Suche
Suche

„Ich hatte nie Angst vor einer Apple-Watch

Kim-Eva Wempe, Inhaberin von Deutschlands größtem Juwelier, erklärt im Interview, warum der Verkauf von Uhren und Schmuck ohne Niederlassung nicht geht und was Dresden als Standort so attraktiv macht.

Lesedauer: 6 Minuten

Eine Frau schaut freundlich in die Kamera
„Man merkt den Menschen an, wenn sie das wirklich aus Leidenschaft machen“, sagt Kim-Eva Wempe, die Inhaberin von Deutschlands größtem Juweliergeschäft. Foto: Jürgen Lösel

Von Nora Miethke

Dresden. Frau Wempe, Sie haben nahezu sieben Millionen Euro in den Umbau ihrer Niederlassung in Dresden investiert. Andere bauen dafür ganze Fabriken. Was ist so teuer?
Das ist leider korrekt. Ich habe die Abschlussrechnung noch nicht vollständig vorliegen. Aber vorweggesagt, goldene Armaturen gibt es bei uns nicht.

Sondern?
Ein Juweliergeschäft zu bauen ist etwas anderes als eine Modeboutique. Ich stehe zu jedem Euro, den wir ausgegeben haben. Bei früheren Bauprojekten standen mir 80 Prozent der Investitionssumme für die Innenausstattung zur Verfügung. Heute geht die Hälfte allein in den Rohbau. Extrem hoch sind die Sicherheitskosten. Die Sicherheitsgläser sind unglaublich aufwendig in der Herstellung, wenn man wie wir die oberste Sicherheitsstufe haben möchte. Jede Vitrine, jedes einzelne Schloss ist mit Elektrik verbunden und wird mit einem Transponder geöffnet. Bei Klimaanlagen nähern sich die Kosten einer Million. Der Grund ist die Vergrößerung der Verkaufsflächen einzelner Niederlassungen – meist über zwei oder drei Etagen hinweg. In Dresden haben wir die Fläche verachtfacht. Es werden leistungsfähigere Anlagen benötigt. Aber wir brauchen sie, da aus Sicherheitsgründen die Fenster nicht geöffnet werden dürfen. Intern sprechen wir davon, dass wir für die Kundinnen und Kunden ein kleines Grünes Gewölbe nachempfunden haben.

Wie muss man sich das vorstellen?
Gutes Essen funktioniert auch nicht ohne gute Zutaten. Für eine unkonventionelle und überraschende Ausstrahlung bedarf es guter Materialien. Da müssen Oberflächen schon aus echtem Stein sein und die Stufen der Treppen sowie die Handläufe aus massivem Holz. Sie spüren das beim Anfassen.
Unsere Architektin hat zum Beispiel den Baum selbst gesucht, aus dem das Holz für die Wandvertäfelungen ist. Sie hat überall großzügige Sichtachsen geschaffen. Unsere Kunden sind begeistert. Ich investiere langfristig, nicht für die nächsten fünf, sondern für 20 Jahre. Da rechnet sich die Investition.

Was macht den Standort langfristig für Wempe so attraktiv?
Das zeigt unsere Geschichte. Wempe ist jetzt 147 Jahre am Markt, die Kunden vertrauen uns. Wir sind in den deutschen Großstädten zu Hause und Dresden ist nun wirklich eine internationale Großstadt. Sie hat das historische Fassadenbild vom Neumarkt, die Frauenkirche, die Semperoper. Aber die Stadt hat auch Zukunftsaussichten, Stichwort Silicon Saxony.
Wir treffen auch einmal Entscheidungen gegen eine Stadt wie etwa Mannheim. Aber bei Dresden habe ich die volle Zuversicht, dass es hier ein Wachstum geben wird für die Stadt und für die Menschen.

Kommen in Dresden vor allem Touristen in Ihre Niederlassung oder Dresdner?

Unsere Zielgruppe ist vor allem der lokale Kunde. Wir stellen das Sortiment so zusammen, dass es für jeden etwas bereithält. Ich versuche aber nicht, einen Saphir für 1.000 Euro zu verkaufen. Der Stein ist dann fast schwarz und entspricht nicht unseren Qualitätsstandards. Zu uns kommen die Kunden, wenn sie wertbeständige Objekte kaufen wollen. Der Anteil der Touristen ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich. In München kommen einige zu uns, in Hamburg nicht so sehr. Anders als in Dresden, da hatten wir schon immer einen guten internationalen Kundenanteil. Fast zehn Jahre waren auch viele Asiaten da. Doch aufgrund der Pandemie blieben sie weg. Der erwartete Umsatzeinbruch ist glücklicherweise nicht eingetreten.

