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„Erinnert immer mehr an ein Kombinat“: Kretschmer sieht VW für Werk Zwickau in Verantwortung

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer wirft VW Vertrauensbruch vor: Das Zwickauer Werk habe als Leitwerk der Elektromobilität Zusagen bekommen, später seien Produkte abgezogen worden. Kritik kommt auch aus anderen Richtungen.

Lesedauer: 4 Minuten

Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sieht den VW-Konzern bei dem von Schließung bedrohten Werk in Zwickau in der Pflicht. Quelle: Hendrik Schmidt/dpa

Von Tobias Winzer und Nora Miethke

Dresden/Zwickau. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sieht den VW-Konzern bei dem von Schließung bedrohten Werk in Zwickau in der Pflicht. Die Beschäftigten müssten sich auf Zusagen verlassen können, sagte er im Interview mit dem Deutschlandfunk.

Die VW-Produktion in Zwickau habe als Leitwerk der Elektromobilität Zusicherungen bekommen, später seien dann Produkte in andere Werke abgezogen worden.

Es ist ein Unternehmen, das immer mehr an ein Kombinat erinnert. – Ministerpräsident Michael Kretschmer

Man habe den Beschäftigten gesagt, sie müssten Kostenziele erreichen, sagt Kretschmer. „Als sie die erreicht haben, kommt die Diskussion, ob man dieses Werk schließt. So kann man ja nicht vertrauensvoll miteinander arbeiten, und das hat auch nichts mit Marktwirtschaft zu tun. Und deswegen muss dieses Unternehmen zurück auf den Pfad der Tugend, ansonsten hat es auch bei den Verbrauchern keine Chance. Vertrauen ist die wichtigste Währung überhaupt.“

In Wolfsburg hatte der Aufsichtsrat am Donnerstag über mögliche neue Sparpläne beraten. Beschlüsse gab es nicht. Kretschmer bezeichnet die Sparpläne als „riesigen Einschnitt, den wir so auf keinen Fall zulassen können“. Es gebe Fehler, die Volkswagen in den vergangenen Jahren oder Jahrzehnten selbst gemacht habe. „Es ist ein Unternehmen, das immer mehr an ein Kombinat erinnert.“

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35-Stunden-Arbeitswoche „passt heute nicht in die Zeit“

Kretschmer nennt VW ein sichtbares Synonym für fehlende Wettbewerbsfähigkeit. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) habe mit seiner Formulierung von der preislichen Wettbewerbsfähigkeit den Kern getroffen. „Wir sind zu teuer, wir sind zu langsam, um in diesem Wettbewerb bestehen zu können“, konstatiert Kretschmer. „Jetzt gibt es die ersten Reformschritte, die eine neue Richtung einläuten, aber die natürlich immer noch viel zu wenig sind.“

Man brauche einen Schulterschluss von Gewerkschaften und Arbeitgebern, sagt er mit Blick auf die Debatte um längere Arbeitszeiten. Die 35-Stunden-Woche, von den Gewerkschaften in jahrzehntelangen Arbeitskämpfen mühsam errungen, „passt heute nicht in die Zeit“, so Kretschmer.

Sachsens Wirtschaftsminister verweist auf Effizienz des Zwickauer Werks

Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) fordert derweil von Volkswagen nach der Aufsichtsratssitzung eine klare Zukunftsperspektive für den Standort Zwickau. Er betont die Bedeutung des Werks für den Konzern und verweist auf die Leistungsbereitschaft der Beschäftigten sowie die lange Automobiltradition des Standorts.

„VW hat nur mit Sachsen eine Zukunft – Zwickau kann Transformation!“, so Panter. Nach seiner Einschätzung ist Zwickau bereits heute ein besonders effizientes Fahrzeugwerk und könne den Wandel der Branche erfolgreich bewältigen. Panter kritisiert, dass bloßer Stellen- und Kapazitätsabbau keine Zukunftsstrategie ersetze, und fordert wettbewerbsfähige, nachfrageorientierte Konzepte. Der Freistaat werde sich weiterhin für den Erhalt der Arbeitsplätze bei VW einsetzen.

