Ein Interview von Luisa Zenker
Freiberg. Als Neustart der deutschen Solarindustrie war es gedacht. Doch nun endet die Geschichte des einst größten Solarmodulherstellers Europas in der Versteigerung. Der Schweizer Konzern produzierte in Deutschland in Freiberg, Hohenstein-Ernstthal, Bitterfeld-Wolfen sowie in den USA Solarmodule.
Gunter Erfurt ist promovierter Physiker und leitete den Schweizer Solarmodulhersteller Meyer Burger von 2020 bis 2024. Der 52-Jährige hat zwei Kinder, ist in Chemnitz aufgewachsen und wohnt seit vielen Jahren in Freiberg. Im Interview erläutert er die Ursachen – und was wir daraus lernen können.
Herr Erfurt, Meyer Burger ist insolvent. Derzeit läuft die Versteigerung. Was macht das mit Ihnen?
Es ist traurig, das von außen zu sehen. Ich bin ja nicht mehr in den Prozess involviert. Mich stimmt es nachdenklich, dass es so weit kommen musste, weil die Lösung, die erarbeitet worden ist, die hätte mit so geringem finanziellem Aufwand das Problem gelöst.
Sie sprechen damit den gescheiterten Resilienz-Bonus an – einen Aufschlag für Kunden, wenn sie sich eine Photovoltaikanlage (PV) aus EU-Produktion aufs Dach geschraubt hätten.
Eine clevere Lösung für nur 50 Millionen Euro im Vergleich zu 1,5 Milliarden Euro Zöllen pro Jahr. Das wurde mit so einer Kraft bekämpft – sogar aus den eigenen Reihen vom Handel, der faktisch lieber billige China-Ware verkauft, um höhere Gewinne zu haben. Die Industriearbeitsplätze in Deutschland gingen damit aber in Freiberg, Bitterfeld, Dresden, der Lausitz und anderswo verloren – und eine strategisch wichtige Industrie damit auch.
Was ist denn bei Meyer Burger schiefgelaufen?
Seit 2010 und nochmals sehr massiv ab 2023 hat China in die Überproduktion von Solarmodulen investiert – bis heute ein Verlustgeschäft. Aber damit begannen die Probleme. Man kann nicht mit einem Produkt, das man zu fairen Preisen hier herstellt, gegen jemanden ankämpfen, der zu einem Drittel seiner Herstellkosten chinesische Module in Europa mehr oder weniger verschenkt.
Sie haben 2020 als neuer Chef die Strategie gewechselt – vom Maschinen- zum Modulhersteller. War das ein Fehler?
Es war absehbar, dass China die komplette PV-Wertschöpfungskette zu sich holt, inklusive Maschinen. Und: Wenn Sie die Maschinen selbst verwenden, sichert man das Know-how und kann in einem fairen Marktumfeld höhere Margen erzielen.
Es gab schon mal ein Solarindustrie-Sterben vor zehn Jahren. Da hätte man ja 2020 denken können, das wird nichts mehr.
Wir waren nicht die einzigen. Es gab in Europa ungefähr acht Gigawatt an Modulkapazitäten. Es hat Solarwatt, Heckertsolar gegeben, Aleo in Prenzlau, Avancis in Torgau, die haben alle mit der Solarmodulproduktion aufgehört.
Die Solarindustrie mit Tausenden Arbeitsplätzen lässt man sterben. Gleichzeitig gibt es milliardenhohe Subventionen für die Chip-Industrie. Hat die Politik keine Lust auf grüne Technologien?
Unterstützung für die Halbleiter-Industrie halte ich für richtig. Ob man diese enormen Summen benötigt hätte, da habe ich eine andere Meinung. Aber ja, es hat etwas zu tun mit der Priorisierung. Man hält Solarindustrie für Low Tech, was nicht stimmt.
Wer ist denn daran schuld, dass die Solarindustrie in Deutschland gestorben ist?
Politisch, jetzt in der zweiten Auflage sehe ich persönlich die FDP auf Bundesebene. Die FDP war die Partei, die sich den Gesprächen teilweise massiv verweigert hat und immer auf den freien Markt verwiesen hat, der aber aufgrund der massiven staatlichen Subventionen Chinas in der Solarindustrie nicht mehr funktioniert. Die Landesregierungen in Sachsen und Sachsen-Anhalt haben das Thema dagegen sehr unterstützt.
Gibt es noch Hoffnung für die deutsche Solarindustrie?
