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Energiewende: Was die Franzosen anders machen als wir

Während Deutschland seine Energieversorgung auf Ökostrom umstellt, fährt Frankreich eine Doppelstrategie: neue Atomkraftwerke, aber gerne auch Wind und Wasserstoff. Ein Besuch in der Wiederaufbereitungsanlage La Hague und bei Spezialisten für Erneuerbare Energie.
Lesedauer: 6 Minuten
Das Bild zeigt das Wasserbecken für die Uranbrennstäbe.
Wasserbecken für Uranbrennstäbe: In der Wiederaufbereitungsanlage in La Hague kühlt das Unternehmen Orano Reste aus Atomkraftwerken. Ein Teil wird recycelt. © SZ/Georg Moeritz

Von Georg Moeritz

La Hague in der Normandie. Hier zeigt jede Uhr eine andere Zeit. Alle stehengeblieben. Wer durch die langen Flure der Wiederaufbereitungsanlage für gebrauchte Uran-Brennstäbe geht, der achtet ohnehin kaum auf die Zeitanzeiger im Retro-Stil und den abgeschabten Lack. Wichtiger sind die Messgeräte für Radioaktivität und die Vorschriften: Bitte keine Fotos von Sicherheitstüren, vom Wachpersonal und der Decke über dem Abklingbecken. Alle Aufnahmen werden hinterher von einem Wachmann angeschaut und abgenickt.

Frankreichs Außenministerium hat Journalisten aus mehreren europäischen Staaten eingeladen, die Energie-Strategie des Landes kennenzulernen. Sie sollen sehen, dass Frankreich Erfahrung und Sicherheit im Umgang mit Kernbrennstoffen hat – und benutztes Uran auch recycelt, wenigstens einmal. Zugleich fördert die Regierung von Präsident Emmanuel Macron aber auch junge Unternehmen, die sich mit Wasserstoff auskennen oder Elektroautos in Wohnvierteln mit Strom versorgen.

Frankreich braucht beides, Nuklear-Energie und erneuerbare Stromquellen – das werden die Besucher immer wieder hören. Beide Arten der Energie-Erzeugung seien Möglichkeiten, Kohlendioxid-Abgase zu vermeiden.

Bild zeigt die Wiederaufbereitungsanlage.
So bunt präsentiert sich die Wiederaufbereitungsanlage Orano La Hague. Die blaue Esse gehört zur Abteilung für ausländische Kunden wie Japan, früher auch Deutschland. © SZ/Georg Moeritz

Wer mal einen Asterix-Comic in der Hand hatte, der kennt die Landkarte mit dem kleinen gallischen Dorf im Nordwesten des sechseckigen Staates. In der dünn besiedelten Asterix-Region sieht man heute schmucke Natursteinhäuser, auch mal ein Schild mit der Aufschrift: Nein zum Windpark, „Non au parc éolien“. Schriftlicher Protest wie im Erzgebirge. Doch in dieser Gegend, in La Hague in der Normandie, wurde auch die kilometerlange Wiederaufbereitungsanlage aufgebaut. Dieser Betrieb des Kernkraftspezialisten Orano nahe der Küste ist nach eigenen Angaben der wichtigste Arbeitgeber in der Region, mit 6.000 Stellen. Dort gibt es auch Deponien für Abfälle mit mittlerer Radioaktivität sowie Zwischenlager für hoch radioaktive Abfälle aus Kernkraftwerken.

Endlager Bure kann frühestens 2035 genutzt werden

Ein Endlager für die strahlenden Reste aus seinen Atomkraftwerken hat Frankreich bis heute ebenso wenig wie Deutschland. Allerdings ist in Frankreich inzwischen der Ort in 500 Metern Tiefe ausgewählt worden, bei Bure in Lothringen. Bis dieses Endlager gefüllt werden kann, frühestens 2035, wird das heiße Material zum Beispiel nach La Hague gebracht. Mit einem Trickfilm erklären die Orano-Sprecher dort die Arbeitsschritte. Denn beim Gang durch den Betrieb sind sie nicht zu sehen.