Dirk Panter (SPD, r) war vergangene Woche in Zwickau vor dem Werkstor von Volkswagen. Der sächsische Wirtschaftsminister hatte sich vor Ort über die aktuelle Situation bei dem Autobauer informiert.
Dirk Panter (SPD, r) war vergangene Woche in Zwickau vor dem Werkstor von Volkswagen. Der sächsische Wirtschaftsminister hatte sich vor Ort über die aktuelle Situation bei dem Autobauer informiert.
Quelle: Hendrik Schmidt/dpa

Sachsens SPD-Chef sieht klares Signal gegen Sparpläne

Sachsens SPD-Chef Hening Homann sieht in dem Ergebnis der Aufsichtsratssitzung ein deutliches Signal. Die vorgelegten Pläne hätten offensichtlich nicht überzeugt. Das gebe allen Beteiligten die Möglichkeit, „diese ambitionslose Vorhabenliste zu überdenken“. Homann kritisiert Blume deutlich. “Die Pläne von Blume zeugen von Verantwortungslosigkeit. Wenn die einzige Vision eines deutschen Top-Managers ist, Werke in Deutschland zu schließen, um die Produktion an billigere Standorte zu verlagern, dann ist er vielleicht kein Top-Manager, sondern ein Missmanager.

Matthias Ecke, Europaabgeordneter der SPD aus Sachsen und Mitglied des Industrieausschusses, meldet sich ebenfalls zu Wort. „Sollten sich die Kahlschlagpläne von Volkswagen bestätigen, wäre das eine Verhöhnung der Beschäftigten, besonders im E-Auto-Pionierwerk Zwickau. Sie haben den Umbau zur Mobilität der Zukunft mitgestaltet, andere haben den Wandel ausgebremst. Die Arbeiter und Arbeiterinnen dürfen nicht die Leidtragenden sein.“

Jan Otto, IG-Metall-Bevollmächtigter für Sachsen, Berlin und Brandenburg, erneuerte am Freitag seine Kritik am VW-Vorstand. „Es gab in dem Video von Oliver Blume nach der Aufsichtsratssitzung ein kleines Bekenntnis zum Standort Deutschland, aber ich habe ihn nicht sagen hören, dass die beabsichtigte Schließung von Werken auf keinen Fall kommt”, sagte Otto. Dass das Werk in Zwickau, das erst vor wenigen für mehr als eine Milliarde Euro zum reinen Elektroauto-Werk umgebaut wurde, nach 2030 auslaufen soll, darüber lese die Gewerkschaft auch nur in Presse. „Es sind Gerüchte, wir lesen aber auch kein Dementi”, so der Gewerkschafter und kritisiert die schlechte Kommunikation der VW-Spitze mit der eigenen Belegschaft.

In Richtung Michael Kretschmer und dessen Kritik an der 35-Stunden-Woche betonte Otto: „Die Probleme lösen wir nicht mit irgendwelchen Anpassungen von Arbeitszeiten, sondern die lösen wir, wenn es ein gemeinsames Konzept geht, wohin die Zukunft geht.“

VW-Vorstandschef soll Lage in Zwickau erklären

Thomas Knabel, erster Bevollmächtigter der IG Metall Zwickau, forderte namentlich Oliver Blume auf, nach Zwickau zu kommen, „sich persönlich vor die Beschäftigten zu stellen und die Lage zu erklären.“ Die derzeit noch 8000 Beschäftigten im Werk hätten 2024 harte Einschnitte mit dem Ziel der Standortsicherung akzeptiert. Das Management habe dafür ein Zukunftsversprechen gegeben und das war für Zwickau die Einrüstung auf die neue Plattform. „Dieses Zukunftsversprochen ist noch immer offen“, so Knabel.

Nach den bisherigen Planungen von Volkswagen soll das Werk Zwickau langfristig auf die SSP-Plattform (Scalable Systems Platform) umgerüstet werden. Diese Plattform ist der Nachfolger des heutigen MEB (Modularer E-Antriebs-Baukasten), auf dem derzeit unter anderem der VW ID.3, der Audi Q4 e-tron und der Cupra Born gebaut werden. Ob und wann Zwickau tatsächlich SSP-Modelle erhält, ist allerdings noch nicht endgültig entschieden.

Man kann diese SSP-Produktionslogik am besten mit einem Baukasten aus Lego vergleichen. Die Plattform ist das Grundgerüst eines Autos – also Boden, Batterie, Elektromotoren, Elektronik und Software. Auf diesem Grundgerüst können ganz unterschiedliche Fahrzeugtypen gefertigt werden – Kleinwagen, Limousinen oder SUVs. Dadurch muss VW nicht jedes Auto komplett neu entwickeln. Das spart Zeit, Kosten und vereinfacht die Produktion.

Der heutige MEB ist schon so ein Baukasten – allerdings nur für Elektroautos der aktuellen Generation. Die SSP ist die nächste Entwicklungsstufe, eine Plattform für nahezu alle Marken des VW-Konzerns – von Volkswagen über Audi bis Skoda und Cupra. Eine Umrüstung auf die SSP wäre das Signal, dass der Standort auch nach 2030 eine Rolle in der Elektrostrategie von Volkswagen spielt.

SZ

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