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Infineon-Chef über 5-Milliarden-Investition und 1000 Jobs: Dresden wird zum Leuchtturm

Sachsen steht im Zentrum eines milliardenschweren Ausbaus der Halbleiterindustrie. Im Interview spricht Infineon-Chef Jochen Hanebeck über die Bedeutung des Standortes Sachsen und die Rolle von Fördermitteln - und ob er denkt, dass die KI-Blase platzt.

Lesedauer: 7 Minuten

Jochen Hanebeck, Vorstandsvorsitzender der Infineon Technologies AG. Quelle: Peter Kneffel/dpa

Ein Interview von Nora Miethke

Dresden. Fünf Milliarden Euro investiert die Infineon Technologies AG in ihre vierte Chipfabrik in Dresden mit 1000 neuen Arbeitsplätzen. Es ist die größte Einzelinvestition in der Unternehmensgeschichte. Zudem ist der Dax-Konzern auch am Gemeinschaftsunternehmen ESMC mit Taiwans Chipgiganten TSMC beteiligt, das gleich in der Nachbarschaft ein Halbleiterwerk für zehn Milliarden Euro hochzieht. Vorstandschef Jochen Hanebeck kennt Dresden gut. Er hat zwei Jahre dort gelebt. Kurz vor dem Start der Smart Power Fab hat diese Zeitung mit ihm über die Perspektiven des sächsischen Halbleiterstandorts gesprochen.

Herr Hanebeck, am 2. Juli eröffnet Infineon Technologies seine vierte Fabrik in Dresden – früher als erwartet. Sind es Wochen oder gar Monate früher?

Ursprünglich hatten wir die Eröffnung für den Herbst 2026 geplant. Jetzt sind wir im Frühsommer schon so weit. Das ist ein wichtiges Zeichen, dass in Deutschland Großprojekte zeitgerecht fertig werden können – dickes Dankeschön an die Mannschaft in Dresden. Auch die Unterstützung, die wir von der Stadt und vom Land bekommen, ist wirklich vorbildlich. Da sieht man, was möglich ist, wenn alle an einem Strang ziehen.

Die Genehmigungsbehörden in Dresden sind bei der Chipindustrie ein eingespieltes Team. Der sächsische Wirtschaftsminister verspricht, diese Schnelligkeit auch für Investitionsprojekte kleinerer Unternehmen erreichen zu wollen. Kann die Umsetzung der Smart Power Fab eine Blaupause für den Wirtschaftsstandort Deutschland sein?

Natürlich hilft es, wenn Abläufe eingespielt sind. Das ist bei den Behörden mit Blick auf die Chipindustrie in Sachsen der Fall. Nicht nur Infineon, auch andere Unternehmen im Silicon Saxony profitieren davon. Damit ist die Smart Power Fab auch ein Leuchtturmprojekt für Deutschland. Wir müssen in Deutschland die Transformation aktiv angehen. Dafür ist die Chipindustrie in Sachsen ein außerordentlich gutes Beispiel. Es kommt ja das eine oder andere Ökosystem in Deutschland gerade unter Druck. Hier entsteht ein neues. Wir sollten nicht versuchen, zu lange an Ökosystemen festzuhalten, die nicht zukunftsfähig sind.

Welche Ökosysteme unter Druck meinen Sie konkret?

Aus meiner Sicht ist wichtig, dass die Politik im Sinne der Zukunftsfähigkeit unserer Volkswirtschaft Prioritäten festlegt. Es ist sehr wichtig, gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, und da gibt es einiges zu tun. Darüber hinaus müssen wir uns aber auch darüber klar werden, auf welche Zukunftsindustrien wir aus Gründen der wirtschaftlichen Sicherheit und Unabhängigkeit auf jeden Fall setzen wollen. Die Mikroelektronik gehört aus meiner Sicht dazu, weil sie für viele andere Industrien unentbehrlicher Zulieferer und Innovationstreiber ist, aber darüber hinaus gibt es natürlich auch weitere Zukunftsindustrien. Die Politik muss entsprechende Akzente setzen. Das passiert bereits zu einem gewissen Maß über den European Chips Act oder die IPCEI-Projekte von überragendem europäischem Interesse. Natürlich braucht es Mut, diese klaren Prioritäten festzulegen.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Infineon-Vorstandsvorsitzender Jochen Hanebeck, Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (v.l.n.r.) beim virtuellen Spatenstich im August 2024.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Infineon-Vorstandsvorsitzender Jochen Hanebeck, Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (v.l.n.r.) beim virtuellen Spatenstich im August 2024.
Quelle: Veit Hengst