Wie hat Wempe es geschafft, das auszugleichen?
Ja, wir waren auch ganz erstaunt. Wir konnten den Umsatzrückgang dank deutscher Kunden auffangen. Als die Menschen in der Corona-Pandemie nicht mehr reisen konnten, entschieden viele, wieder mehr in der Heimat zu kaufen. Früher haben sie das aufgrund der Rückerstattung der Mehrwertsteuer auch gerne in Nicht-EU-Ländern getan. Da bekamen wir viele Uhren zu sehen, die nicht bei uns in Deutschland gekauft worden waren. Viele Kunden sind auch nach Ende der Pandemie bei uns geblieben, denn die Umsätze sind nicht wieder zurückgegangen. Das ist eine sehr schöne Entwicklung.

Und wie sieht es in Dresden aus?
Da steigt unser Umsatz mit den Dresdnern und Dresdnerinnen. An der Frauenkirche haben wir einen wunderschönen Standort. Unser Geschäftsführer Ralf Pfeifer lässt sich viel einfallen, die Kunden für unser Geschäft und unsere Produkte zu begeistern. Seit wir die Türen geöffnet haben, merken wir, dass Dresdnerinnen und Dresdner, die vorher in anderen deutschen Niederlassungen gekauft haben, sich in den neuen Räumlichkeiten umschauen. Die Ausstrahlung wirkt in dem erhofften Maße. Der Umsatz hat sich in den ersten Monaten verdoppelt. Wir sind gespannt, wie die Entwicklung weitergehen wird.

Wempe in Dresden möchte auch jüngere Kunden erreichen. Gibt es da Unterschiede bei den Vorlieben?
Wir beschäftigen uns auch intensiv mit der jüngeren Generation. Als ich 2003 das Unternehmen von meinem Vater übernommen habe, gab es noch keine Smartphones. Alles war auf Printwerbung ausgerichtet. Die Kanäle, in denen die Marke wahrgenommen wird, haben sich seitdem vervielfacht. Dresden ist zum Beispiel die erste Niederlassung mit der neuen Schaufenstergestaltung. Wir zeigen mehr Objekte dank einer Inszenierung auf drehbaren Bühnen. Durch die offene Schaufenstergestaltung können die Kundinnen und Kunden in die Geschäftsräume hineinschauen. Das macht neugierig. Die Hemmschwelle, das Geschäft zu betreten sinkt. Ich hätte nicht gedacht, dass wir das hinbekommen. Aber es ist in Dresden gelungen. Das liegt natürlich an unserem Geschäftsführer Ralf Pfeifer, der mit seinem Team am Zugang zu der nächsten Zielgruppe arbeitet. Die Zusammenarbeit mit Dynamo Dresden ist nur ein Beispiel.

Wie hat sich die Anzahl der Mitarbeitenden erhöht und auf welche Kompetenzen achten Sie?

Die Zahl der Beschäftigten ist um vier auf 15 gestiegen. Ziel sind 19 Mitarbeitende. Wir haben nicht alle in Dresden gefunden, sondern auch Menschen aus unserem Nachwuchspool für Dresden gewinnen können. Ein Mitarbeiter ist mit seiner Familie von München nach Dresden gezogen und findet die Lebensqualität hier toll. Ich suche immer ein Team mit unterschiedlichen Persönlichkeiten. Empathie ist uns wichtig. Ich wünsche mir Menschen, die morgens um zehn im Geschäft stehen und sagen: So, jetzt geht die Türe auf, jetzt kommen hier Kunden und Kundinnen zu uns herein, die kann ich beraten, das ist einfach meine Bühne. Wer auf unsere Karriereseite schaut, erkennt schnell, ob er ins Team passt oder nicht. Unsere Übernahmequote bei den Auszubildenden liegt übrigens bei 90 Prozent. Und darauf sind wir sehr stolz.

Wempe hat in Glashütte eine Ausbildungsstätte für Uhrmacher. Produzieren Sie dort auch?
Als wir überlegten, eigene Uhren zu produzieren, war schnell klar, das machen wir in Glashütte, nicht im Schwarzwald. 2005 haben wir im Januar das Grundstück am Ochsenkopf mit der alten Sternwarte gekauft. Das Gebäude neben der Sternwarte haben wir neu gebaut und inzwischen einmal aufgestockt. Es gibt 24 Ausbildungsplätze dort, derzeit sind zwei unbesetzt.

