Von Ulrich Langer
Leipzig. Wohin geht die Reise? Wie verändern sich die touristischen Gepflogenheiten und die Vorlieben der Gäste? Branchenexperten aus dem mitteldeutschen Raum haben hier in den vergangenen Monaten und Jahren grundlegende Veränderungen ausgemacht. Umbrüche, die immer wieder neue Herausforderungen an die Herbergs- und Reiseunternehmen mit sich bringen. Stefan Niklarz, Chef von Leipzig/Nordsachsen des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), bringt es auf den Punkt: „Der Tourismus in Mitteldeutschland wird regionaler, digitaler und nachhaltiger.“ Gäste suchten zunehmend authentische Erlebnisse, hiesige Produkte und individuelle Angebote statt standardisierter Pauschalreisen. Das sieht Volker Bremer, Geschäftsführer der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH (LTM), genauso. „Es ist immer schwieriger geworden für unsere Betriebe, Wachstum zu erzielen. Wir sind im Wettbewerb der großen Städte angekommen. Deshalb schaffen besondere Events zusätzliche Anreize, um immer wieder neue Besucher anzulocken.“
Die Zeiten, so Bremer, seien vorbei, als noch die Neugier nicht selten mit sich brachte, sich einfach einmal für ein Wochenende auf Städtetour etwa nach Leipzig oder Dresden zu begeben, sich schlichtweg nur umzuschauen, was die Metropolen zu bieten haben. „Heute entscheiden die Reisenden eher nach dem Motto: Was ist wann wo los, weshalb könnte ich mal da und dort hinfahren?“ Konkrete Anlässe seien zunehmend eine Art unentbehrlicher „Lockvogel“ für Touristen.
Vom Fußball bis zur Buchmesse
Reisen werde stärker erlebnisorientiert, meint denn auch Niklarz. Viele kulturelle Darbietungen und Vorstellungen, aber auch sportliche Ereignisse seien wichtig für die Branche, fügt Bremer hinzu und weiß: „Im Durchschnitt haben wir in der Stadt und Region um Leipzig an die 500 Großveranstaltungen im Jahr, davon etwa 200 Messen und Tagungen.“ Vom Bachfest über Wave-Gotik-Treffen, Konzerte von beliebten Unterhaltungskünstlern oder vom Gewandhausorchester, oder die Fußball-Europameisterschaft, oder die Buchmesse oder der traditionelle Weihnachtsmarkt – alles entfalte eine enorme Anziehungskraft für Gäste aus der ganzen Welt. „Nicht zu vergessen Erholungs- und Vergnügungsmöglichkeiten in den Landkreisen“, so der LTM-Chef. „Ich denke da zum Beispiel an den Freizeit- und Vergnügungspark Belantis sowie an Arkazien – die verwunschene Erlebniswelt in Grimma vor den Toren Leipzigs. Zahlreiche gut ausgebaute Radwege und das Neuseenland mit seinen Wassersportangeboten kommen hinzu, und, und, und.“
Dabei helfen vielfältige Flyer und thematische Broschüren den Besuchern bei der Orientierung. Bremer: „Für jede Zielgruppe gibt es spezielle Ausflugsführer.“ Und auf Instagram und Facebook stelle sein Unternehmen regelmäßig neue Reisetipps und Lieblingsplätze für potenzielle Interessenten vor. „Insgesamt 120 000 Nutzer informieren sich auf diese Weise.“ Auch würden in einer Ausgabe des „Merian Scout“ 200 Anregungen für Touristen präsentiert, wo sie etwas entdecken, erleben und genießen können. „Zusätzlich bietet die App ‚Explore Leipzig‘ die Möglichkeit, die Stadt interaktiv zu erkunden“, weist Bremer auf einen weiteren neuen Trend in der Reisebranche hin: die zunehmende Digitalisierung. „Das ist auch bei uns der Fall“, berichtet René Stoffregen, Chef der bekannten Leipziger Gaststätte „Auerbachs Keller“. Hier ist das Theaterstück „Mephistos Elixier“ in Anlehnung an Goethes „Faust“ ein nicht alltägliches Erlebnis, das direkt im Fasskeller oder in einem separaten Salon aufgeführt wird. „Neu ist die derzeitige Präsenz unseres ,Mephistos’ beim Mitteldeutschen Rundfunk, wo der ,Faust’ als Stummfilm in der Oper Leipzig mit großem Orchester dargeboten wird“, erzählt Heike Weiss, Leiterin Verkauf/Veranstaltungen des Restaurants.
