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Die Fitmacher

Das Berufsförderungswerk Leipzig hilft Menschen mit Beeinträchtigungen bei der Integration ins Arbeitsleben.

Lesedauer: 3 Minuten

Eine Frau steht vor einem Bild und lächelt.
Mit starkem Blick in die Zukunft: Cornelia Dittmann leitet das Berufsförderungswerk Leipzig. Foto: Andre Kempner

Von Ulrich Milde

Leipzig. Nancy Groschoff war Sozialpädagogin. Doch die Arbeit im Frauenhaus und mit Familien in prekären Lebenssituationen ging oft über ihre emotionalen Grenzen hinaus, sie vernachlässigte ihre eigene Gesundheit. „Potenziert hat sich dies dann noch durch private Umstände und Schicksalsschläge, sodass ich an einem Punkt angelangt war, wo ich merkte, dass ich etwas verändern muss“, berichtet sie. Während einer ambulanten Reha hörte sie vom Berufsförderungswerk (BFW) Leipzig und entschied sich, dort eine Umschulung zu machen, um künftig als Verwaltungsfachangestellte im Kommunal- oder Landesdienst in Sachsen zu arbeiten.
Ein weiteres Beispiel: Nach einer langen Phase der Orientierung, in der Hubert Sadowski studierte, jedoch keinen Abschluss erlangte und dann einigen Nebentätigkeiten nachging, fand er seine Leidenschaft für Technik. Er absolvierte per Bildungsgutschein die Umschulung zum Technischen Produktdesigner, Fachrichtung Maschinen- und Anlagenkonstruktion im BFW Leipzig. Die Innovative Oberflächentechnologien GmbH (IOT) in Leipzig erkannte sein Potenzial während der betrieblichen Lernphase und bot ihm sofort nach seinem Abschluss eine Festanstellung an. „ Auch wenn es dem einen oder anderen vielleicht nicht immer leichtfällt beziehungsweise fallen wird, das Lernpensum zu bewältigen, sollte man den Mut nicht verlieren und das angestrebte Ziel immer im Blick behalten“, blickt Sadowski auf seine 27 Monate dauernde Umschulung zurück.

Seit Jahresbeginn Chefin
Zwei Fälle, auf die Cornelia Dittmann mit Zufriedenheit blickt. Schließlich ist es die originäre Aufgabe des BFW, zumeist im Auftrag der Rentenversicherungen, der Arbeitsagentur oder des Jobcenters, Menschen, die sich in der Regel aufgrund einer gesundheitlichen Beeinträchtigung nach Krankheit oder einem Unfall beruflich neu orientieren müssen, Hilfen für eine Rückkehr in das Arbeitsleben anzubieten. „Gemeinsam mit ihnen entwickeln und realisieren wir Lösungen zur Orientierung, Qualifizierung und Vermittlung auf den Arbeitsmarkt“, sagt die Geschäftsführerin der Einrichtung, die die Rechtsform einer gemeinnützigen GmbH hat. „Für Arbeitssuchende mit Bildungsgutschein oder Vermittlungsgutschein, Bundeswehrangehörige, Unternehmen, Angestellte und Auszubildende halten wir ebenso passende Qualifizierungen bereit“, ergänzt die gebürtige Leipzigerin, die seit 2013 im BFW tätig ist, dort als Fachbereichsleiterin Personal begann und seit Jahresbeginn „nach einem strengen Bewerbungsverfahren“ die Chefin ist. Ihnen allen würden „zielgruppenorientierte Lösungen“ angeboten.
In Sonntagsreden verkünden Politiker etwa mit Blick auf Schulabbrecher stets gerne: Kein Jugendlicher, auch nicht aus schwierigen familiären Verhältnissen, dürfe verloren gehen.
Damit soll verdeutlicht werden, dass jeder Jugendliche eine faire Chance auf eine positive Entwicklung und Teilhabe erhalten soll, unabhängig von seiner Ausgangssituation. Eine Einschätzung, die Cornelia Dittmann teilt. Doch die 52-Jährige geht weiter und sagt, dass dieser Anspruch auch für die beeinträchtigte Erwachsene gelten müsse. „Die Integration von Menschen mit Behinderung in das Erwerbsleben ist unser Beitrag zu einem aktiven sozialpolitischen Engagement der Gesellschaft.“

