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Drohender Stellenabbau: Wacker-Mitarbeiter weiter im Ungewissen

Im Werk Nünchritz von Wacker wächst die Unsicherheit: Beschäftigte warten auf Klarheit zum geplanten Stellenabbau. Von einer Betriebsversammlung hatten sie sich konkrete Aussagen erhofft, wurden aber enttäuscht. Wie es nun weitergeht.

Lesedauer: 3 Minuten

Dresdens größte Baustelle: Die Mikrochipfabrik ESMC nahe dem Flughafen wächst. Rechts ist das Parkhaus zu sehen, dahinter ein Bürogebäude, für das am 4. Dezember Richtfest war. Das Foto wurde von ESMC bearbeitet zur Verfügung gestellt. Quelle: ESMC

Deutsche Presse-Agentur dpa und Eric Weser

Nünchritz. Es war eine besondere Betriebsversammlung Mitte Februar im Wacker-Chemiewerk in Nünchritz, das mit seinen rund 1600 Mitarbeitern der größte Chemiearbeitgeber im Freistaat ist. „Die Teilnehmerzahl war doppelt so hoch im Vergleich zu sonst“, blickt der Betriebsratsvorsitzende Göran Gust auf das rund zweieinhalbstündige Treffen zurück.

Der Andrang hatte seinen Grund: Die Konzernleitung von Wacker hatte Ende November 2025 mitgeteilt, dass das international agierende und an der Börse notierte Chemieunternehmen bis Ende 2027 mehr als 1500 Stellen abbauen will – primär in Deutschland. Hintergrund sind schlechte Wirtschaftszahlen: Wacker hatte das Jahr 2025 mit einem Rekordverlust abgeschlossen. Das Defizit belief sich nach vorläufigen Zahlen von Ende Januar auf insgesamt 800 Millionen Euro.

Vorstand sorgt für hohe Erwartungen

Dass Wacker sparen muss und ein konzernweites Kostenprogramm unter dem Namen „PACE“ ausgerufen hat, war Mitarbeitern und auch der Öffentlichkeit schon vor der Betriebsratsversammlung im Februar bekannt. Jüngste Verlautbarungen des Konzerns hatten Hoffnungen geweckt, dass zur Versammlung in Nünchritz, die zeitgleich mit einer im bayerischen Wacker-Stammwerk Burghausen (circa 8000 Mitarbeiter) abgehaltenen Betriebsversammlung lief, auch konkrete Zahlen zum Thema Stellenreduzierung genannt werden. Dass sich mit Christian Kirsten einer der vier Unternehmensvorstände von sich aus zur Versammlung nach Nünchritz angesagt hatte, dürfte die Erwartungen weiter erhöht haben.

Doch konkrete Aussagen zum Stellenabbau blieben laut Betriebsratschef Göran Gust aus. Der Vorstand habe lediglich die schon bekannten Informationen, Schlagworte und Zahlen vorgetragen. Entsprechend ernüchtert seien die Mitarbeiter gewesen, die damit weiter im Ungewissen seien.

Verunsicherung bis zu Angst

Nach Wahrnehmung von Göran Gust sind die Mitarbeiter im Nünchritzer Werk seit Bekanntwerden der Stellenstreichungspläne des Konzerns verunsichert. Bei manchem, zumal wenn er Familie habe, gebe es auch Angst. Nach der eher enttäuschend verlaufenen Betriebsversammlung mische sich inzwischen auch Verärgerung über das Vorgehen der Arbeitgeberseite hinein.

Der Betriebsrat und die Gewerkschaft IGBCE hatten bereits am Abend vor der Versammlung mit einer öffentlichen Protestaktion auf die Lage aufmerksam gemacht: Am Werksgelände in Nünchritz ist seither ein Plakat angebracht, auf dem die Forderungen der Arbeitnehmer zusammengefasst sind.

Forderungen am Werkstor

Neben einem Erhalt der Arbeitsplätze heißt eine der Forderungen „Verantwortung übernehmen“ und richtet sich einerseits an die Konzernleitung, so Göran Gust. Konkret sei damit gemeint, dass die Führung auf das Aussprechen betriebsbedingter Kündigungen verzichte. Verantwortung solle aber auch die Politik übernehmen und etwa das Thema der hohen Energiepreise angehen, die dem Konzern in Deutschland zu schaffen machen.

Außerdem fordern die Arbeitnehmervertreter, dass Azubis übernommen werden sollen. Wie das Unternehmen bestätigt, werden am Standort Nünchritz rund 80 Lehrlinge ausgebildet. Das wolle man als Mahnung an die Unternehmensleitung verstehen, so Göran Gust, die Zukunft des Standorts zu sichern.

Investition im zweistelligen Millionenbetrag

In dieselbe Richtung gehen auch zwei weitere Forderungen von Betriebsrat und Gewerkschaft, von denen eine „Investitionen am Standort“ lautet. Inwieweit diese aufgrund der aktuellen Lage möglicherweise geringer ausfallen als in den Vorjahren, dazu macht Wacker auf Nachfrage keine Angaben.

Am Standort Nünchritz sei in den vergangenen Jahren kontinuierlich in Maßnahmen zum Kapazitätsausbau investiert worden, so eine Sprecherin, die auf die 2025 in Nünchritz begonnene Herstellung sogenannter Hybridpolymere verweist. In die sei ein zweistelliger Millionenbetrag investiert worden. Zudem seien Arbeitsplätze entstanden. Deren Zahl nannte die Sprecherin nicht.

Interne Verhandlungen über Sparmaßnahmen

Auf Nachfrage zum angekündigten Stellenabbau verwies der Konzern auf den aktuellen Stand beim Sparprogramm „PACE“: Der sehe so aus, dass ein Gesamtmaßnahmenpaket vor Kurzem der Arbeitnehmervertretung für weitere Gespräche zur Verfügung gestellt worden sei. „Mit Blick auf diese Gespräche bitten wir um Verständnis, dass wir derzeit keine Details aus dem Maßnahmenpaket benennen“, so die Sprecherin.

Offen blieb auch ein Zeitpunkt, ab wann Mitarbeiter mit konkreten Informationen rechnen können. „Wann wir weitere Details nennen können, hängt unter anderem vom Fortgang der Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern ab“, so die Unternehmenssprecherin.

Tarifrunde und Betriebsratswahlen

Beide Seiten verhandeln im sogenannten Konzernwirtschaftsausschuss miteinander über die Details. Die Frequenz der Treffen ist laut dem Nünchritzer Betriebsratschef Göran Gust, der mit am Verhandlungstisch sitzt, hoch.

Zur aktuellen Diskussion über die Einsparungen bei Wacker komme noch, dass derzeit auch die Tarifrunde für die 585.000 Beschäftigten in der Chemie- und Pharmaindustrie laufe, so Göran Gust. Auch da laute die Hauptforderung der Mitglieder im Werk: Beschäftigungssicherung. Ferner stünden die Wahlen zum Betriebsrat für die nächsten vier Jahre an. Es komme also momentan einiges zusammen.

SZ

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