Bild zeigt das Wasserbecken.
Rettungsring am Beckenrand: Zum Arbeitsschutz am neun Meter tiefen Abklingbecken gehört nicht nur das Messgerät für Radioaktivität. © SZ/Georg Moeritz

Der Besucher sieht Bedienpulte mit Knöpfen und Joysticks, manchmal gibt ein Fenster den Blick auf einen schweren Metalldeckel frei. Dann geht es durch eine enge Personenschleuse, die nur einzeln und mit Chipkarte geöffnet werden kann. Wer sie passiert, steht plötzlich in einer fensterlosen Halle ähnlich einem Schwimmbad. Ein Gang führt um ein neun Meter tiefes Becken herum. Rettungsringe in Orange zeigen, dass beim Arbeitsschutz nicht nur auf Radioaktivität zu achten ist.

Männer in weißer Schutzkleidung arbeiten am Rand des Wasserbeckens. Darin liegen in Containern die Brennelemente, die vier bis fünf Jahre lang in Kernkraftwerken Energie erzeugt haben. Mit 300 Grad Restwärme kommen sie in La Hague an und werden etwa sieben Jahre lang im Pool abgekühlt.

Ein großer Teil des Urans lässt sich noch einmal verwenden: Die Brennstäbe werden zerschnitten und mit heißer Salpetersäure und anderen Chemikalien behandelt. Dadurch nimmt die Menge der belasteten Stoffe zwar noch zu, wie die Umweltorganisation Greenpeace kritisiert. Doch Orano ist stolz darauf, Uran und Plutonium aus La Hague zu neuen Brennelementen zu verarbeiten, in einer anderen Anlage im Süden Frankreichs. Der radioaktive Rest wird bei rund 1.100 Grad mit Glas verschmolzen, noch einmal fünf Jahre abgekühlt und dann in Stahlbehältern in einer Betonhalle versenkt. Besucher dürfen darüberlaufen, über runde Deckel im Boden mit Aufschriften wie C 04 und G 05.

Mindestens sechs neue Reaktoren und längere Laufzeit

Nach der Besichtigung muss jeder Gast seine Hände 20 Sekunden lang in ein Messgerät stecken und bekommt auf dem Bildschirm die Diagnose „non contaminé“, nicht kontaminiert. Der Rückweg nach draußen führt vorbei an Kontrollräumen, in denen Ingenieure im Kreis in hohen Sesseln vor Bildschirmen sitzen. Diese Leitstellen erinnern an Filmserien wie Raumschiff Enterprise, nur stehen bei Orano auch noch Aktenordner in Regalen.

Seit den 1960er-Jahren sind in La Hague mehr als 45.000 Tonnen Material behandelt worden, auch aus Kernkraftwerken aus Japan oder Deutschland. Die ausländischen Kunden müssen ihre Restabfälle aber zurücknehmen, in Deutschland liegen sie in Zwischenlagern.

Während die Deutschen alle Kernkraftwerke abgeschaltet haben, laufen in Frankreich 56 Reaktoren an 18 Standorten. Der älteste in Fessenheim im Elsass ist zwar stillgelegt worden, doch es sollen wieder mehr werden. Präsident Macron hat eine Renaissance der Nuklearenergie angekündigt. Sechs zusätzliche Reaktoren sind bestellt, über acht mehr wird nachgedacht. Außerdem soll die Lebensdauer der vorhandenen Kernkraftwerke von 40 auf 50 oder 60 Jahre verlängert werden.

Frankreichs Aktionsplan: Jedes Jahr weniger Klimagase

Ortstermin in Paris, im Regierungsbüro für Umweltplanung. Unter einem Foto des Präsidenten Macron, jugendlich und energisch, stehen Pappbecher für die Gäste bereit. Der Behördensprecher händigt eine englische Übersetzung des Aktionsplans aus. Auch in Frankreich werden die Sommer immer heißer, steht im Vorwort. Frankreich hat sich vorgenommen, in den nächsten Jahren jeweils vier bis fünf Prozent weniger Treibhausgase auszustoßen, weniger Kohlendioxid.

Der Behördensprecher in Paris rät, nicht mehr zu diskutieren, ob erneuerbare Energien besser seien als Kernkraft. Es solle keine Zeit verschwendet und jede Möglichkeit genutzt werden. Versionen mit 100 Prozent Atomstrom oder 100 Prozent erneuerbaren Energien seien durchgerechnet worden, doch beide seien für sich nicht zu verwirklichen. Frankreich halte die Mischung für notwendig. Wenn es im Sommer wieder so heiß wird, dass manche Kernkraftwerke das Kühlwasser aus dem Fluss nicht mehr gut nutzen können, dann komme eben mehr Solarstrom ins Netz.

