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Dresdner Unternehmen geben Feiertagsgarantie

Lesedauer: 4 Minuten

Von Michael Rothe

Ein Hauch von Revolution weht durchs Dresdner Elbtal. Kein Anflug von Kommunismus, eher von Pragmatismus. Ken Berger und Sebastian Strobel haben es getan: Die Chefs und Inhaber einer Steuerberatung und eines IT-Dienstleisters schenken ihren Beschäftigten in diesem Jahr drei beziehungsweise zwei freie Tage. Und Anfang 2023 gleich noch einen.

Dabei gibt es die Feiertage bereits auf dem Kalender. Praktisch fallen Neujahr, 1. Mai, 1. Weihnachtstag und erneut Neujahr aber auf ein Wochenende – und so zur zusätzlichen Erholung aus. Im vergangenen Jahr gingen Arbeitnehmern in Deutschland derart sogar fünf freie Tage verloren. Während Ostern, Pfingsten, Christi Himmelfahrt, Reformationstag sowie in Sachsen der Buß- und Bettag fest fixiert sind, wandern andere, wie auch der Tag der Deutschen Einheit, durch die Woche.

„Die Diskussion um arbeitnehmer- und arbeitgeberfreundliche Jahre begleitet mich durch die 15 Jahre meiner Selbstständigkeit“, sagt Ken Berger. Dass es anders geht, erfährt der Steuerberater durch Kontakte nach Spanien: „Dort werden Feiertage, die auf einen Sonntag fallen, am folgenden Werktag nachgeholt – landesweit und gesetzlich verankert.“ Gleiches gilt in Großbritannien, Irland, Australien und weiteren gut 80 Staaten. In Belgien können Beschäftigte den Ersatztag sogar frei wählen, und in Italien gibt es statt Freizeit einen Lohnausgleich.

Auch in Deutschland wird seit Jahren diskutiert, doch die Politik tut sich schwer. Steuerberater Berger war die ewige Hängepartie leid und hat für seine 20 Beschäftigten Anfang 2022 eine „Feiertagsgarantie“ eingeführt. Sein Mandant Sebastian Strobel, Chef und Inhaber der Alltrotec GmbH, fand die Idee „so cool“, dass er nachzog. Dessen 60-köpfige Belegschaft durfte erstmals den 1. Mai am Brückentag nach Himmelfahrt nachholen.

Sebastian Strobel und Ken Berger (v.l.) hatten die Feiertagdiskussion satt und sind selbst aktiv geworden.
Sebastian Strobel und Ken Berger (v.l.) hatten die Feiertagdiskussion satt und sind selbst aktiv geworden.© ronaldbonss.com

Eher einer Frage der Organisation, als der Kosten

„Unser Prinzip ist ganz einfach“, erklärt Strobel. „Fällt der Feiertag auf ein Wochenende, wird er auf Freitag vorgezogen, und alle Kolleginnen und Kollegen haben frei.“ Natürlich werde die Erreichbarkeit für Kunden sichergestellt, sagt der 39-Jährige. Wer die Feiertagsschicht übernehme, habe am Montag danach frei. Und wer im Urlaub sei, bekomme den Tag gutgeschrieben. „Die Umsetzung ist eher eine Frage der Organisation als der Mehrkosten“, so Berger. „Die Arbeit wird nur anders verteilt.“ Die Reaktionen seien positiv, sagt der Finanzexperte, dessen Team vor allem Ärzte, Pflegeeinrichtungen und Gastronomen berät. Weitere Firmen wollten seine „Feiertagsgarantie“ einführen, etwa ein Softwarehaus in Hamburg.

Der Steuerberater hat sich diesen Namen schützen lassen, er macht sich insbesondere bei der Personalakquise bezahlt. „Gute Fachkräfte sind im Steuerwesen und der IT hart umkämpft“, sagt der 46-Jährige. „Da geht es längst nicht mehr nur um gute Bezahlung und ein spannendes Aufgabenfeld.“ Faktoren wie Flexibilität, Nachhaltigkeit, ausgewogene Work-Life-Balance würden immer mehr an Bedeutung gewinnen, so Berger.

