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Digades in Zittau entlässt ein Drittel der Mitarbeiter

Dem Unternehmen bricht die Nachfrage nach einem Produkt weg, in dem es Weltmarktführer war. Digades will innovativ bleiben - mit kleineren digitalen Brötchen.
Lesedauer: 3 Minuten
Drei Männer im Anzug lächeln in die Kamera.
Digades-Gründer Lutz Berger (Mitte) mit den Söhnen Sascha (links) und Tim. Tim Berger hat das Unternehmen im Zuge der Krise nun verlassen. © digades

Von Markus van Appeldorn

Es ist ein relativ kleines Unternehmen – aber ein höchst innovatives: der Zittauer Elektronik-Spezialist Digades. Über Jahre hinweg gab es für das Unternehmen nur eine Richtung: aufwärts. Als Hersteller von Fernbedienungen von Pkw-Standheizungen brachte es Digades zum Weltmarktführer in dieser Nische. Doch die digitale Entwicklung ging über diese kleinen Helferlein hinweg und brachte Digades so in die Krise. Nach einer versuchten Rettung durch Kurzarbeit verkündet das Unternehmen nun: Man muss sich von gut einem Drittel der Mitarbeiter trennen. Der Schnitt wird an Kopf und Gliedern vorgenommen. Digades sieht in dem schweren Schritt die einzige Möglichkeit, das Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen.

Eine Vitrine im Foyer der Digades-Firmenzentrale an der Zittauer Rathenaustraße zeugt von der goldenen Vergangenheit. Aufgereiht liegen darin etliche etwa streichholzschachtelgroße Geräte, verziert mit den Logos aller Marken, die in der Autowelt Rang und Namen haben: Bentley, Lamborghini, Porsche, Mercedes, BMW, Audi und VW sowieso – und viele Marken mehr. Das alles sind Fernbedienungen für Standheizungen – und die Exklusivität mancher dieser Marken wurde schließlich zum Teil des Problems. „Wir sind groß geworden mit dem riesigen Erfolg in Standheizungen, wurden Weltmarktführer„, sagt Geschäftsführer Sascha Berger. Mit rund 19,3 Millionen Euro waren diese Geräte bis 2019 nicht nur Hauptumsatzbringer des Unternehmens (insgesamt 24 Millionen Euro), sondern auch dessen Geldkuh.

Im aktuellen Jahr sehen die Zahlen dann viel dramatischer aus. „Obwohl unser Gesamtumsatz nur auf rund 20 Millionen gesunken ist, tragen die Standheizungs-Fernbedienungen nur noch sieben Millionen Euro dazu bei“, sagt Berger. Aber: Dieses Geschäft mit den Fernbedienungen ist unfreiwillig eingebrochen – und alle anderen Geschäftsbereiche bringen nicht ansatzweise die Gewinne wie einst die Standheizungen. „Gleichzeitig sind unsere Kosten für Personal und Energie massiv gestiegen“, sagt Berger. Die bittere Konsequenz: Zum 1. Mai hat Digades 29 Mitarbeitern betriebsbedingt gekündigt, für neun weitere wurden Verträge nicht verlängert oder sie haben das Unternehmen freiwillig verlassen. Das entspricht etwa einem Drittel der bisher Beschäftigten. Die Zahl der Beschäftigten sinkt auf 98.

Smartphone hat Fernbedienung verdrängt

Hauptgrund eben: die eingebrochene Nachfrage nach Fernbedienungen für Standheizungen – das erledigen heute Smartphones. „Das ist für die Autohersteller günstiger, das Smartphone haben Kunden sowieso immer dabei und sie brauchen kein zusätzliches Gerät“, erklärt Sascha Berger. Und eben auch die Exklusivität einer Ausstattung mit einer Standheizung wurde zum Teil des Problems. „Wenn wir hier von Weltmarkt reden, heißt das in Wahrheit, dass Standheizungen eine europäische Sache sind“, erklärt er. Auf der Südhalbkugel brauche eben niemand eine Standheizung fürs Auto – und in Europa ist es eine Luxus-Ausstattung. „Acht bis zwölf Prozent – und das eben auch überwiegend in Fahrzeugen der gehobenen Preisklasse“, sagt Berger.