Bremer ergänzt, dass es verstärkt auf speziell auf bestimmte Zielgruppen zugeschnittene Angebote ankomme. Weiss stimmt zu: „Neue Formate wie ‚Faust für Kleine‘ und Faustseminare für Schüler und Jugendliche machen kulturelles Erbe niederschwellig, generationsübergreifend und erlebbar“ für ein breiteres Publikum. „Viele Gäste informieren sich heute über Smartphones, Apps, digitale Gästemappen, QR-Codes und KI-gestützte Empfehlungen“, betont Niklarz. Digitale Buchungs- und Informationsangebote würden zum mehrsprachigen Standard. Zugleich helfe die neue Technik, nachhaltiger zu wirtschaften, meint der Dehoga-Regional-Chef. Er nennt unter anderem digitale Rechnungen, intelligente Energie- und Gebäudesteuerung und Online-Check-in. Im Online-Shop von Auerbachs Keller gibt es fast alles, was der Liebhaber des Hauses wünscht. Selbstredend seien tagesaktuelle Tischreservierungen übers Internet möglich. „Gleichzeitig“, so Weiss, „sollen stärker Automatisierungs- und Bestätigungstools genutzt werden, um No-Shows zu verhindern.“ Gemeint ist, nicht eingelöste Buchungen zu vermeiden, die auch nicht storniert wurden. Trotz aller technischen Modernisierungen fügt Niklarz mahnend hinzu: „Der persönliche Tipp des Gastgebers bleibt aber weiterhin sehr wichtig. Digitalisierung ersetzt nicht die Gastfreundschaft, sondern unterstützt sie.“ Das ist umso wichtiger, um immer wieder neue Auswärtige für die Region zu begeistern. Denn inzwischen sind, darin sind sich die Experten einig, die aus früheren Zeiten so bekannten großen Reisegesellschaften eine Seltenheit geworden. Die Branche hat sich, so Stoffregen, vom „Gruppentourismus stark zum Individualtourismus gewandelt. Volle Busse sind eher die Ausnahme.“ Auch die Aufenthaltsdauer ist laut Bremer bei Urlaubsreisen im Durchschnitt kürzer geworden – eine Folge der steigenden Kosten und Preise.
Neue EU-Regeln ab September
Zugleich spielen Umweltaspekte im Hotel- und Gastgewerbe eine zunehmende Rolle. Viele Urlauber „achten mehr darauf, wie sie anreisen, ob regionale Produkte angeboten werden oder ob ein Hotel sparsam mit Energie und Wasser umgeht“, hat Niklarz ausgemacht. „Viele Betriebe unternehmen hier schon einiges: LED-Licht, weniger Lebensmittelverschwendung, regionale Lieferanten oder eben digitale statt gedruckte Informationen.“ Diesen Trend hat auch LTM festgestellt und Bremer verweist in dem Zusammenhang auf die ab September diese Jahres geltenden neuen EU-Regeln für Werbung mit Umweltargumenten EmpCo, die Greenwashing verbietet, das heißt, wenn Firmen oder Organisationen versuchen, sich durch irreführende oder vage Versprechen ein besonders umweltfreundliches und ökologisches Image vorzutäuschen. Wer sich als nachhaltig präsentieren will, „muss die darin enthaltenen Vorgaben befolgen“.
Wie das aussehen kann? Da bietet etwa ein Hotel Leihfahrräder an und verhindert so unnütze Autofahrten. Oder Sonnenkollektoren auf dem Herbergsdach als Vorzug. Oder: Wird die Minibar eingespart, reduziert das zugleich den Stromverbrauch. Statt kleiner verschiedener Kunststofffläschchen mit Duschgel und Haarwäsche kommt ein Spender zum Einsatz, der problemlos nachgefüllt werden kann. In die gleiche Richtung geht die Marmeladenschüssel am Buffet, aus der sich jeder Gast selbst bedienen kann, statt viele kleine Plastikdöschen mit der Süßigkeit auf den Tisch zu stellen.
Aber: Nachhaltigkeit dürfe „nicht zusätzliche hohe Kosten verursachen, die dann auf den Verkaufspreis umgelegt werden“, fordert Niklarz.
Für den Dehoga-Vertreter ist klar: Der Tourismus Mitteldeutschlands hat für die hervorragende Voraussetzungen. „Entscheidend wird sein, dass Politik und Wirtschaft gemeinsam Rahmenbedingungen schaffen, damit unsere Betriebe diese Transformation erfolgreich gestalten können.“ Das sollte sich, so hofft die Branche, positiv auf die Gästezahlen auswirken.
Denn sie waren im vorigen Jahr leicht rückläufig, lagen in Leipzig bei rund zwei Millionen (minus 1,2 Prozent), in Dresden bei rund 2,2 Millionen (minus vier Prozent). Bei den Übernachtungen verzeichnete Leipzig 3,7 Millionen (minus 3,3 Prozent) und Dresden 4,57 Millionen (minus 1,4 Prozent).


