Suche
Suche

Ohne Betriebswirtschaft geht nichts

Familieninterne Firmenfortführung wird immer seltener – und das Nachfolgethema dadurch immer dringlicher.

Lesedauer: 3 Minuten

Das Symbolfoto zeigt zwei Hände und einen Staffelstab.
Klappt die Staffelstab-Übergabe reibungslos? Bei Firmennachfolgen ist das eine entscheidende Frage: Foto:Adobestock

Von Ulrich Milde

Leipzig. Steffen Fischer ist offenkundig ein vorsichtiger Mensch. Bevor er gemeinsam mit seinem Bruder Thomas von den Eltern die Fischer Druck & Medien In Großpösna übernahm, um das 1923 gegründete Familienunternehmen in vierter Generation fortzuführen, ließ er einen speziellen Passus in den Gesellschaftervertrag einfügen. Sollten er und sein Bruder – sie halten beide jeweils exakt 50 Prozent am Betrieb – sich über einen wichtigen Punkt nicht einigen können, würde ein von der Industrie- und Handelskammer bestellter Mediator im Streit vermitteln. „Das war mir wichtig“, berichtete Steffen Fischer jetzt auf einer Veranstaltung der Leipziger Manager-Schmiede HHL zur Unternehmensnachfolge. Um dann mit einem Schmunzeln hinzuzufügen: „Wir haben diese Regelung nicht gebraucht.“ Die Übernahme sei Schritt für Schritt erfolgt, mit seinem Bruder habe er schnell die „richtige Balance“ gefunden.
Eine erfolgreiche interne Firmenfortführung also. Was nach Angaben von Alexander Lahmann immer seltener geschieht. Gab es vor sieben Jahren noch in 70 Prozent aller Fälle eine Lösung aus der Familie des Besitzers, so ist das auf inzwischen 53 Prozent gesunken. „Es ist stark abnehmend“, sagte der HHL-Professor. Das könne daran liegen, dass die junge Generation weniger Lust habe, dieses elterliche Erbe anzutreten. Oder dass die Kinder weggezogen sind, andere Interessen haben oder gar kein Nachwuchs vorhanden ist.

Sachsen: Jeder dritte Chef 60 Jahre und älter
Dabei ist das Problem drängend. Bis 2030 steht von den 3,5 Millionen bundesrepublikanischen Unternehmen in 733.00 Fällen aus Altersgründen eine Nachfolge an. In Sachsen ist jeder dritte Firmenchef über 60 Jahre alt. Laut einem Gutachten des sächsischen Wirtschaftsministeriums suchen bis zum Jahr 2030 rund 10.000 gesunde Unternehmen mit zusammen 130.000 Arbeitsplätzen eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger.
Wenn die ältere Generation der jüngeren den Chefsessel überlässt, „ist das eine romantische Lösung“, betonte Lahmann. Nötig sei daher, sich auch für fremde Investoren zu öffnen. Und davon gibt es einige. Niclas Lindemann und Frederick Schiftmann etwa. Die beiden HHL-Absolventen sind gemeinsam auf der Suche nach einer Firma, die sie übernehmen können. „Wir wollen damit den Mittelstand stärken“, sagte Lindemann. Es gehe nicht darum, etwas von Grund auf neu zu entwickeln, „sondern eine bestehende Firma fortzuführen“. Denn diese habe qualifizierte Beschäftigte, die notwendigen Maschinen und Kunden. Welche Branche es werden soll, steht noch nicht fest. „Da sind wir sehr offen“, so Schiftmann.

Preis ist Verhandlungssache
Und wenn sie wissen wollen, wie viel der ins Auge gefasste Betrieb wert ist? Das ist letztlich immer Verhandlungssache. Aber kein grundsätzliches Geheimnis. Laut Lahmann nimmt man das Ebit, also den Gewinn vor Steuern und Zinsen, und multipliziere ihn mit dem Branchenindex, der im Internet zu finden ist. Lahmann nannte ein Beispiel. Ein Maschinenbauer mit einem Jahresumsatz von 20 Millionen Euro kommt auf ein Ebit von einer Million Euro. Das ergibt mit dem Index von 5,8 einen Betrag von 5,8 Millionen Euro. „Das ist der Richtwert“, informierte der Professor.
Seiner Ansicht nach ist es gut, dass es eine Vielzahl von Beteiligungsfirmen gibt, die Käufern, die nicht genügend Kapital haben, unter die Arme greifen. Dazu zähle neben privaten Finanziers, vom früheren SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering als Heuschrecken tituliert, auch der öffentliche Wachstumsfonds Mittelstand Sachsen (WMS), der bislang über 70 kleineren Betrieben bei Expansion und Internationalisierung mit Beteiligungsgeld half. Darunter ist der Süßwarenproduzent Goldeck mit seinen im Osten berühmten Knusperflocken Zetti. Lahmann empfahl, bei der Nachfolgesuche auch kreativ zu sein. Das habe der Delitzscher IT-Dienstleister Prosoft unter Beweis gestellt. Firmenchef Ralf Krippner hatte seine Anteile an seinen Auszubildenden Richard Wohlfeld übergeben. „Das Unternehmen ist auf Wachstumskurs“, berichtete Lahmann.

Frühzeitiger Dialog
Potenzielle Käufer müssen seiner Ansicht nach ein betriebswirtschaftliches Verständnis haben, vor allem bei Finanzfragen. Justinus C. Pech, der an der HHL über Führung und Ethik lehrt, riet Übernehmenden, vor dem Handeln als neuer Chef zuzuhören, also frühzeitig den persönlichen Dialog mit den Mitarbeitern zu suchen. Zudem müsse „Klarheit über die Visionen und Pläne geschaffen werden“, empfahl Pech, der dem Zisterzienser orden angehört und über Doktortitel in Wirtschaft und Theologie verfügt. Wer seine Firma übergibt, der sollte loslassen und „ein sichtbares Bekenntnis zur neuen Führung“ ablegen.
Das Familienunternehmen Fischer hat sich beim Wechsel intuitiv an die Ratschläge gehalten. „Bei uns hat das super funktioniert“, sagte Steffen Fischer. Generell sei für Übernehmer wichtig: „Man muss richtig Bock haben. Und Überzeugung kann Berge versetzen.“

Das könnte Sie auch interessieren:

Ein Mann sitzt gestikulierend an seinem Schreibtisch.

Der Maurermeister-Präsident

Matthias Forßbohm steht seit fünf Jahren vor der besonderen Herausforderung, Beruf und ein durchaus umfangreiches Ehrenamt als Präsident der Handwerkskammer

Weiterlesen ►