Von Ulrich Milde
Leipzig. Die Fallstricke lauern nahezu überall. Das Betriebsverfassungsgesetz ist hochbürokratisch. „Es ist wichtig, es sehr genau zu kennen, um Fehler zu vermeiden. Fehler in der Anwendung können die effektive Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Betriebsrat behindern und hohe Kosten verursachen“, sagt Miriam Amin, die gemeinsam mit Johannes Bellmann und Thilo Haase die clarait GmbH in Leipzig gegründet hat. Die drei führen zusammen auch die Geschäfte des Start-ups.
Auf die Arbeitnehmervertretungen kommen in ihrer Tätigkeit hohe regulatorische Hürden zu. Wie muss die geforderte Geschäftsordnung formuliert sein, damit sie wirksam ist? Wie hat das Sitzungsprotokoll auszusehen? Innerhalb welcher Frist und in welcher Form ist Widerspruch möglich? Welches Meeting-Tool darf verwendet werden und kann sich ein Mitglied zuschalten, wenn sich mit ihm im Raum Dritte aufhalten? „Wird einer dieser Punkte missachtet, kann dies zur Unwirksamkeit der betreffenden Beschlüsse führen“, erläutert Amin. Dann kann etwa die mit dem Unternehmen vereinbarte Kurzarbeit oder Einstellung eines Bewerbers nicht vollzogen werden. Das alles hat zur Folge, dass viele Betriebsräte sich regelmäßig juristischen Rat holen. Kosten, die der Arbeitgeber tragen muss.
Die junge Firma verspricht eine Lösung für diese Probleme. Mit der Softwarte BRbase wird die Tätigkeit des Betriebsrates digitalisiert und professionalisiert – von der Sitzungsvorbereitung bis zur Einladung. „Das automatisch erzeugte, rechtskonforme Protokoll ist natürlich das i-Tüpfelchen“, sagt Vivian Hentschke, Betriebsratsvorsitzende der Leipziger Manager-Schmiede HHL. Die Webanwendung ist speziell auf die juristischen Anforderungen von Betriebsräten zugeschnitten. So fasst das Gremium immer formell korrekte und rechtssichere Beschlüsse. „Das System hilft, Fehler zu vermeiden“, betont Amin.
Daneben bietet die junge Firma das Programm HRflows, das die Kommunikation zwischen Personalabteilung und Arbeitnehmervertretung erleichtert. In mitbestimmten Betrieben bedarf jede Entscheidung zu Personalmaßnahmen des Votums des Betriebsrats. Das sind in größeren Gesellschaften schnell einige Hundert Maßnahmen pro Jahr, die formell korrekt abgewickelt werden müssen. Eine reibungslose Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat erfordert vollständige Informationen, etwa beim Erstellen von Schichtplänen. Fristen müssen eingehalten werden, alles ist rechtssicher zu dokumentieren und datenschutzkonform zu vermitteln. „Wir sorgen also für weniger Rückfragen, weniger Wartezeiten, mehr Tempo bei wichtigen Entscheidungen“, sagt Amin. Das sei beispielsweise dann wichtig, wenn ein guter Kandidat an Bord geholt werden soll. „Dann muss es schnell gehen.“
Ursprünglich hatte die Informatikerin (35) die Absicht, in der Wissenschaft zu arbeiten. Doch später entstand bei der gebürtigen Leipzigerin der Wunsch, „etwas Eigenes zu machen“. Und so tat sie sich mit dem Betriebswirtschaftler Johannes Bellmann (38) und mit dem Juristen Thilo Haase (26) zusammen. Bellmann war früher selbst Betriebsratsmitglied und litt nach eigenen Angaben bei dieser Tätigkeit unter der ausufernden Bürokratie und der mangelnden Digitalisierung. Haase publiziert regelmäßig in rechtswissenschaftlichen Fachzeitschriften als Arbeitsrechtler mit Expertise im Betriebsverfassungsgesetz. So kamen sie auf die Idee, digitale Prozesse für die Arbeit des Betriebsrats und die Personalabteilungen zu erstellen. Die Programme „sind eigene Entwicklungen“, betont die Geschäftsführerin. Änderungen des Betriebsverfassungsgesetzes würden umgehend eingearbeitet. Kunden kommen unter anderem aus den Bereichen Chemie, Energie, Logistik, Pharmazie, Autoindustrie. Dabei war es zunächst nicht leicht, an das erforderliche Kapital zu kommen. „Man muss mit vielen potenziellen Investoren sprechen und Vertrauen aufbauen.“ Die möglichen Geldgeber schauten vor allem darauf, ob das Geschäftsmodell skalierbar sei. Und da stehen die Chancen offenkundig nicht schlecht. Der Technologiegründerfonds Sachsen (TGFS) und der HR Angels Club, ein europaweites Netzwerk erfahrener Investoren, haben jetzt 1,5 Millionen Euro in clarait investiert. Die Mittel fließen in den Ausbau der Vertriebsorganisation, die Marktexpansion sowie die Weiterentwicklung der bestehenden Softwarelösungen. Die Internationalisierung zunächst im deutschsprachigen Raum wird vorbereitet. Weiteres Wachstum deutet sich also an. 20 Mitarbeiter stehen momentan auf der Gehaltsliste. Ziel ist, im nächsten Jahr schwarze Zahlen zu schreiben.
Internationalisierung geplant
Die junge Firma richte sich mit ihren Lösungen an „einen hochrelevanten, bislang nur unzureichend digitalisierten Bereich“, begründet TGFS-Geschäftsführer Sören Schuster das Engagement. Es handele sich um einen stark wachsenden Markt, der durch zunehmende regulatorische Anforderungen, steigende Komplexität der Mitbestimmungsprozesse und den Trend zu digitalen, revisionssicheren Workflows geprägt sei. Bereits heute zählen namhafte Unternehmen, darunter DAX-40- und Fortune-500-Unternehmen zu den Kunden. Mit der aktuellen Finanzierungsrunde sollen die Plattform funktional weiter ausgebaut, KI-gestützte Anwendungen integriert und die Internationalisierung – zunächst im deutschsprachigen Raum – vorbereitet werden.
Das Investment ermögliche es, „unsere Marktpräsenz deutlich auszubauen und unsere Vision zu realisieren“, sagt Geschäftsführer Johannes Bellmann. Und das bedeutet: die führende Plattform für digitale Gremienarbeit, Arbeitsbeziehungen und Personalarbeitsprozesse zu werden. „Der Markt ist riesig“, bekräftigt Amin.