Mit der neuen Fab in Dresden sind 1000 zusätzliche Arbeitsplätze verbunden. Wie schwierig war es im Vergleich zu früheren Jahren, diese Arbeitsplätze zu besetzen?

Ingenieure rekrutieren wir aus ganz Europa. Wir haben kein Problem damit, diese sehr attraktiven Arbeitsplätze zu besetzen. Bei den Instandhaltern und Mechatronikern, die wir lokal rekrutieren, wird es schon anspruchsvoller. Sie sind extrem wichtig, weil wir die Maschinen 24 Stunden, 365 Tage im Jahr am Laufen halten müssen. Da bemühen wir uns darum, Ausbildungsplätze zu schaffen. Infineon hat bereits zwischen 2023 und 2025 die Auszubildenden eingestellt, die in diesem Bereich über die kommenden Jahre benötigt werden. Klar wird es am Arbeitsmarkt erst einmal etwas kuscheliger für die Unternehmen, wenn so viele Chip-Fabriken in Dresden gebaut oder erweitert werden. Da kommt das Ökosystem auf kurze Sicht unter Stress. Aber am Ende profitieren alle davon, wenn das Ökosystem insgesamt größer geworden ist.

Wir haben das Jahr 2026. Nächstes Jahr will auch ESMC mit der Produktion starten. Beim Ausbildungszentrum ist bislang nur die Finanzierung gesichert. Wie zufrieden sind Sie mit dem Tempo der Umsetzung?

Zum Ausbildungszentrum gab es zunächst Diskussionen, die sich teilweise auch nachvollziehen lassen. Ich habe großes Verständnis und großen Respekt davor, welche Anstrengungen das Land Sachsen und die Stadt Dresden für die Halbleiterindustrie unternehmen. Das ist nicht selbstverständlich. Auf der anderen Seite ist das ein enormes Wirtschaftspotenzial, was hier nach Sachsen geholt wird. Das wird sich mit Sicherheit langfristig für alle ausbezahlen.

Zur Person

Jochen Hanebeck ist seit 2016 Mitglied des Vorstands der Infineon Technologies AG. Seit 2022 ist er Vorstandsvorsitzender. Sein Vertrag wurde vor wenigen Wochen bis zum Jahr 2032 verlängert.

Der gebürtige Dortmunder (Jahrgang 1968) hat ein Diplom in Elektrotechnik der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Seit 1994 ist er bei Infineon (bis 1999 Siemens AG) und hat damit sein gesamtes bisheriges Berufsleben bei Europas größtem Halbleiterhersteller verbracht.

Eine seiner ersten Führungsstationen war die Leitung der DRAM Technologieentwicklung am Siemens Microelectronics Center (SIMEC) in Dresden von 1997 bis 1999.

Wie wichtig ist eine englischsprachige Ausbildung, die Sachsen als Pilotprojekt vorantreiben will?

Unser Fokus liegt erst mal auf der Region, und wir hoffen, durch die wirklich guten Angebote zusammen mit dem Ausbildungszentrum den Bedarf decken zu können. Wenn wir hier nicht ausreichend Arbeitskräfte bekommen, werden wir uns überregional und dann auch international umschauen müssen. Dann wird perspektivisch Englisch als Ausbildungssprache wichtig werden. Englisch ist schon heute der Standard in unserer Industrie.

