Kamenz. Die Erwartung ist groß – auch bei den meisten der 60 Beschäftigten von Jägermeister in Kamenz. Sie können einen Blick in das riesige neue Fasslager werfen, in dem bereits die ersten Fässer ihren Platz gefunden haben. Die Farben Orange und Grün dominieren, schließlich sind sie die Farben des weltweit bekannten Kräuterlikörs.
Bei aller Größe – die Grundfläche entspricht in etwa der eines Fußballfeldes – richten sich die Blicke zuerst auf die großen Holzfässer, die in Reihen auf Holzpodesten im mittleren Teil der Halle stehen.

Quelle: Anne Hasselbach
Aus Holz sind nicht nur die Fässer und die Podeste, sondern fast der komplette Bau. „Zu 80 Prozent besteht er aus Holz“, erklärt Architekt Jörg Petrick. Das ist nicht nur im Inneren zu sehen, sondern vor allem außen.
Die Hülle der Halle wurde aus karbonisiertem Zypressenholz errichtet. Durch die Bearbeitung ist es witterungsbeständig, kaum anfällig für Feuer, Insekten oder Pilzbefall. „Es ist 60 bis 80 Jahre haltbar“, sagt der Architekt. Fast schwarz mit einer Länge von 145 Metern wirkt der Bau imposant und trotzdem leicht aufgrund des Materials. „Es war für uns eine große Herausforderung, alle Bestimmungen, die mit der Holzbauweise verbunden sind, umzusetzen“, sagt Jörg Petrick. So mussten Brandschutz und Gefahrenschutz besonders beachtet werden.

Quelle: Anne Hasselbach
Dass sich das Unternehmen gemeinsam mit den Planern für eine Holzbauweise entschieden hat, kommt nicht von ungefähr. Mast-Jägermeister verfolgt schon seit einiger Zeit eine Nachhaltigkeitsstrategie. Immer wieder fällt in diesem Zusammenhang das Wort „enkeltauglich“.
„Das Gebäude wurde gezielt mit innovativen Technologien ausgestattet, darunter eine Photovoltaikanlage, ein Regenwassermanagement-System sowie eine überwiegend holzbasierte Bauweise“, heißt es vom Unternehmen. Diese Lösungen sind auf einen effizienten Energie- und Ressourceneinsatz ausgelegt.
Wir wollen wirtschaftlich weiter wachsen, aber nie die Qualität dafür aufgeben. – Michael Volke, Vorstandsvorsitzender von Jägermeister
„Enkeltauglich“ heißt auch, dass das Unternehmen in die Zukunft denkt. „Wir wollen wirtschaftlich weiter wachsen, aber nie die Qualität dafür aufgeben“, sagt Vorstandsvorsitzender Michael Volke.
Er betont, dass sich Jägermeister trotz einer weltwirtschaftlich gesehen schwierigen Situation ganz bewusst für diese Investition entschieden habe und das Unternehmen ausschließlich in Deutschland produziere. „Es ist eine Entscheidung mit Weitblick und einer Vision, selten in der heutigen Zeit.“
Geht es Jägermeister gut, geht es Kamenz gut. – Michael Preuß, Kamenzer OB
17,6 Millionen Euro investierte Jägermeister in das neue Fasslager. Erster Spatenstich war im November 2023, Richtfest im Februar 2025. Damals sprachen die Verantwortlichen von einem Fertigstellungstermin noch im selben Jahr. Das wurde nicht ganz geschafft. Somit konnte nun der neue Kamenzer OB Michael Preuß (parteilos) die Glückwünsche der Stadt übermitteln.
Für ihn war es der erste Besuch im Unternehmen als OB. Er sprach den Dank aller Kamenzer aus, weil Jägermeister in der Stadt etwas Wegweisendes geschaffen habe. „Geht es Jägermeister gut, geht es Kamenz gut“, sagte er. Als Geschenk brachte Preuß eine Rhododendronstaude mit. Sie soll Nachhaltigkeit und Schönheit verdeutlichen – so wie der neue Bau.
Viele werden sich fragen, welche Funktion das neue Fasslager hat und wie der Likör letztlich in die Flasche kommt. Der Jägermeister-Extrakt, also die geheime Gewürzmischung für den Likör, wird im Stammwerk in Wolfenbüttel hergestellt, mit Tankwagen nach Kamenz gebracht und dann über Leitungen vom Fahrzeug über Tanks in die Fässer gepumpt wird.
Dort lagert der Extrakt etwa ein Jahr bei einer gleichbleibenden Temperatur von 16 bis 18 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 70 Prozent. Er kommt, wenn er ausgereift ist, über unterirdische Leitungen in die Jägermeister-Produktionshalle, wo der Likör hergestellt und in Flaschen abgefüllt wird.

Quelle: Anne Hasselbach

Quelle: Anne Hasselbach
Jägermeister liefert seine Produkte aus den Werken in Kamenz und Wolfenbüttel weltweit in 155 Märkte. 2025 wurden 188 Millionen Flaschen des Kräuterlikörs hergestellt.
„Und der Grundstoff dafür lagert jetzt hier“, so Michael Volke. Die 225 Eichenholzfässer, die in Kamenz Platz haben, können Jägermeister-Extrakt für etwa 55 Millionen 0,7-Liter-Flaschen aufnehmen. Im Moment gibt es 16 Fässer – was mit den Jahren aufgestockt werden soll.
Aufsichtsratsvorsitzender Florian Rehm gehört zur Familie Mast. Er ist der Neffe von Günter Mast, den einige Kamenzer vielleicht noch kennen.
Günter Mast war es, der vor mehr als 30 Jahren Jägermeister in die Lessingstadt brachte. Als Rehm seinen Onkel einmal fragte, warum er in Kamenz gebaut hat, hatte dieser eine klare Antwort. Als Nachkriegskind habe er nur etwa zehn Kilometer Luftlinie von der innerdeutschen Grenze entfernt gewohnt, und er sei stolz gewesen, die Wende miterleben zu dürfen. So sah er es als Bürgerpflicht für einen Unternehmer an, in Ostdeutschland zu investieren. „Egal, ob wir es brauchen oder nicht“, habe er damals gesagt. Und so bekam Kamenz seine Produktionsstätte für Jägermeister.

Quelle: Anne Hasselbach

Quelle: Anne Hasselbach
Jetzt ist ein weiteres Kapitel in der Firmen- und Familiengeschichte geschrieben worden. Und Günter Mast wäre sicherlich stolz auf die Entscheidung und die Umsetzung.
SZ