In Glashütte herrscht starker Wettbewerb um die Nachwuchstalente. Spüren Sie das?
Nachwuchs zu finden, ist für alle eine Herausforderung. Handwerksberufe sind wieder gefragt in Deutschland, das ist wunderbar. Ich lasse gerade das Dach unseres Firmensitzes sanieren und die Dachdecker sind so stolz auf ihren Beruf. Man merkt den Menschen an, wenn sie das wirklich aus Leidenschaft machen. Es gibt auch mehr junge Bewerber und Bewerberinnen für Uhrmacherlehren, aber einige möchten leider nicht nach Glashütte.

Und wie bekommen Sie sie dorthin?
Wir bieten ihnen im ersten Jahr einen gemeinsamen Wohnraum. Dann lernen sie sich kennen, haben eine Wohngemeinschaft und kommen erst mal richtig an. Es ist wichtig, an die jungen Menschen zu denken, wie es ihnen geht und was man für sie tun kann. Und dann haben wir eine tolle Ausbilderin. Elisabeth Gläser fordert sie zu Höchstleistungen heraus, aber das macht sie in einer Art und Weise, dass die Azubis sehr stolz sind auf das Geleistete. So entsteht eine gute Stimmung.
Aber natürlich konkurrieren wir dort untereinander um die Arbeitskräfte. Es muss fair bleiben und hilft nicht, wenn wir uns durch immer höhere Gehälter die Bewerber und Bewerberinnen gegenseitig abjagen. Am Ende gewinnt viel mehr, dass jede Firma ihre eigene Atmosphäre hat.

Liegt es auch am „rechten“ Image von Sachsen, dass Sie Probleme haben, junge Leute für Glashütte
zu gewinnen?

Nein, das ist nicht der Fall.

Wie ist die Entwicklung in Leipzig? Gibt es dort auch Erweiterungspläne?
Mein Geschäftsführer Peter Peters ist 1991 nach Leipzig gegangen und er möchte die Niederlassung auch gerne vergrößern. Wir suchen seit eineinhalb Jahren nach einem geeigneten Standort. Das Problem ist, wir sind schon in der besten Lage, in der Mädlerpassage. Für Wempe zählt nicht alleine die Größe der Verkaufsfläche, der Standort muss auch passen. Wir können warten.

Merken Sie auch in Leipzig, dass die Kunden wieder mehr in der Heimat kaufen?
Ja. Auch Leipzig ist eine wachsende Stadt und attraktiv für junge Leute. Das sehen wir an unseren Bewerbungen. Mein Vater hatte noch Probleme, Geschäftsführer und Geschäftsführerinnen für Sachsen zu finden. Jetzt ist die Nachfolge gar kein Problem.

Warum setzen Sie auf stationären Handel in Zeiten, wo dieser immer mehr ins Internet verschwindet?
In der Branche des Juweliers zählen immer Emotionen. Deshalb hatte ich nie Angst vor einer Apple Watch. Wempe erreicht Menschen, die das Handwerk des Uhrmachers oder Goldschmieds schätzen. Sie erfreuen sich an einem besonderen Schmuckstück oder an einer mechanischen Uhr. Beides trägt man den ganzen Tag bei sich und ist auch bereit, dafür etwas mehr Geld auszugeben. Menschen möchten sich mit schönen Dingen schmücken, das ist seit etwa 100.000 Jahren so und wird nicht aufhören. Schmuck und Uhren möchte man anprobieren, die lässt man sich nicht einfach zuschicken. Zur Enttäuschung meiner digitalaffinen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen setze ich nicht stark auf einen Onlineshop. Meine Devise ist: Wir brauchen eine informative hervorragende Website mit gutem Storytelling.

Ist der Kauf von Uhren und Schmuck krisenfest oder spüren Sie die zunehmende Verunsicherung?
Wir merken, dass wir sehr viel mehr dafür tun müssen, in den Menschen die Freude auszulösen, etwas haben zu wollen. Ich muss ab und zu an die Situation nach dem 11. September 2001 in New York denken. Damals hat in New York kaum jemand etwas gekauft. Eines Tages rief mich mein Geschäftsführer Rüdiger Albers an und erzählte mir, dass die Händler in New York begriffen hätten , „wenn ich bei dir nichts kaufe und du bei mir nichts, dann müssen wir auch nicht weiter in New York sein“. So sterben Innenstädte aus. Um das zu verhindern, sollten wir investieren und den Mut haben, Lösungen zu suchen.

Das könnte Sie auch interessieren: