Bautzen. Die Nachricht kommt für viele Kundinnen und Kunden überraschend: Die Bautzener Parfümerie Thiemann, eines der bekanntesten inhabergeführten Handelsunternehmen der Oberlausitz, unter anderem mit Filialen auf der Reichenstraße und im Kornmarkt-Center in Bautzen sowie in der Straßburg-Passage und im Neißepark in Görlitz, stellt sich im Rahmen eines Planinsolvenzverfahrens in Eigenverwaltung neu auf. Für die Familie Thiemann ist dieser Schritt nach eigenen Angaben das Ergebnis eines langen und schwierigen Abwägungsprozesses. So heißt es in einem veröffentlichten Statement.

Quelle: Martin Schneider
Dabei betont das Unternehmen ausdrücklich: Es geht nicht um eine Geschäftsaufgabe, sondern um eine Sanierung. „Wir bitten in dieser Phase nicht um Mitleid. Wir bitten um Vertrauen“, schreibt die Familie Thiemann in einem öffentlichen Statement an Kunden, Mitarbeiter und Geschäftspartner. Der Satz bringt auf den Punkt, worum es jetzt geht: wirtschaftliche Stabilisierung, Erhalt von Arbeitsplätzen und die Sicherung einer mehr als drei Jahrzehnte langen Erfolgsgeschichte.
Die Bedeutung des Verfahrens reicht weit über das Unternehmen hinaus. Die Parfümerie Thiemann gehört seit Jahrzehnten zu den prägenden Einzelhändlern der Region. Gegründet wurde das Familienunternehmen im Oktober 1990 in Bautzen. Aus einem Geschäft entwickelte sich die größte inhabergeführte Parfümeriekette Ostdeutschlands. Heute betreibt das Unternehmen 13 Filialen in Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt – darunter in Bautzen, Görlitz, Dresden, Leipzig, Freiberg, Pirna, Freital, Cottbus und Halle. Ergänzt wird das stationäre Geschäft durch eine eigene App und einen Online-Shop, der während der Corona-Pandemie aufgebaut wurde.
Corona-Pandemie als Wendepunkt
Nach Angaben der Familie befand sich das Unternehmen vor der Pandemie auf einem wirtschaftlich stabilen Kurs. „Wir waren kurz davor, nahezu schuldenfrei in die Zukunft zu gehen“, heißt es in dem Schreiben. Dann kamen die Corona-Lockdowns. Filialen mussten zeitweise schließen oder konnten nur eingeschränkt arbeiten. Während die Umsätze massiv einbrachen, liefen Mieten, Gehälter und weitere Verpflichtungen weiter. Besonders fordernd seien die Folgen eines aufgenommenen Corona-Kredits gewesen. „Diese Belastung wirkt bis heute nach“, erklärt die Familie.
Einkaufscenter unter Druck
Doch Corona allein sei nicht verantwortlich für die heutige Situation. Die Pandemie habe vielmehr Entwicklungen beschleunigt, die den stationären Handel bis heute belasten. Der Druck habe sich nicht erst in den vergangenen Monaten aufgebaut, sondern bestehe bereits seit mehreren Jahren, sagt Inhaber Bodo Thiemann. Als einen der wesentlichen Gründe nennt das Unternehmen die Entwicklung vieler Einkaufscenter.
Nach der Pandemie hätten zahlreiche Standorte die Besucherzahlen von früher nicht wieder erreicht. Gleichzeitig bestehen langfristige Mietverträge. Zudem sahen viele davon automatische Mieterhöhungen entsprechend der Inflation vor. Dadurch stiegen die Kosten auch dann weiter, wenn die Kundenfrequenz an den Standorten zurückging

Quelle: Steffen Unger
Hinzu kämen nach Unternehmensangaben teilweise schwer nachvollziehbare Werbekostengemeinschaften, die zusätzliche Belastungen verursachen. „Wenn Kundenströme sinken, Leerstände zunehmen und die Kosten gleichzeitig steigen, wird ein Standort irgendwann wirtschaftlich nicht mehr tragfähig“, heißt es. Über Jahre habe man versucht, Lösungen zu finden, Gespräche mit Vermietern zu führen und Belastungen aufzufangen. Doch irgendwann sei der Punkt erreicht gewesen, an dem eine grundlegende Neuordnung notwendig wurde.
Was bedeutet das für Kunden?
Bewusst verzichtet die Familie darauf, einzelne Center oder Vermieter öffentlich zu kritisieren. „Es geht uns nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen. Wir sprechen über ein strukturelles Problem, das viele mittelständische Händler betrifft.“
Es geht uns nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen. Wir sprechen über ein strukturelles Problem, das viele mittelständische Händler betrifft. – Familie Thiemann, aus dem Statement zur Planinsolvenz
Für Kundinnen und Kunden ändert sich zunächst nichts. Alle Filialen bleiben geöffnet. Beratung, Verkauf, Serviceangebote, Kundenprogramme, App und Online-Shop laufen uneingeschränkt weiter. „Wir bleiben für Sie da“, verspricht die Familie. Gerade jetzt freue man sich über jeden Besuch und jedes Zeichen des Vertrauens. Die Planinsolvenz sei kein Schließungsverfahren, sondern ein Instrument, um wirtschaftlich gesunde Bereiche zu stärken und das Unternehmen langfristig wieder handlungsfähig zu machen.
Werden Filialen schließen?
Eine Frage bewegt derzeit besonders viele Kunden: Sind Filialschließungen geplant? Eine konkrete Antwort gibt es bislang nicht. Nach Angaben des Unternehmens werden derzeit alle Standorte geprüft. Ziel sei es festzustellen, welche Filialen langfristig wirtschaftlich tragfähig sind und wo Anpassungen notwendig werden könnten. „Wir werden keine vorschnellen Aussagen treffen. Unser Ziel ist es, so viel wie möglich zu erhalten – aber nur dort, wo es wirtschaftlich verantwortbar ist.“
Die laufende Prüfung bedeute ausdrücklich nicht, dass automatisch Standorte geschlossen werden. Das Unternehmen verweist auf starke Filialen, treue Stammkundschaft und engagierte Teams.
Sorge um Beschäftigte
Besonders aufmerksam verfolgen die 60 bis 70 Beschäftigten die Entwicklung. „Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind das Herz der Parfümerie Thiemann“, betont die Familie. Ohne ihre Beratung, Erfahrung und Kundennähe wäre das Unternehmen nicht das, was es heute ist. Ziel der Sanierung sei es, möglichst viele Arbeitsplätze zu sichern und eine langfristige Perspektive zu schaffen. Gleichzeitig kündigt die Familie an, offen und transparent zu kommunizieren, wenn Veränderungen notwendig werden sollten.
Trotz aller Schwierigkeiten blickt die Familie nach vorn. Die persönliche Beratung, langjährige Stammkunden, erfolgreiche Standorte, die App und der Online-Shop gelten weiterhin als wichtige Stärken des Unternehmens. „Die Planinsolvenz ist für uns kein Aufgeben oder Scheitern“, heißt es in dem Schreiben. „Sie ist ein Instrument, um unser Unternehmen geordnet neu aufzustellen.“ Zum Abschluss richtet die Familie einen Appell an Kunden, Mitarbeiter und Geschäftspartner: „Die Parfümerie Thiemann ist mehr als eine Bilanz.“
Die kommenden Monate werden zeigen, ob es gelingt, eines der bekanntesten Familienunternehmen der Oberlausitz wirtschaftlich zu stabilisieren und damit ein Stück regionaler Handelsgeschichte in die Zukunft zu führen.
SZ