Erfolgsquote von 80 Prozent
Ziel ist dabei stets die Qualifizierung und Vermittlung auf den ersten Arbeitsmarkt. Das ist nicht nur für die Betroffenen wichtig, die eine Teilhabe am Berufsleben wünschen, sondern hat auch einen volkswirtschaftlichen Aspekt. „Der ist schon sehr bedeutsam“, sagt Dittmann. Nach Einschätzung der Regionaldirektion Sachsen der Bundesagentur für Arbeit werden in Sachsen bis zum Jahr 2030 rund 330 000 Arbeitskräfte fehlen, vor allem wegen des demografischen Wandels. Hier sorgt das BFW mit jährlich 1000 Teilnehmern und einer Erfolgsquote von 80 Prozent bei der Integration für mehr als einen Tropfen auf dem heißen Stein.
Großer Wert wird auf die Zusammenarbeit mit der regionalen Wirtschaft gelegt. Das zeige sich in der relativ problemlosen Vermittlung von betrieblichen Praktika der Teilnehmer und eben guten Chancen, nach Abschluss der Umschulung und der entsprechenden Prüfung etwa vor der Industrie- und Handelskammer einen Job zu finden. „Wir haben ein starkes Netzwerk und stehen mit den Firmen, aber auch Verbänden wie dem IT-Cluster Mitteldeutschland oder dem Netzwerk Logistik in einem permanenten Informationsaustausch.“ Das weise die Richtung für bedarfsgerechte Qualifizierungsmaßnahmen, so die Geschäftsführerin. „Was wird benötigt, welche zusätzlichen Qualifikationen sind wünschenswert?“.
Dazu verfüge das BFW über eine moderne technische Ausstattung, um den Anforderungen der Wirtschaft gerecht zu werden. Neue Gesetze und Verordnungen, die wichtig sind, fließen ebenfalls in die Qualifizierung ein. Digitalisierung und künstliche Intelligenz sind ebenfalls an der Tagesordnung. „Das alles sichert unsere hohe Qualität.“ Zu den Unternehmen, zu denen gute Kontakte bestehen, zählen unter anderem die Leipziger Autofabriken von BMW und Porsche sowie der Kühlmaschinenbauer Bitzer in Schkeuditz.

270 Mitarbeiter an Bord
Das BFW qualifiziert in 16 Berufen. Die Einrichtung selbst hat 270 Beschäftigte, die sich um die Umschulung und Weiterbildung kümmern. Darunter sind Ausbilder, Therapeuten und Ärzte, Personalberater im Reha-Management und Mitarbeiter des Gesundheitscenters. Sie beraten die Teilnehmer und berücksichtigen ihre spezifischen Bedürfnisse, sollen so für eine ganzheitliche Betreuung sorgen, wobei auf das individuelle Leistungsvermögen der einzelnen Rehabilitanden Rücksicht genommen wird.
Die beiden Beruflichen Trainingszentren (BTZ) in Leipzig und Chemnitz haben sich auf die Bedarfe von Menschen mit psychischen Problemen konzentriert. „Wir haben unter anderem bei Teilnehmern mit Essstörungen eine hohe Kompetenz“, berichtet Dittmann. Überhaupt, da hätten sich im Laufe der Jahre die Schwerpunkte verändert. Habe es sich früher vor allem um Einschränkungen bei der Bewegung gehandelt, so gehe es heute in 80 Prozent aller Fällen um psychische Beeinträchtigungen. Dittmann begründet das mit Fortschritten in der Medizin, wodurch derartigen Erkrankungen erkannt würden. Zudem arbeitet das BFW, das in Konkurrenz mit einer Vielzahl von freien Trägern steht, mit anderen Berufsförderungswerken, Reha-Trägern und Reha-Einrichtungen, den Organisationen Behinderter und Selbsthilfeeinrichtungen, Ministerien in Bund und Land, sowie Behörden und Institutionen zusammen.
Getreu dem Motto „Stillstand ist Rückschritt“ nimmt Dittmann regelmäßig viel Geld in die Hand. So steht in den nächsten drei Jahren die Sanierung des gewerblich-technischen Bereichs an. Die Kosten? „Wir haben dafür 15 Millionen Euro vorgesehen.“ Eine Investition, die den Nachfolgern von Nancy Groschoff und Hubert Sadowsky zugutekommen wird.

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