Von Nora Miethke
Dresden. Im nächsten Monat wird es voraussichtlich wieder drei Millionen Arbeitslose in Deutschland geben. In Sachsen wird wieder eine Sieben vor dem Komma stehen bei der Arbeitslosenquote. Das vermutet jedenfalls Landesarbeitsagentur-Chef Klaus-Peter Hansen.
Die sächsische Industrie hat in den vergangenen zwei Jahren rund 11.000 Jobs verloren. Insgesamt in der deutschen Industrie sind es 10.000 im Monat. Und regelmäßig stehen in den Zeitungen Meldungen über Entlassungen in großen Konzernen – beim größten deutschen Autozulieferer Bosch, dem Maschinenbauer Trumpf oder Deutschlands größtem Softwarekonzern SAP. Alle haben Standorte in Sachsen. Die Liste ließe sich fortsetzen. Das Wort von der De-Industrialisierung macht die Runde.
Der Eindruck täuscht nicht, doch die Ursachen liegen anderswo als viele annehmen. „Es gibt keine ungewöhnliche Insolvenzwelle, wir haben zu wenig Gründungen. Deshalb kommt es zur De-Industrialisierung“, sagt Professor Enzo Weber. Der Arbeitsmarktforscher vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung prägt den Begriff von der „Erneuerungskrise“, in der die deutsche Wirtschaft steckt. Bei einem Vortrag diese Woche am Ifo Dresden hat er erklärt, was sich dahinter verbirgt und welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen nun von Nöten sind.
Nach der Analyse von Weber sinkt die Beschäftigung nicht in den Großkonzernen, sondern in den kleineren Betrieben. „Wir haben eine Krise der Kleinen“. Zwar haben die Entlassungen 2025 zugenommen, aber der Anteil der Menschen, die pro Monat arbeitslosen, lag immer noch unter dem Vor-Corona-Niveau, so Weber. Anders bei den Jobchancen, die seien heute so niedrig wie noch nie. Nicht die Künstliche Intelligenz zerstöre die Jobchancen für junge Berufseinsteiger, sondern dass es keine neuen Stellen gibt. Die Meldungen offener Stellen liegen auf einem Tiefpunkt – auch in Sachsen. 2025 wurden im Jahresdurchschnitt rund 31.000 freie Stellen ausgewiesen, 12,1 Prozent weniger als im Jahr zuvor.
„Die Unternehmen verlagern keine Stellen ins Ausland im großen Maßstab, das würden wir in der Statistik an steigenden Auslandsinvestitionen erkennen“, stellt Weber in Dresden klar. Es werde in der Industrie schlicht zu wenig gegründet wie noch nie, zu wenig neues aufgebaut. „So macht man keine Transformation“ sagt der Wissenschaftler. Denn in Strukturwandel-Zeiten geraten etablierte Bereiche unter Druck, es könnten aber auch neue technische Potenziale entstehen. Eine umfassende Klimawende oder der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft würde einen technischen Fachkräftebedarf erzeugen, der jenen helfen könnte, die jetzt ihre Jobs zum Beispiel in der Autozulieferindustrie verlieren. Doch diese Potenziale würden zu wenig umgesetzt.
Soweit die Bestandsaufnahme. Enzo Weber hatte natürlich auch Vorschläge für die Therapie der Erneuerungskrise dabei – eine „pro-kompetitive Industriepolitik“. Dahinter verbirgt sich der Ansatz, strategische Impulse zu setzen für die Erneuerung der Industrie und gleichzeitig die Marktkräfte zu stärken. Also keine staatlichen Eingriffe gegen den Markt, sondern Eingriffe für einen funktionierenden Wettbewerb in der Transformation. Konkret geht es um die Kombination von Preissteuerung und Förderung, um Kapital zu hebeln für Gründungen und Geschäftsmodelle, die sich schnell skalieren lassen, um staatliche Beschaffung als Innovationspolitik.
Innovationen auch bei den Speichertechnologien gefragt
Die beschlossenen Sondervermögen der Bundesregierung nannte Weber „einen großen Wurf“. Aber noch fehle der „große Wurf“ wie die Mittel richtig investiert werden. „Wir müssen in die Infrastruktur der Zukunft investieren, in Datennetze, Wasserstoffnetze, Verkehrsnetze“, so der Forscher, der auch Regierungen und Parlamente politisch berät. Die Gelder müssten richtig im Sinne von Erneuerung eingesetzt werden. Bei dem Verbrennungsmotor habe Deutschland es geschafft, Innovationen herauszuholen. Jetzt komme es darauf an, dies auch bei Speichertechnologien von Energie zu schaffen.
Mit dem Sondervermögen müsste Technologiepolitik betrieben werden. Dazu gehört auch, Arbeitskräfte in aufstrebende Bereiche weiterzuentwickeln. Der Branchenwechsel-Radar des IAB zeige, dass nur die Hälfte der Beschäftigen prinzipiell dazu bereit ist. Auch hier müsste mehr Bewegung erreicht werden. Das Instrument der Kurzarbeit wirke in Erneuerungskrisen „katastrophal“. Statt Entlassungen in die Frührente fordert Weber Abfindungen steuerfrei zu stellen, wenn wieder ein Job aufgenommen wird. Auch sollte der Kündigungsschutz bei neuen Projekten gelockert werden, um die Anpassungskosten im Falle des Scheiterns zu senken. „Wir haben kein Lohnkostenproblem, sondern ein Umsteuerungsproblem“, sagt Weber, der ein „Bündnis für mehr Bewegung“ schmieden will.
In Sachsen kämpft die Autoindustrie und die Braunkohlewirtschaft mit Strukturwandelprozessen und braucht dringend neue Perspektiven für ihre Beschäftigten. Auf der anderen Seite sucht die Chipindustrie im Dresdner Norden Arbeitskräfte. Der US-Chiphersteller hat jetzt mit dem Tagebau-Betreiber LEAG ein Umschulungsprojekt gestartet. Doch wie bekommt man Beschäftigte vom Band in der Autofabrik in den Reinraum? Hier benötige man Paketlösungen aus Beratung, Netzwerken unter den Unternehmen, neuen Qualifizierungslösungen und Anreizen wie die steuerfreien Abfindungen, so Weber.
Ostdeutschland sei neben Japan die Region, die im weltweiten Vergleich am stärksten mit der Alterung der Gesellschaft zu kämpfen hat. Dennoch würde der IAB-Forscher nicht den Kopf in den Sand stecken. Für die Erneuerung sei es nicht zu spät.