Ähnliche Sätze fallen im Außenministerium: Frankreich schreibe niemandem Kernkraft vor, wolle sie aber auch nicht verboten bekommen. Ein Experte betont, Europa müsse selbstständiger werden. Wer auf Solaranlagen und Elektroautos setze und sie nur importiere, mache sich abhängig von Herstellern in Übersee. Bei der Energiewende müsse die Politik darauf achten, nicht Teile der Bevölkerung zu verlieren. Auch in Frankreich gibt es protestierende Landwirte, Greenpeace und Windkraftgegner. Die einen sorgen sich vor dem Abwasser aus La Hague, andere sehen den Fischfang durch Offshore-Windkraftanlagen bedroht.

Frankreichs Unternehmer denken international

Die Franzosen denken groß, international: Die Unternehmer der Öko-Industrie eröffnen Niederlassungen in vielen Staaten. Zum Beispiel Akuo, das Unternehmen mit der feinen Adresse an den Champs Élysées, mit Ausblick von der Dachterrasse auf den nahen Triumphbogen und auf das Kaufhaus von Luis Vuitton. Akuo plant in großem Stil Agri-Fotovoltaik, also Solaranlagen, die nicht bei der Ernte stören, und Windparks, auch in Polen. Zur „globalen Pipeline“ gehören auch Projekte in Lateinamerika.

Bei Akuo hängen drei Uhren nebeneinander: Sie zeigen die Zeit in Bali, Dubai und Montevideo. Diese Uhren sind nicht stehengeblieben. Die Sprecherin sagt allerdings, dass auch in Frankreich manches Projekt viele Jahre für Planung und Genehmigung brauche – das sei zu lang für die Ziele der Energiewende.

Der Behördensprecher sagt, viele Gesetze seien erlassen worden, um schneller zu werden. Frankreich investiere jedes Jahr Milliarden in die Energiewende. Es fehle nicht an Investoren, schwieriger sei es, die nötigen Grundstücke, die Mitarbeiter und das Material zu bekommen – so klingt es auch in Sachsen bei der Vereinigung zur Förderung Erneuerbarer Energien. Und wie in Dresden, so steht auch auf Linienbussen in Paris, dass sie schon mit 100 Prozent Ökostrom fahren. Andere sind mit „Biogaz“ beschriftet.

Junge Unternehmen können mit Unterstützung des Staates rechnen, sagt Clara Chappaz. Sie ist Direktorin von La French Tech, einem Programm des Wirtschaftsministeriums, das frischen Firmen beim Wachsen helfen soll – wie Futuresax in Sachsen. Chappaz betont, dabei dürften nicht bloß Internetplattformen herauskommen, sondern möglichst Industrie.

Eines ihrer Vorzeigeunternehmen: Zeplug, das heißt so viel wie „der Stecker“ in französischem Englisch. Firmengründer Nicolas Banchet will Ladestationen für Elektroautos in Wohnviertel bringen. Kunden sollen es so leicht haben wie beim Glasfaserkabel: Wer will, schließt ein Abo ab. In München, Mailand und Madrid hat Zeplug schon einheimische Fachleute angestellt, die sich mit den örtlichen Eigenheiten auskennen.

Zu Frankreichs Energiewende gehört aber auch der Aufruf, Energie sinnvoll zu nutzen. Autofahrer sollen Fahrgemeinschaften bilden, Homeoffice wird gern gesehen. Und im Hotelzimmer hängt die schriftliche Bitte an der Tür, das Licht auszuschalten. Sie ist französisch-freundlich formuliert: „Wie meine Mutter schon sagte: Das hier ist nicht Schloss Versailles.“

Drei Beispiele für Frankreichs Energiewende

Mehr Wohnungen an die Fernwärme-Leitungen, besseres Recycling von ausgedienten Anlagen und schnelle Schritte hin zur Wasserstoffwirtschaft: Diese Unternehmen wollen zur Energiewende beitragen – in Frankreich und Deutschland zugleich.

Fernwärme: Holzverbrennung für die wachsende Stadt

Reste aus der Möbel-Industrie, Holzabfälle aus dem Wald – solche Brennstoffe bringt der Lastwagen auf die Waage vor dem Betrieb von Mathilde Roux-Dressen. Die Kraftwerksleiterin in Nantes in der Bretagne erhitzt damit Wasser in großen Mengen. Auf den Bildschirmen in ihrer Leitwarte kann sie erkennen, wo gerade damit geheizt wird: La Poste, das Postamt, und Lycee, das Gymnasium, sind angeschlossen an die Rohre mit Fernwärme.

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