„Feiertagsgarantie“ verfange in Jobanzeigen, bestätigt Sebastian Strobel, der den Begriff nutzen darf. Bewerberinnen und Bewerber würden zuerst fragen, was es damit auf sich habe, sagt er. „Dann sind sie begeistert, zu hören, dass bei uns jedes Jahr arbeitnehmerfreundlich ist.“ Alltrotec, als Nummer acht im Handelsregister eine der ersten Dresdner Nachwendegründungen, hilft Mittelständlern, den digitalen Wandel zu meistern – von Shopfloor über E-Commerce bis zur IT-Sicherheit.

Feiertage sind in Deutschland Ländersache

Die Feiertagspioniere können sich in der Diskussion zurücklehnen, die durch den zuletzt ausgefallenen 1. Mai Fahrt aufgenommen hatte. Vor allem Die Linke macht sich für den Ersatz stark, auch als Corona-Bonus. Ex-Parteichefin Katja Kipping, mittlerweile Senatorin für Arbeit in Berlin, geht es darum, Beschäftigten „etwas zurückzugeben, was ihnen durch einen Zufall des Kalenders weggenommen wird“, sagt die Dresdnerin in einem Interview.

Die je nach Region zehn bis zwölf Feiertage im Jahr sind in Deutschland Ländersache. Sachsens Linke im Landtag hatte unlängst den Entwurf eines Ersatzfeiertagsgesetzes vorgelegt, wonach für jeden gesetzlichen Feiertag, der auf Samstag oder Sonntag fällt, in der Folgewoche ein Ausgleichstag gewährt wird. Bei rechtzeitiger – für Beobachter aber eher unwahrscheinlicher – Beschlussfassung könnte noch in diesem Jahr der auf Sonntag fallende 1. Weihnachtstag am Dienstag, dem 27. Dezember, nachgeholt werden.

„Ich bin sehr dafür, dass es Regelungen im Sinne der Beschäftigten gibt, was das Nachholen von Feiertagen angeht“, sagt Sachsens Arbeitsminister Martin Dulig (SPD) auf Anfrage von saechsische.de. Seine Priorität gelte aber der Gleichstellung des Buß- und Bettages mit anderen Feiertagen. „Ich möchte diesen Tag nicht opfern“, so Dulig. Es müssten mehrere Sozialgesetzbücher geändert werden, „um die bestehende Lex-Sachsen da wieder herauszubekommen“.

IHK Dresden plädiert für freiwillige Regelungen

Zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit spricht für Dresdens Industrie- und Handelskammer (IHK) einiges dagegen, die weltweit verbreitete Nachholeregelung auf Sachsen zu übertragen. Deutschland habe gemeinsam mit Dänemark die meisten Feiertage in der EU. Im Mittel hätten Beschäftigte dort 28,9 Urlaubstage. Und die Bundesrepublik weise mit 34,8 Stunden eine der kürzesten Wochenarbeitszeiten auf, argumentiert die Kammer. Unterm Strich würden etwa die Griechen im Schnitt rund acht Wochen im Jahr mehr arbeiten als die Deutschen. Dennoch könne es „in Zeiten rarer Arbeits- und Fachkräfte für Arbeitgeber eine Überlegung wert sein, ihren Beschäftigten für einen verlorenen Feiertag einen zusätzlichen Tag Urlaub zu gewähren“. Das sollte aber auf freiwilliger Basis erfolgen, antwortet die Interessenvertretung von 97.000 Firmen im Regierungsbezirk.

Für alle auf ein Zeichen von Politik oder Arbeitgebern Wartenden gilt: Noch drei Jahre Geduld! Dann winkt ein arbeitnehmerfreundliches Jahr mit ausschließlich freien Feier- und vielen möglichen Brückentagen zur Urlaubsverlängerung.

Deutsche uneins über Feiertage

  • Die Festlegung von Feiertagen ist in Deutschland Ländersache.
  • Laut Meinungsforschern von Yougov ist etwa die Hälfte der Deutschen dafür, Feiertage vom Wochenende am Montag nachzuholen. Ein Drittel lehnt das ab.
  • Sachsen hat sechs datumsfeste gesetzliche Feiertage: 1. Januar (Neujahr), 1. Mai (Tag der Arbeit), 3. Oktober (Tag der Deutschen Einheit), 31. Oktober (Reformationsfest), 25. und 26. Dezember (1. und 2. Weihnachtstag). (MR)

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