Mit dem Aufkommen der Smartphone-Technologie habe Digades daher schon vor einigen Jahren Lösungen entwickelt, die Heizungsfernbedienung in den eigentlichen Autoschlüssel zu integrieren. Aber: „Dafür müsste man sämtliche Schlüssel eines Herstellers für die Sendefunktion vorrichten, die letztlich dann nur in wenigen davon verbaut wird. Das war den Herstellern viel zu teuer“, sagt Berger.

Auch Hoffnungen, mit Heizungen in E-Autos noch mal ganz groß durchzustarten, hätten sich schnell zerschlagen – obwohl dies noch einen weiteren technischen Vorteil mit sich gebracht hätte. „E-Autos haben ohnehin serienmäßig eine elektrische Heizung oder auch Kühlung verbaut. So hätte man mit einer Fernbedienung das Auto nicht nur im Winter vorheizen, sondern auch im Sommer vorklimatisieren können“, sagt Berger. Aber auch für E-Autos hätten sämtliche Hersteller auf Smartphone-Lösungen gesetzt – allein schon, weil man Heizung oder Klimaanlage damit im Gegensatz zu den kleinen Fernbedienungen aus beliebiger Entfernung steuern könne.

Eine neue Nische als Zukunft

Aber Digades hat auch die Zukunft im Köcher – ohne die ganz großen Autokonzerne. Bei denen nämlich trete man mittlerweile bei neuen Technologien gegen Marktriesen wie Bosch oder Continental an. „Da nehmen Autohersteller wie Mercedes-Benz oder VW ein kleines Unternehmen wie Digades zunehmend nicht mehr ernst“, sagt Sascha Berger. Mittlerweile habe man aber digitale Zugangstechnologien für Fahrzeuge entwickelt – bloß nicht mehr für Luxus-Karossen oder die Masse – sondern für eine neue Nische.

„Das sind etwa Schneemobile, Boote, Motorräder, Quads oder auch Kehrmaschinen, Bagger und Landmaschinen wie Traktoren“, sagt Berger. Die Hersteller solcher Fahrzeuge seien für Marktriesen nur unlukrative Zwerge – für Digades aber eine einträgliche Nische. „Bei diesen Kunden ist Digades einzigartig“, erklärt er. Ein weiteres Geschäftsfeld habe man sich auch im stark wachsenden Markt für Fahrzeug-Bedienelemente wie Tasten erschlossen – und dafür bereits einen großen US-Autohersteller als Kunden gewonnen, „Ein gutes Kompensationsgeschäft“, sagt Berger – auch wenn man die Gewinnverluste noch lange nicht habe ausgleichen können.

Bei den jetzigen Entlassungen hat sich Digades von Mitarbeitern in allen Bereichen und auf allen Hierarchie-Ebenen getrennt – auch in der obersten Chef-Etage. „Der bisherige Co-Geschäftsführer Tim Berger, Bruder von Sascha Berger, hat das Unternehmen verlassen“ informiert dazu Betriebsratsvorsitzender Rene Schönberg. Und Nein: Die Brüder haben sich kein bisschen zerstritten. Außerdem betont Schönberg: „Das Unternehmen musste diesen Schritt gehen, nicht um den Gewinn zu maximieren, sondern um die Zukunft zu sichern.“ Den ausscheidenden Mitarbeitern würden auch keine Abfindungen gezahlt. „Um sich Abfindungen leisten zu können, hätten wir nochmal 10 bis 15 Leute mehr entlassen müssen“, sagt Sascha Berger – dieses Geld und die Beschäftigten aber brauche man für die Zukunft des Unternehmens.

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