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Hohe Kosten setzten Orwo matt

Der traditionsreiche Fotodienstleister ist jetzt in Kölner Hand. Das hat viele Gründe. Der langjährige Vorstandschef Gerhard Köhler blickt zurück.

Lesedauer: 3 Minuten

Ein Mann und zwei Kinder spielen Schach.
Aus einmal getroffenen Entscheidungen müsse man das Beste machen, sagt der ehemalige Orwo-Vorstand Gerhard Köhler. Das gelte in der Wirtschaft und auch beim Schach, dem großen Hobby des Tauchaers. Foto: Orwo Net

Von Ulrich Milde

Wolfen. Nein, das letzte Kapitel ist noch nicht geschrieben. Die Geschichte von Orwo geht weiter. Schließlich hat die Kölner Customization Group sämtliche Anteile des angeschlagenen Traditionsunternehmens übernommen, der Standort in Bitterfeld-Wolfen und der Markenname Orwo („Original Wolfen“) bleiben erhalten. Doch wie geriet die Firma in die Krise? Das weiß keiner besser als Gerhard Köhler, der die vergangenen 25 Jahre dieses bedeutenden Stückes ost- und gesamtdeutscher Wirtschaftshistorie maßgeblich bestimmt hat. „Mein Herz hängt an Orwo“, sagt der langjährige Mehrheitsaktionär und Vorstandschef im Gespräch in seiner Wohnung in Taucha und blickt auf die Historie zurück. Als Filmfabrik Wolfen wurde die Firma 1909 von der Berliner Agfa gegründet. Nach der Wende scheiterte die Privatisierung, es folgte die Liquidation. Aus dieser heraus wurde der Fotoindustrielle Heinrich Mandermann, der auch Anteile an der Dresdner Pentacon und der Braunschweiger Rollei besaß, Eigentümer und benannte das Werk in Sachsen-Anhalt in Orwo AG um, die später pleiteging. Im Jahr 2000 erschien Köhler auf der Firmen-Bildfläche.

Übernahme aus der Insolvenz
Der gebürtige Ascherslebener studierte in der Messestadt Politische Ökonomie des Kapitalismus und des Sozialismus, promovierte in Sozialistischer Volkswirtschaft und wollte ursprünglich Wirtschaftsprofessor sowie Chefvolkswirt der Staatsbank der DDR werden. Die Wiedervereinigung durchkreuzte seine Pläne. Er war bei mehreren Kreditinstituten tätig und in dieser Eigenschaft 1990 seitens der Dresdner Bank Kreditbank für die Einführung der D-Mark im ehemaligen Bezirk Leipzig zuständig. Bei der Pixelnet AG in Wolfen wurde er nach 16 Jahren Tätigkeit in verschiedenen Banken im Jahr 2000 Finanzvorstand. Im September 2002 rief er mit zwei Partnern die Orwo Net ins Leben, übernahm so ab Oktober 2003 den Fotostandort aus der Insolvenz. Bis 2017 war er Vorstandschef und zugleich Finanzvorstand. Der Erfolg stellte sich rasch ein. Lag 2004 der Umsatz mit 31 Beschäftigten bei vier Millionen Euro, so wurde der Fünf-Jahres-Plan „zehn Millionen Euro Umsatz, 100 Mitarbeiter“ schon 2006 erreicht.

Viele Jahre trotzte Orwo dem rasanten Veränderungsdruck in der Branche: Gab es 2000 noch 45 Fotogroßlabore in Deutschland, so ging diese Zahl auf heute fünf zurück. „Wir haben den Übergang von analog zu digital mit künstlicher Intelligenz in extremer Form erlebt“, berichtet der 69-Jährige. Parallel dazu entstanden neue Formen des Bedruckens mit Bildern, von Tassen über T-Shirts bis hin zu Fotobüchern – unter eigener Marke, aber auch im Auftrag zahlreicher Kunden.In den vergangenen knapp 25 Jahren seien rund 100 Millionen Euro investiert worden. Mitte der 2010er- Jahre wurde der Wettbewerb bei einem sich sättigenden Markt immer härter. Gleichzeitig „vergrößerte sich der Einfluss des Internets und der Suchmaschinen“. Mit der Folge eines „extrem teuren Werbezwangs“. Um im Internet gesehen zu werden, „mussten und müssen Internetunternehmen gut 30 Prozent ihres Umsatzes an Suchmaschinen ausgeben“. Hinzu kamen steigende Lohnkosten. Orwo versuchte, dem mit „konsequenten Sanierungsbemühungen“ entgegenzutreten. Doch die angestrebte Übernahme von reinen Internetfirmen scheiterte „an überzogenen Preisvorstellungen der Verkäufer“, berichtet Köhler. Hinzu kam die Covid-Krise. Zwar verbuchte Orwo im Dezember 2020 mit mehr als zehn Millionen Euro „den höchsten Monatsumsatz seit 2002, ein Wahnsinn“.

Endlich mehr Zeit für das Hobby
Der Betrieb investierte in eine vollautomatische Verpackungsmaschine und eine App mit künstlicher Intelligenz. Doch entgegen den Erwartungen hielt der Boom nicht an. Urlaubsreisen unterblieben pandemiebedingt, folglich reduzierten sich die Erlöse etwa durch Fotobücher massiv. Zuletzt kam Orwo auf einen Jahresumsatz von gut 30 Millionen Euro, rutschte aber in die negativen Zahlen. „Wir haben uns bis zum Schluss intensiv bemüht“, erinnert sich Köhler. Vergeblich. Er geht davon aus, dass mit dem neuen Eigentümer, der 150 der 250 Angestellten übernommen hat, strukturelle Veränderungen anstehen, etwa in der Verwaltung. Dafür dürften die Rheinländer in einigen Segmenten den Umsatz von bisherigen Lieferanten hin zu Orwo verlagern. Das hiesige Werk soll zum europäischen Leitstandort für Fotoprodukte ausgebaut werden – „mit Fokus auf Qualität, Digitalisierung und Nachhaltigkeit“, so die Kölner, die nach eigenen Angaben mehr als 1000 Menschen beschäftigen und Standorte unter anderem in Lettland, Polen, Dubai, Vietnam und den USA betreiben. Die Zeit der Veränderungen dürfte dort nicht vorbei sein. „Die aus der analogen Fotografie kommende Silberhalogenid-Technologie konkurriert inzwischen mit der kostengünstigeren Digitaldrucktechnik.“ Für Wolfen bedeutet das nach Einschätzung von Köhler, dass in den nächsten Jahren weitere Investitionen nötig werden. Die Entwicklung von analog zu digital sei eine Art Blaupause für den zu erwartenden Wandel durch die künstliche Intelligenz.

Köhler wird das weiter aufmerksam beobachten, wenngleich er keine Anteile mehr an Orwo hält. Gleichwohl hat er nun mehr Zeit für sein großes Hobby. Der verheiratete Vater von drei Kindern gehört zu den erfolgreichsten deutschen Schachspielern im Amateurbereich. So wurde er etwa bei der Seniorenweltmeisterschaft im nordmazedonischen Struga 2023 Mannschaftsweltmeister. Vor zwölf Jahren gründete er den Verein Kinderschach in Deutschland und vor neun Jahren die Schachstiftung GK, um möglichst vielen Kindern das Spiel nahezubringen. Beim Schach, sagt er, seien regelmäßig Entscheidungen unter Unsicherheit zu den Handlungen des Mitspielers in komplexen Situationen zu treffen. Und wenn das Ergebnis beziehungsweise die Entscheidung nicht so gut sei, „muss man trotzdem versuchen, das Beste daraus zu machen, zu seinen Entscheidungen zu stehen, zu kämpfen und nach Niederlagen wieder aufzustehen.“ Was ja auch in der Welt der Wirtschaft gilt.

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