulturen verboten. PEFC wird vor allem im Verlauf der Holzhandelskette wichtiger. Für die Waldbesitzer kann das Siegel der Zugang zu Förderprogrammen wie dem „klimaangepassten Waldmanagement“ sein, wo bei Einhaltung weiterer Standards bis zu 100 Euro pro Jahr und Hektar gezahlt werden.

Vor allem zwei Gründe gab es dafür damals, erinnert sich Clemens: „Zum einen ging es uns darum, nach außen zu signalisieren, dass wir für die Nachhaltigkeit mehr machen als nötig. Zum anderen haben wir uns erhofft, zu einem besseren Preis verkaufen zu können.“ Bessere Preise, so räumt Clemens ein, habe man in den mehr als 20 Jahren tatsächlich nicht erlösen können. „Aber ich beobachte, dass es beim Holzverkauf zunehmend eine Rolle spielt“, sagt er.

Das beobachtet auch Hans Kraske, der PEFC-Regionalmanager für Sachsen: Waren 2016 in Sachsen gerade einmal 72 Betriebe mit einer Gesamtfläche von 271.000 Hektar PEFC-Mitglied, sind es jetzt 540 Betriebe mit zusammen 348.000 Hektar. „Die PEFC-Zertifizierung wird zunehmend für den kleinen und mittleren Waldbesitz interessant“, schlussfolgert Kraske.

Wald war immer wichtig, denn ohne Holz keine Häuser. Der Denkstein erinnert daran, dass am 17. Juni 1722 hier der erste Baum für den Bau von Herrnhut geschlagen wurde.
Wald war immer wichtig, denn ohne Holz keine Häuser. Der Denkstein erinnert daran, dass am 17. Juni 1722 hier der erste Baum für den Bau von Herrnhut geschlagen wurde.
Quelle: Matthias Weber

Ein Grund dafür ist vermutlich die „Käferkalamität“, wie der Zittauer Stadtforstleiter Uwe Jiranek das jüngste Waldsterben durch Borkenkäferbefall und Trockenheit nennt. Auch die Stadt Zittau, der größte kommunale Waldbesitzer Sachsens, der unter anderem viel Wald im Zittauer Gebirge gehört, ist mit ihren mehr als 4000 Hektar Wald PEFC-zertifiziert. „Seit 2024 sind wir wieder dabei“, bestätigt Jiranek. Zwischenzeitlich war Zittau ausgetreten, weil die Vorteile wohl weniger sichtbar waren.

Zittau: 250.000 Euro Förderung jährlich

Mit der Chance, durch PEFC seit 2025 jährlich 250.000 Euro aus dem Förderprogramm für klimaangepasstes Waldmanagement zu erhalten, hat sich das gedreht, erklärt Jiranek. Zumal die Kriterien, die Zittau dafür einhalten muss, schon gegeben sind. Selbst die Pflicht, einen gewissen Anteil an Flächen unbewirtschaftet zu lassen, macht Jiranek keine Sorgen, da es ohnehin felsige Gebiete gibt, die man nicht bewirtschaften kann. Was freilich gestiegen ist, ist der bürokratische Aufwand, die Dokumentationspflichten.

Bürokratie und Mitgliedsbeitrag will sich die Stadt Löbau sparen. Auch sie gehört zu den großen kommunalen Waldbesitzern, besitzt unter anderem den Kottmar. Stadtforst-Chef Lars Morgenstern betont, dass Löbaus Wald „weiterhin nach Kriterien der Zertifizierung bewirtschaftet wird, ohne selbst Mitglied zu sein“. Dadurch behält die Stadt am Ende mehr Freiheiten. Die Aufforstung nach dem Borkenkäferbefall sei inzwischen ohne die PEFC-Förderung abgeschlossen, betont Morgenstern.

Einige Jahre war Löbau sogar bei PEFC dabei, weil die Forstbetriebsgemeinschaft Oberlausitz, über die das Holz nicht nur von Löbau sondern von Waldbesitzern bis weit in den Kreis Bautzen hinein vermarktet wird, beigetreten war. Die meisten hiesigen Forstbetriebsgemeinschaften stellen es heute aber ihren Mitgliedern frei, selbst einzutreten.

Label mit Pferdefüßen

Denn die Meinungen sind sehr geteilt, weiß auch Tilo Freier, Geschäftsführer bei der Forstgebietsgemeinschaft Oberlausitzer Bergland, zu der Mitglieder in einem Dreieck südlich von Bautzen bis Bischofswerda im Westen und Ebersbach sowie dem Zittauer Gebirgsvorland im Osten gehören. Er weiß, dass viele Wälder in der Oberlausitz, die großen, teilweise adligen Familienunternehmen gehören, auf PEFC setzen.

PEFC ist für uns als Unternehmen wirklich wichtig, damit wir nachweisen, dass wir kein illegal produziertes Holz bekommen. – Reinhard Pfeffer, Einkaufsleiter für Rundholz in Deutschland bei der HS Timber Group

„Die Förderung, die man mit PEFC bekommen kann, ist nicht per se schlecht. Das Label hat was – aber es hat eben auch Pferdefüße“, sagt er gerade mit Blick auf kleinere Waldbesitzer. Viele prüften genau, ob sie eher Vor- als Nachteile hätten. Selbst die Stadt Bautzen, so bestätigt die städtische Pressestelle, ist nicht Mitglied.

Manchen erscheint die Förderpolitik allerdings suspekt und „politisch motiviert“, wie es der Löbauer Stadtförster Lars Morgenstern umschreibt. Auch Erwin Noack, Geschäftsführer der Forstbetriebsgemeinschaft Oberlausitz mit Sitz in Cunewalde, betont, dass gerade kleinen Waldbesitzern eher eine generelle Entlastung als ein Förderprogramm helfen würde.

Sägewerk Kodersdorf setzt auf PEFC

Solange es keinen wirklichen Preisvorteil gibt, fehlt ein wichtiger Hebel. Tatsächlich zahlt das Sägewerk in Kodersdorf bei Görlitz nach wie vor keinen höheren Preis für PEFC-Holz, bestätigt Reinhard Pfeffer, Einkaufsleiter für Rundholz in Deutschland bei der HS Timber Group. Zu ihr gehört das Kodersdorfer Werk. Pfeffer betont aber: „PEFC ist für uns als Unternehmen wirklich wichtig, damit wir nachweisen, dass wir kein illegal produziertes Holz bekommen.“

Das Sägewerk in Kodersdorf kaufe zu drei Vierteln PEFC-zertifiziertes Holz und liefere, wenn dessen Menge an anderen Standorten nicht ausreiche, dieses sogar weiter. Wie aber geht das, wenn in Sachsen und der Oberlausitz doch eine gewisse Zurückhaltung herrscht? Die Lösung liegt unter anderem jenseits der Grenze: „Wir kaufen auch vom polnischen Staatsforst und dessen Wälder sind alle zertifiziert“, erklärt Pfeffer. Und auch in Tschechien bekomme man PEFC-Holz.

Tatsächlich spielt das Zertifikat vor allem im globalen Handel – beispielsweise nach Japan – oder in bestimmten Branchen eine Rolle: „Wir verkaufen auch Sägespäne und Hackschnitzel an die Papierindustrie und die will zu 100 Prozent zertifizierte Produkte“, sagt Reinhard Pfeffer.

Beim klassischen Bau- und Schnittholz in Deutschland sieht das hingegen ganz anders aus. Dort mache der Anteil PEFC-Holz nur etwa zehn Prozent aus, sagt Pfeffer. Dem deutschen Häuslebauer, so bestätigen auch andere Waldbesitzer, sei das mit der Zertifizierung weniger wichtig.

SZ

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