Jannik Packenius
Dresden. Zwei Drittel weniger verkauftes Obst und Gemüse im September, ein schlechtes Weihnachtsgeschäft, dann musste das Geschäft in der Alten Mälzerei in Pieschen dichtmachen. Es läuft schlecht beim Hosterwitzer Obstbau Rüdiger. „Die Leute wollen zwar immer regional und ökologisch, aber kaufen doch lieber beim Supermarkt nebenan“, sagt Inhaber Robert Rüdiger. Vor allem Besserverdiener gehören normalerweise zu den Kunden des regionalen Obstmarkts. Heute merke man mehr denn je, dass auch hier das Geld nicht mehr so locker sitzt.
Dann kam mit dem neuen Jahr außerdem der neue Mindestlohn von 13,90 Euro pro Arbeitsstunde. Das ist viel für den Hosterwitzer Obstbaubetrieb. Darum fehlt jetzt das Geld für Saisonarbeiter. Vier rumänische Feldarbeiter und sechs zusätzliche Verkäufer sind es sonst immer gewesen. Wenn es gut läuft, bleiben davon in diesem Jahr noch zwei Verkäufer, so Rüdiger. Jetzt kann nur noch das angebaut werden, was das Kernteam auch ernten kann. Von 48 auf 40 Hektar sinkt die Anbaufläche. Das heißt vor allem weniger Kartoffeln, Kürbisse und Melonen.
In Dresden und ganz Sachsen ist der Obstbau in Not
Nicht nur bei Obstbau Rüdiger wird auf kleineren Flächen angebaut. Das ist in Sachsen seit Jahren ein Trend, der sich immer weiter verschärft. In den letzten sechs Jahren ist die Obstanbauflächen um 1000 Hektar gesunken. Das ist ein Rückgang um 25 Prozent. 1000 Hektar Verlust waren es zuvor in 20 Jahren zwischen 2000 und 2020. Nur noch 3000 Hektar Anbaufläche sollen es 2026 sein, zeigen Daten des Obstbauverbands Sachsen und Sachsen-Anhalt.
Der gestiegene Mindestlohn und die damit verbundenen hohen Kosten für Saisonarbeiter seien für den Obst- und Gemüseanbau ein großes Problem, erklärt Carmen Kaps, Geschäftsführerin des Obstbauverbands. Hier würde besonders viel Handarbeit anfallen, vor allem bei der Ernte. „Das ist immer noch mal abhängig von der Vermarktungsform. Selbstpflücker sind natürlich weniger betroffen.“ Bei einigen Betrieben liege der Anteil des Lohns dagegen bei 50 bis 60 Prozent der Gesamtkosten.
Verschärfend käme eine echt fiese Gesamtmischung aus weiteren Problemen hinzu, erklärt Carmen Kaps. Die infolge des Iran-Kriegs gestiegenen Energiepreise würden alles teurer machen. Außerdem sei der Bürokratieaufwand im Obstbau hoch: 10 bis 15 Kontrollen gebe es im Jahr in den Betrieben. „Uns ist wichtig, dass die Qualität der Früchte stimmt, aber man muss auch das Maß wahren.“

Quelle: SZ/Juliane Just
Ein weiteres großes Problem sei der Klimawandel. Nachdem 2024 ein Großteil der Ernte ausfiel, weil es zu späten Frösten im Frühjahr kam, ist die Lage angespannt. Auch im April 2026 hat es wieder Fröste während der Blütezeit gegeben. Dazu würden die hohen Preise für Schutzmaßnahmen kommen, etwa bei Anlagen gegen Hagel.
Hilfe müsste aus der Politik kommen
Die Rahmenbedingungen im Obstbau sind schwierig und werden sich nicht von allein bessern, ist sich Carmen Kaps sicher. Die Forderung lautet: eine praxisgerechte Abschlagsregelung beim gesetzlichen Mindestlohn für saisonale Erntearbeiten. 80 Prozent des Mindestlohns hält der Deutsche Bauernverband für sinnvoll.
Erst in der vergangenen Woche brachte die Bundesfachgruppe Obstbau neuen Wind in die Debatte. Nur noch jeder zweite in Deutschland verkaufte Apfel würde von hier kommen und weniger als jede zweite Erdbeere. Damit sei die Abhängigkeit von Importen aus dem Ausland in den vergangenen Jahren stark gestiegen.
Ich hoffe, dass wir dieses Jahr überstehen, mehr Gedanken mache ich mir grad nicht. – Robert Rüdiger, Obstbau Rüdiger
Eine Prüfung des Bundesagrarministeriums 2025 ergab, dass eine Ausnahme beim Mindestlohn für Saisonkräfte in der Landwirtschaft rechtlich nicht möglich sei. Der Mindestlohn sei als absolute Untergrenze gesetzlich verankert. Im März 2026 stellte der Deutsche Bauernverband daraufhin ein eigenes Rechtsgutachten vor, nach dem eine Mindestlohn-Ausnahme doch möglich sein soll.

Quelle: xcitepress/Benedict Bartsch
Die Debatte scheint festgefahren. Warum wird nicht auch über höhere Subventionen für den Obst- und Gemüsebau diskutiert, um die höheren Lohnkosten auszugleichen? Vielleicht würde das helfen, erklärt Carmen Kaps. Den Betrieben sei es aber auch wichtig, wirtschaftlich zu arbeiten. Man wolle nicht in zu große Abhängigkeit geraten.
Mehr Blumen und größere Melonen sollen das Schlimmste verhindern
Robert Rüdiger glaubt nicht daran, dass eine Ausnahme beim Mindestlohn ihm jetzt noch helfen würde. „Die Rumänen und Ungarn wissen doch mittlerweile, wo der liegt.“ Wenn die Saisonarbeitskräfte plötzlich wieder weniger verdienen würden, gingen sie in die Niederlande oder nach England – das machen sowieso schon einige – oder die Arbeitsmoral würde sinken.
Robert Rüdiger hält mehr von Zöllen an den Grenzen. In Polen gibt es billigeren Dünger und niedrigere Löhne, also kann auch billiger verkauft werden. Dafür muss es einen Wettbewerbsausgleich geben.
Eigentlich will Robert Rüdiger aber nicht so weit in die Zukunft schauen: „Ich hoffe, dass wir dieses Jahr überstehen, mehr Gedanken mache ich mir gerade nicht.“ In Hosterwitz soll das Sortiment angepasst werden. Insgesamt wird alles etwas kleiner und fokussierter auf bestimmte Produkte. Es soll mehr Floristik geben und die Melonen sollen stärker bewässert werden, damit sie größer wachsen. Gurken und Tomaten gehen immer.
SZ


