Markkleeberg. Mit 28 Jahren traf Christian Conrad eine lebensverändernde Entscheidung. Er, damals in der Leipziger Baubranche tätig, fuhr 1998 zum Tagebaurestloch Cospuden – und war elektrisiert. „Ich war so begeistert von dem Canyon, der sich vor uns auftat und noch kein Wasser hatte, dass ich hier irgendwas machen wollte.“ Das tat er. „Heute“, sagt Conrad, Geschäftsführer von „Pier 1“, dem Unternehmen, das Hafen und Nordstrand betreibt, „läuft vieles automatisch, der See ist etabliert.“ Wie kam es dazu?
Irgendwo zwischen Business und Beach sitzt der 54-Jährige leicht gebräunt und mit Dreitagebart am Hafen, hat die Sonnenbrille in die dunklen Haare geschoben, das weiße Hemd steht zwei Knöpfe offen. Hinter ihm der Steg und Segelboote, bunte Holzhütten säumen den Weg rund um den Hafen. Ein Restaurant bietet Bowls an, der Biergarten Pommes und Bratwurst auf dem Freisitz.

Quelle: Uwe Pullwitt
Erzählt Conrad von den ersten 25 Jahren, tut er das bedächtig, fast kontrolliert, macht Pausen. Dass heute alles automatisch laufe, dass Unternehmen wie Pächter „ganz gut über die Runden“ kämen, dahinter liege jahrelange Arbeit. 1998 bewarb sich Conrad mit seinen Gesellschaftern für die internationale Ausschreibung, den See zu entwickeln – der Hafen, der Nordstrand, die Eröffnungsfeier samt Marketing waren seine Aufgaben. „Die Leute meinten, wir spinnen völlig.“ Diese „Dreckecke“ wolle doch niemand besuchen. „Wir stellten uns mit Filterkaffee und selbstgebackenen Brownies an den See, um die Leute anzufüttern.“
Es klappte. Aber nicht ohne Probleme. Schulden über fünf Millionen Mark habe er aufgenommen, „Geld eingezahlt, das wir gar nicht hatten.“ Etliche Strandliegen und Sonnenschirme kaufte das Team. „Nach ein paar Wochen war nichts mehr übrig, entweder vom Sturm oder durch Vandalismus zerstört.“ Dann riss ein Orkan die gesamte Pier weg. Das war „die existentiellste Bedrohung.“ Conrad und sein Team bauten sie wieder auf.
Die Leute meinten, wir spinnen völlig. – Christian Conrad, Chef vom Pier 1 über den Beginn des Cospudener Sees
Nach den ersten unsicheren, wilden Anfangsjahren kamen ab 2005 die des Erfolgs und der vielen Gäste. Der See diente als Kulisse beim „Tatort“, „SOKO Leipzig“ und „In aller Freundschaft“. Restaurants verbesserten ihr Angebot, mehr Ferienwohnungen entstanden. „Als hier die Tagebaurestlöcher geflutet wurden, das war eine Zeit großen Freiraums.“ Einer seiner wichtigsten Wegbegleiter, erzählt er, sei der Architekt Gregor Fuchshuber. „Er hat seine Handschrift in den Gebäuden viel mehr verewigt, als ich es mit meiner Arbeit am See konnte.“
Steiler Anfang, jetzt Stagnation?
Diese Jahre zwischen 2000 und 2010 beschreibt er gern als Tummel-, als Spielplatz. Markkleeberger, Störmthaler und Zwenkauer See folgten und bilden gemeinsam das Leipziger Neuseenland. „Die Seenlandschaft gewann um 2010 an Zugkraft, auch bei internationalen Touristen.“ Es kamen nochmal neue Ferienwohnungen hinzu.
Heute sei der Cospudener See größtenteils fertig entwickelt. Für Conrad eine Teamleistung. Und doch gibt es Themen, über die Conrad sich ärgert: der auf Eis liegende Harthkanal als schiffbare Verbindung zwischen Cospudener und Zwenkauer See. „Der wäre wichtig, um die Touristen länger zu halten.“ Das Problem sieht er bei bürokratischen und zögerlichen Behörden, die sich mit der bisherigen Entwicklung zufriedengeben würden. „Vieles von damals würde heute gar nicht mehr gehen.“

Quelle: Andre Kempner
Pläne und Projekte gibt es. So steckte die Stadt Leipzig 155.000 Euro in die Sanierung von Erlebnisachse und Badesteg am Nordufer. Derzeit lasse sie eine Machbarkeitsstudie für die Bootspassage an der Stelle des Harthkanals erstellen. Und Markkleeberg will den Verkehr rund um den Hafen neu regeln, das Surfcenter soll einen festen Bau bekommen, eine weitere Servicestation mit Kiosk und Toiletten entstehen.Und die Landesdirektion will ihre Prüfung zur Freigabe des Cospudener Sees für Motorboote „zeitnah“ beenden.
„Kann mir vorstellen, nachzuinvestieren“
Auch Conrad hat für die Flächen, die Pier 1 gehören, Visionen. „Die letzten Baulücken rund um den Hafen können geschlossen werden, vielleicht mit schönen großen Ferienwohnungen. Da kann ich mir vorstellen, nachzuinvestieren.“ Und es gibt mehr Ideen: eine schwimmende Sauna, private kleine Strandhütten, die die Leipziger an einem Strand ihrer Wahl abstellen und für Liegen und Sonnenschirme nutzen könnten. „Aber die richtig großen Veränderungen werden nicht mehr passieren.“
Christian Conrad war der Cospudener See nicht genug. Er ist Geschäftsführer dreier Unternehmen, die LeipzigSeen GmbH, die auch Kulkwitzer und Cospudener See betreibt, gehört dazu, wie die Blauwasser Seemanagement GmbH, die für den privaten Eigentümer Blauwasser den Hainer See unterhält. „Geschickt geplant“ könne man das wenig ertragreiche Geschäft der Seebewirtschaftung in den Griff bekommen. „Die Bauträgerbranche ist deutlich lukrativer.“

Quelle: André Neumann
Auch die Energieunternehmen RWE im Rheinland und die LEAG aus der Lausitz holten sich schon Rat bei Conrad, was sie mit ihren Tagebaurestlöchern machen sollen, teils viermal so groß wie der Cospudener See. „Ob diese Betriebe die Kreativität haben, um die Chance zu nutzen, weiß ich nicht.“
Macher, aber für wen?
Christian Conrad, der Macher, den das Neuseenland gebraucht hat? Sicherlich ist er eine prägende Figur, an der man kaum vorbeikommt. Ein früherer Weggefährte bleibt kurz stehen. „Er hätte hier schon viel früher starten sollen“, findet er.
Andere, die heute mit Conrad geschäftlich zu tun haben, äußern sich zurückhaltender. Manche sagen, er nutze seinen Einfluss zu wenig, um neue Ideen umzusetzen – die Zusammenarbeit mit ihrem Verpächter sei oft schwierig.
Highlights, Lifestyle, Dolce Vita
Conrads Highlights sind die Momente, die er mit Menschen teilt. Er überlegt, bis ihm zwei von Automobilherstellern gesponserte, internationale Segelwettbewerbe einfallen. „Veranstaltungen bei schönem Wetter und tausenden Leuten fand ich immer besonders schön.“ Er lächelt, wenn er von den spielenden Kindern erzählt, von den Menschen, die sich mit ihm freuten. Den Leuten müsse man klarmachen, dass sie hier „das Dolce Vita am See“ bekämen, ihrem „Lifestyle eine maritime und lässige Note“ geben könnten.
Aber wie fühlt sich das an – ein Vierteljahrhundert Arbeit, so sichtbar verdichtet an einem Ort?„Was soll man da fühlen?“, fragt er zurück, zuckt mit den Schultern. Dann fällt ihm doch etwas ein. „Es fühlt sich nach Lebensprojekt an. So ein Ding gelingt mir nicht nochmal“, sagt er. „Dieser große Spielplatz, den wir hatten, gibt es nicht mehr.“


