Suche
Suche

Bunte Botschafter aus der Oberlausitz: „In jedem Edding steckt ein Stück Bautzen“

In Bautzen laufen unter der Leitung von Franziska Sill jährlich bis zu 90 Millionen Stifte vom Band. Die junge Geschäftsführerin aus Görlitz verbindet handwerkliches Können, moderne Technik und ihre ostdeutschen Wurzeln – und macht daraus ein Erfolgsrezept auch für ihre knapp 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Lesedauer: 5 Minuten

Die Görlitzerin Franziska Sill leitet seit 2022 den Bautzener Standort des Stifteherstellers V.D. Ledermann & Co. GmbH. Quelle: Steffen Unger

Miriam Schönbach

Bautzen. Ines Schuricht kennt ihre Montagemaschine aus dem Effeff. Ein leises Surren, ein kurzes Klacken – dann spuckt der Vollautomat einen roten Whiteboard-Marker auf das Förderband. Die Schreiber, gerade noch in Einzelteile zerlegt, gleiten fast wie von Geisterhand in die Aufnahmebox. Vor einer guten Stunde hat die 51-Jährige an diesem Freitagnachmittag ihre Schicht begonnen. 30 Jahre arbeitet sie bereits im Betrieb in Bautzen und freut sich noch immer über jeden perfekten Marker.

Ines Schuricht in ihrem Element: Seit 30 Jahren abreitet sie im Bautzener Edding-Werk.
Ines Schuricht in ihrem Element: Seit 30 Jahren abreitet sie im Bautzener Edding-Werk.
Quelle: Steffen Unger

Das Herz der Stifteproduktion

Die Oberlausitz ist das Herz der Stifteproduktion von V.D. Ledermann & Co. GmbH. In Zahlen sieht der farbenfrohe Botschafter für die Region so aus: Rund 80 bis 90 Millionen Stifte verlassen jährlich das Werk. Mehr als 300 Millionen Spritzgussteile werden selbst gefertigt. Es gibt Permanent-Marker über Lack- und Textilmarker bis hin zu Kreidemarker. Sogar Spezialprodukte entstehen hier, etwa für die präzise Beschriftung von Blutkonserven. Der Bestseller Edding 3000 Permanent-Marker wird in 20 Farbvarianten hergestellt.

Unsere Maschinenbediener kümmern sich im Spritzguss pro Schicht um bis zu acht Maschinen. – Franziska Sill, kaufmännische Geschäftsführerin am Bautzener Edding-Standort

Der Lieblingsstift von Geschäftsführerin Franziska Sill ist der Office F Fineliner schwarz 0,6 mm – kurz Edding 88. Für sie liegt er am besten in der Hand, und die Tinte fließt schön gleichmäßig aus der Spitze. Der Edding No.1 war dagegen ein echtes Pionierprodukt: 1960 bringen ihn die Hamburger Schulfreunde Carl-Wilhelm Edding und Volker Detlef Ledermann als ersten wasserfesten Permanent-Marker Deutschlands auf den Markt. Die Idee dazu kam aus Japan.

Gerade noch in zahlreichen Einzelteilen wird der Edding 363 in Sekundenschnelle am Vollautomaten zusammengesetzt.
Gerade noch in zahlreichen Einzelteilen wird der Edding 363 in Sekundenschnelle am Vollautomaten zusammengesetzt.
Quelle: Steffen Unger

Präzision in jeder Maschine

Wenn die Chefin über 95 Mitarbeiter durch die Hallen geht, bleibt sie stehen, beobachtet, hört zu. Sie weiß, wie viel Erfahrung, Handwerk und Leidenschaft in jedem einzelnen Stift stecken. „Unsere Maschinenbediener kümmern sich im Spritzguss pro Schicht um bis zu acht Maschinen“, erklärt sie. Jede Charge durchläuft strenge Qualitätskontrollen.

Für Franziska Sill ist der Standort im Gewerbegebiet Bautzen-Ost mehr als nur eine Produktionsstätte: „In jedem Edding steckt ein Stück Bautzen.“ Die kaufmännische Geschäftsführerin wurde 1989 in Görlitz geboren. „Ich habe schon als Kind mit meinem Opa gewerkelt“, erzählt sie. Nach dem Abitur merkt sie nach einem kurzen Abstecher an die Uni, dass ihr etwas Praktisches fehlt. Also absolviert sie eine handwerkliche Ausbildung zur Zerspanungsmechanikerin – in einer Klasse mit über 20 Jungs.

Hier laufen die die Gehäuse für die Stifte vom Band.
Hier laufen die die Gehäuse für die Stifte vom Band.
Quelle: Steffen Unger

Technik trifft Wirtschaft

Der nächste Schritt folgt schnell: Aus technischen Zeichnungen erstellt die Auszubildende bald Programme, legt Werkzeuge fest und entwickelt standardisierte Abläufe. Sie merkt: Sie will noch mehr, das analytische Denken fehlt ihr. Es folgt ein duales Studium im Wirtschaftsingenieurwesen, bei dem sich ihr Weg mit V.D. Ledermann & Co. GmbH kreuzt. Angebote anderer Konzerne sind verlockend, doch ihr Bauchgefühl führt sie nach Bautzen: „Ich wollte die Unbekannte, die Herausforderung – und das war Edding.“ Der Einstieg ist praxisnah. Eine der ersten Aufgaben im Betrieb: eine neue Drehmaschine beschaffen. Dabei muss sie sich zum ersten Mal gegen ältere, gestandene Kollegen durchsetzen.

Qualitätssicherung mit Liebe zum Detail

Die Maschine läuft übrigens bis heute im Werk. Franziska Sill geht weiter und bleibt bei Katarzyna Lawro stehen. „Ich suche die Nadel im Heuhaufen“, sagt die Qualitätsprüferin, während sie die frisch gespritzten Mundstücke durch ihre Finger gleiten lässt. Jede Unebenheit würde auffallen, dann müsste die Maschine nachjustiert werden.

Zweimal Flipchart-Marker: der rote Klassiker und die Eco-Line-Variante.
Zweimal Flipchart-Marker: der rote Klassiker und die Eco-Line-Variante.
Quelle: Steffen Unger

Seit 2022 leitet Franziska Sill das Werk kaufmännisch, fühlt sich im Herzen aber weiterhin als Ingenieurin. Sie erklärt jeden Schritt der Spritzgussmaschine mit ruhiger Hand und großer Erfahrung: „Nachdem der Kunststoff in das Werkzeug eingespritzt wurde, kühlt er bei etwa 230 Grad ab. Wenn er aus dem Werkzeug kommt, ist er noch warm, aber bereits hart und darf sich beim Herausfallen nicht verformen.“

Nachhaltigkeit als Zukunftsstrategie

Unter ihrer Führung setzt der Standort Bautzen innerhalb des Unternehmens einen klaren Fokus auf nachhaltige Materialien. 2025 betrug der Einsatz von Recyclingmaterialien in der Produktion rund 20 Prozent, 2026 sollen es über 50 Prozent sein. „Der Kreislauf-Stift ist unser Wunsch“, sagt die Managerin.

Katarzyna Lawro sucht als Qualitätsprüferin die "Nadel im Heuhaufen“.
Katarzyna Lawro sucht als Qualitätsprüferin die „Nadel im Heuhaufen“.
Quelle: Steffen Unger

Was bedeutet das? Bei der Eco-Line bestehen Gehäuse und Kappen bereits zu mindestens 90 Prozent aus recyceltem Material, meist Post-Industrial-Kunststoff, wie er beispielsweise bei der Rohrherstellung anfällt. Viele Stifte sind nachfüllbar, um Abfall zu reduzieren und die Lebensdauer zu verlängern. Rücknahmeboxen ermöglichen die Wiederverwertung. „Wir arbeiten ständig daran, Farbe, Haptik und Funktion zu verbessern“, sagt Franziska Sill. Ingenieure und Chemiker des Werks forschen kontinuierlich an den Produkten. Auch die Ausbildung hat einen hohen Stellenwert: Derzeit werden zehn Azubis betreut.

Einer der Edding-Bestseller - in der EcoLine-Variante. Die Kappe und der Schaft bestehen bei ihm mindestens zu 90 Prozent aus recyceltem Material.
Einer der Edding-Bestseller – in der EcoLine-Variante. Die Kappe und der Schaft bestehen bei ihm mindestens zu 90 Prozent aus recyceltem Material.
Quelle: Steffen Unger

Der Bautzener Standort ist nicht nur technisch, sondern auch finanziell ein Schwerpunkt. Das Familienunternehmen mit Sitz in Ahrensburg investiert jährlich einen siebenstelligen Betrag in Bautzen – unter anderem in neue Maschinen, Prozessoptimierung und kontinuierliche Modernisierung. In den 1990er-Jahren übernimmt das Unternehmen Teile der traditionsreichen DDR-Marke „Markant“ aus Singwitz und errichtet in Bautzen eine neue Produktionsstätte.

Jener Volkseigene Betrieb (VEB) Schreibgerätewerk „Markant“ in Singwitz bei Bautzen war das Herz der DDR-Schreibwarenproduktion. Gegründet 1948 als Sächsische Füllhalterwerke, fertigte das Werk unter dem eingängigen Motto „Markant– in jeder Hand“ Füller wie den Saturn IF, Kugelschreiber wie den DKS K 73, Faserschreiber und Minen. Besonders bemerkenswert: Ein moderner Maschinenpark, teils Schweizer Technologie, erlaubte die Herstellung in beeindruckender Stückzahl. Jährlich verließen Millionen Schreibgeräte das Werk – rund 20 Millionen Kugelschreiber, 40 Millionen Faserschreiber und 40 Millionen Minen.

Diese Superlative toppen die Bautzener Edding-Macher knapp 40 Jahre später: Von Bautzen aus gehen die Stifte in Millionenauflage auf Reisen in über 60 Länder. Dazu gehören viele in Europa, aber auch Kasachstan, die USA, Kanada, Südamerika, Asien, Australien sowie Teile Afrikas und des Nahen Ostens. Permanent- und Whiteboard-Marker sind die Bestseller mit über 30 Millionen Stück pro Jahr.

Schwarz wird am häufigsten verarbeitet, die Marker in dieser Farbe sind am beliebtesten – egal welches Modell, welche Strichstärke und welcher Anwendungszweck, wie auch die Produktion an diesem Freitagnachmittag zeigt. Lediglich die Montagemaschine von Ines Schuricht macht eine Ausnahme. Dort spuckt der Vollautomat weiter im Sekundentakt den Whiteboard-Marker in Rot aus.

SZ

Das könnte Sie auch interessieren: