Dresden. Andrés Martin-Birner hat drei Fahrräder zu Hause und fast 10.000 in seiner Firma. Gerne sitzt er auf dem Rennrad, als Jugendlicher in Karl-Marx-Stadt fuhr er Wettkämpfe. Beruflich sorgt Martin-Birner als Chef von 500 Angestellten dafür, dass Fahrradfans einen neuen Lenker oder ein Trikot bestellen können und dann rasch ein Paket bekommen – aus dem riesigen Versandlager an der Breitscheidstraße in Dresden-Dobritz.
Die Bike24 AG ist nicht nur eines der größten Online-Versandhäuser, sondern auch die einzige Firma in Dresden, deren Aktien an der Börse gehandelt werden. Vorstand Martin-Birner tritt trotzdem nicht mit Anzug und Krawatte auf. Der sportliche Firmenchef kommt im Poloshirt mit dem Logo seines Unternehmens.
Kunden von Bike24 bestellen vor allem abends
„Die Kunden verbinden das Sportive mit uns“, sagt Martin-Birner. Vor allem „im Premiumbereich“ habe sich Bike24 einen Namen in Europa gemacht. Der Firmenchef weiß: Viele seiner Kunden sitzen abends am Computer, schauen sich Fahrräder sowie Zubehör an und drücken schließlich auf den Bestell-Button. Dann bekommt die Frühschicht an der Dresdner Breitscheidstraße viel zu tun.
In drei Schichten arbeiten die Logistik-Beschäftigten bei Bike24. Morgens haben sie vor allem mit dem Versand zu tun, später muss neue Ware eingelagert werden. Dass dabei in den vier Hallen des Unternehmens nichts durcheinandergerät, ist vor allem die Aufgabe von Jens Lippert. Als „Head of Operations“ zeigt er, wo in der Firma Menschen arbeiten und wo Roboter.

Quelle: Matthias Rietschel
Lippert öffnet mit einem elektronischen Schlüssel die Tür zu einem langen Gang. Von dem gehen die vier Hallen ab, in denen die Bike24 AG ihre Waren lagert. Ein Teil von Halle 1 ist zugleich Werkstatt: Dort sieht es auf den ersten Blick aus wie in vielen Fahrradläden – Ständer zum Montieren, Schraubendreher in vielen Größen gut sortiert an den Wänden. Allerdings arbeiten in dieser Fahrradwerkstatt 40 Menschen, ihre Arbeitsplätze reihen sich aneinander.
Diese Werkstatt bekommt frische Fahrräder aus Fabriken der ganzen Welt, aber häufig in Einzelteilen. Die Räder müssen zentriert werden, Schalter und Bremsen sind noch nicht eingestellt. Ein Monteur wickelt Lenkerband um das eben ausgepackte Metall.
Werkstatt mit Probefahrt und Qualitätskontrolle
„Vorsicht!“, ruft es von hinten – ein radelnder Monteur fährt probe und muss vorbei. Einer seiner Kollegen wird danach an demselben Rad noch „die Abnahme machen“, sodass immer zwei Mitarbeiter die Sicherheit der Bremsen testen. Steve mit den Tunnel-Ohrringen berichtet, dass er fünf bis acht Fahrräder am Tag montiert. Seit 14 Jahren ist er bei Bike24 – zunächst war er Fachlagerist, vor fünf Jahren wechselte er in die Werkstatt.
Sind die Fahrräder größtenteils montiert, werden sie in Luftpolsterfolien und Kartons verpackt. Die Pedale liegen separat dabei, auch die Lenker muss der Käufer später noch selbst feststellen – „vormontiert“ nennen die Händler den Zustand.

Quelle: Matthias Rietschel
Das Bike24-Lager hat laut Lippert Platz für 12.000 Fahrräder. In der Regel seien bis zu 10.000 vorrätig, davon die Hälfte schon vormontiert. So können sie schnell ausgeliefert werden, wenn ein Online-Kunde etwas bestellt.
Doch das Dresdner Versandhaus lockt seine Online-Kunden nicht nur mit Fahrrädern, sondern mit 70.000 verschiedenen Produkten rund um Radfahren und Triathlon. Selten bestellte Verstellschlüssel sind ebenso dabei wie Müsliriegel. Im „Handlager“ reihen sich sperrige Waren wie Zelte und Helme. Kleinere Teile dagegen stecken in Kisten, die im automatisierten Lager von Robotern sortiert werden.
Roboter finden sich im Warenlager zurecht
Dieser Teil des Bike24-Lagers sieht für den Laien ähnlich kompliziert aus wie eine Mikrochipfabrik: Während in der Globalfoundries-Chipfabrik nummerierte Boxen an einer Schienenbahn durch den Reinraum gleiten, sind bei Bike24 Transportroboter mit acht Rädern fürs Behälterstapeln zuständig.
Die Roboter sind rote Kästen, die sich über den gestapelten Warenkisten auf einem Gitter bewegen. Wird eine Kiste mitten aus dem Lager benötigt, senken die Roboter ihre Greifer ab und ziehen einen Behälter nach dem anderen nach oben, bis sie beim gewünschten angelangt sind.

Quelle: Juergen Loesel
Auf diese Weise können mehr als 100.000 Plasteboxen mit Ware dicht gepackt im Lager stehen, ohne dass ein Mensch darin herumsuchen muss. Alles ist dank Aufklebern mit Streifencodes wiederzufinden.
Jeden Tag werden rund 30.000 Artikel bei Bike24 verschickt oder angeliefert und einsortiert. Lippert hält es für richtig, auch selten bestellte Verbindungsteile vorrätig zu haben: Mancher Käufer finde vielleicht zu Bike24, weil er dort ein spezielles Stück schnell bekomme – und werde dann zum Stammkunden.
Auch die Finnen finden es bequem, auf Finnisch zu bestellen. – Andrés Martin-Birner, Vorstand der Bike24 AG
144 Euro kostet der durchschnittliche Warenkorb der Bike24 AG. Das ist eine der vielen Zahlen, die das Dresdner Unternehmen regelmäßig veröffentlicht. Seit die Aktiengesellschaft vor gut vier Jahren einen Teil ihrer Anteilsscheine in den Frankfurter Börsenhandel gegeben hat, muss Vorstand Martin-Birner Quartalsberichte veröffentlichen und den Aktionären Rechenschaft ablegen. Größter Mitbesitzer ist eine Beteiligungsgesellschaft namens Riverside Partners in New York, die dem Dresdner Chef und Mitgründer aber Entscheidungsfreiheit lässt.
Dabei ging es mit Bike24 seit der Gründung 2002 nicht immer bergauf. Zwar hat das Unternehmen inzwischen ein zweites automatisiertes Lager in Barcelona eröffnet, von dem es Kunden in Spanien, Italien und Frankreich beliefert. Doch in den vergangenen Jahren nach der Corona-Pandemie waren bei Bike24 wie bei vielen kleinen Fahrradhändlern die Lager zu voll, die Nachfrage stieg nicht weiter wie erhofft.
Personalkosten gesenkt
Im Jahr 2023 schrumpfte der Umsatz, voriges Jahr blieb er konstant bei 226 Millionen Euro. Martin-Birner strich etwa 20 Arbeitsplätze im Management und senkte die Personalkosten. Fast 500 Menschen arbeiten für das Unternehmen, davon mehr als 400 in Dresden.
Rechnete der Chef Anfang 2025 noch mit einem Umsatzplus von drei bis sieben Prozent für dieses Jahr, so ist er jetzt optimistischer und hofft auf bis zu 15 Prozent Umsatzwachstum. Im ersten Quartal 2025 schaffte Bike24 fast 18 Prozent Wachstum im Vorjahresvergleich. Dazu trug bei, dass die Bike24-Internetseiten nun auch in polnischer und finnischer Sprache genutzt werden können. Französisch, Spanisch und Italienisch gab es vorher schon.

Quelle: Matthias Rietschel
„Auch die Finnen finden es bequem, auf Finnisch zu bestellen“, sagt Martin-Birner. Er beschäftigt Programmierer und Experten für Online-Marketing. Denn die Dresdner Firma muss leicht im Internet zu finden sein, wenn Fahrradfreunde Spezialitäten suchen oder Preise vergleichen.
Der Gang an die Börse hat Bike24 und seinen Eigentümern vor vier Jahren 322 Millionen Euro eingebracht. Damit konnte die Firma ihre Schulden halbieren und weiter investieren. Der Aktienkurs allerdings ist heute weit entfernt vom damaligen Startpreis von 15 Euro.
Zeitweise war die Dresdner Aktie nur rund einen Euro wert, danach ist der Kurs wieder auf rund drei Euro gestiegen. Martin-Birner hat von seinen Aktien noch keine verkauft. Er will weiter in den Online-Auftritt investieren und mehr Fahrräder verkaufen.
SZ