Es gibt Hoffnung für die Solarindustrie, weil es eine kluge Förderpolitik für Forschung in den Cleantech-Industrien gibt. Wir haben das weltgrößte Solarforschungsinstitut, das Fraunhofer ISE. Der Vorteil ist, wenn man wieder neu anfängt, dass wir mit allerneuesten Forschungsergebnissen starten können.
Es gibt ja noch den Net Zero Industry Act von Europa. Die EU will mindestens 40 Prozent ihres jährlichen Bedarfs an Netto-Null-Technologien selbst decken.
Da steht nicht drin, dass es europäische Produktion sein muss, sondern es darf nicht aus einer einzigen Quelle kommen. Das kann heißen, 30 Prozent aus Indien und 20 Prozent aus Südafrika. Das ist noch keine gute Lösung für einen Aufbau einer wirklich europäischen Produktion.
Mancher Energiechef in Sachsen sagt, dass wir bereits einen Überbau an Solaranlagen haben.
Es wird fast nur in Richtung Süden gebaut. Das ist ein Problem. Es braucht mehr Ost-West-Anlagen und Speicher, damit das Netz in den Mittagsstunden entlastet und insgesamt besser ausgenutzt wird. Das senkt auch die Netzkosten deutlich, die ja der Haupttreiber unserer hohen Strompreise sind. Der massive Zubau an Freiflächen könnte außerdem dazu führen, dass die Akzeptanz der Photovoltaik leiden wird. PV ist noch zu wenig auf Dächern und Gebäuden zu finden.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will nun den privaten PV-Zubau nicht mehr fördern.
Das halte ich für einen großen Fehler. Wir brauchen die Bürgerbeteiligung an der Energiewende und auch die kleinen Erzeugungsanlagen.
Warum haben Sie Meyer Burger 2024 verlassen?
Ich war der Überzeugung, dass ich nicht mehr der Richtige bin. Ich stand für ein Wachstumsprojekt. Ich hatte riesige Pläne in Deutschland und den USA auszubauen. Wir hatten in Sachsen-Anhalt, in dem Solar Valley, die Grundstücke schon gesichert, um bis auf 15 Gigawatt auszubauen. Und dann geht der gleiche Mensch hin und sagt, jetzt backen wir die Brötchen ein bisschen kleiner.
Was haben Sie danach gemacht?
Ich hatte viele Anfragen von Unternehmen, habe mich aber bewusst dagegen entschieden, weil ich eine Pause brauchte. Ich war nie mental durch, aber ich habe sechs Wochen fast nur geschlafen. Danach hat mich ein Wasserstoff-Start-up, Elementary, angesprochen, ob ich sie unterstütze. Die sitzen in Hamburg und Greifswald. Ich begleite noch ein KI-Unternehmen aus Leipzig und eine Start-up-Gründung eines Leipziger Arztes, der sich mit einer vielversprechenden Long-Covid-Therapie beschäftigt. Ich unterstütze das Start-up Pin-Point aus Chemnitz. Wir leben in einem höchst innovativen Land. Hier gibt es sensationelle Ideen.
Sie wurden als Gesicht der Solarindustrie bezeichnet. Was müssen wir beim nächsten Mal anders machen?
Europa muss konsequent gegen den unfairen Wettbewerb vorgehen. Was ich erwarten würde, wäre eine deutsche Industriepolitik, die sagt: Es kommen zu viele Importe aus China, und es gehen zu wenige Exporte nach China. Das ist gefährlich nicht nur für die Solarindustrie, sondern auch für die Automobil-, Stahl-, Maschinenindustrie. Ob das ein Zoll ist oder eine andere Maßnahme, Europa hat die Instrumente und muss sie jetzt nutzen. Und Europa muss neue Freunde in der Welt finden. Es gibt viele Länder, die wünschen sich mehr deutsches Engagement. Ich halte Europa nach wie vor für hochinnovativ im globalen Wettbewerb.
Verschwinden Sie jetzt als Gesicht der Solarindustrie?
Nein, ich bin in einigen Solarunternehmen aktiv als Beirat und Aufsichtsrat. Ich bin im Vorstand des Bundesverbandes Solarwirtschaft. Ich will weiterhin meine Kraft dafür einsetzen, dass wir den Gedanken an eine industrielle Fertigung nicht verlieren. Das gilt nicht nur für die Solarindustrie.
Aber Sie bleiben weiterhin in Freiberg?
Ich mag die Stadt. Sie ist schön, klein, gemütlich. Ich bleibe auch hier, weil ich an Ostdeutschland glaube. Ich habe selbst die Kraft erlebt, bei Meyer Burger, was die Menschen hier zu leisten imstande sind.
SZ