Sie haben wiederholt betont, dass die Fab genau zum richtigen Zeitpunkt an den Start geht. Warum?

Es kommen einige Faktoren zum richtigen Zeitpunkt zusammen. Es stand immer fest, dass die Fab Leistungshalbleiter und Analog/Mixed-Signal-Produkte für automobile und industrielle Anwendungen fertigen soll. Bei industriellen Anwendungen hatten wir das Thema Künstliche Intelligenz (KI) mit im Blick. Wir fertigen Produkte, mit denen wir in Rechenzentren den Stromfluss vom Netz bis zum Prozessor ermöglichen. Genau dieser Bereich boomt jetzt. In diesem Geschäft sehen wir innerhalb von drei Jahren eine Verzehnfachung des Umsatzes auf zweieinhalb Milliarden Euro Umsatz 2027. Das passt perfekt mit den Ausbauplänen in Dresden zusammen. Aber die Fabrik wird auch andere Märkte beliefern, etwa den Automobilmarkt.

Könnte es auch eine KI-Blase werden, die platzt?

Ich gehe davon aus, dass das Wachstum in den nächsten Jahren anhalten wird. Ganz einfach, weil sich immer mehr Länder und Regionen – ob China, Indien, der Vordere Orient oder Europa – darüber im Klaren werden, dass KI zur Infrastruktur eines jeden Landes gehört. Genau wie ein Stromnetz.

Inwiefern wird die starke KI-Nachfrage den Hochlauf der neuen Fab beschleunigen?

In Dresden werden wir nicht nur für Europa produzieren, sondern für den Weltmarkt. Die Erweiterung entspricht einer Verdopplung unserer Kapazität in diesem Feld und einem Umsatzpotenzial von fünf Milliarden Euro. Wir sind also sehr gut aufgestellt, unsere Position im Bereich der Leistungshalbleiter für KI-Rechenzentren weiter auszubauen. Von den fünf Milliarden Investitionssumme sind bereits rund zwei Milliarden in den Bau der Infrastruktur und die Automatisierung geflossen. Die weiteren drei Milliarden sind für Anlagen bestimmt. Wir bestellen schon jetzt Maschinen für den weiteren Hochlauf 2027, um dann den angestrebten Umsatz zu erreichen. Wie es in den Folgejahren aussieht, kann ich heute noch nicht genau sagen.

Infineon ist mit zehn Prozent an ESMC, dem Gemeinschaftsunternehmen mit TSMC in Dresden, beteiligt. TSMC bringt erstmals seine neue Technologie für die nächste und übernächste Chipgeneration nach Europa. Wie profitiert Infineon davon?

Es gibt nicht den einen Halbleiter, sondern eine Vielzahl von Halbleitern, die sich über die Zeit in sehr unterschiedliche Richtungen entwickelt haben. Ich beschreibe die Halbleiterindustrie gern als Baum mit vielen Ästen. Ein zentraler Ast umfasst Halbleiter auf kleinen Strukturgrößen, darunter auch Hochleistungsprozessoren. Andere umfassen beispielsweise Leistungshalbleiter und Sensoren. Um elektronische Systeme, sei es im Auto, im Bereich erneuerbare Energien oder in der KI, bauen zu können, brauchen sie aus all diesen Ästen Halbleiter und Innovationen. Die Smart Power Fab von Infineon konzentriert sich auf Leistungshalbleiter und Analog/Mixed-Signal-Halbleiter. Die ESMC-Fabrik hingegen wird Chips in 28- bis 12-Nanometer-Technologien produzieren, also zum Beispiel Mikrocontroller. Diese Technologien sind eine tolle Ergänzung. Das führt dazu, dass wir insgesamt resilienter werden in Europa.

Infineon versteht sich als Treiber von Dekarbonisierung und Digitalisierung. Momentan legt die Politik beim Ausbau der regenerativen Energien den Rückwärtsgang ein. Gilt das auch für Ihre Kunden?

Wir sehen in vielen Ländern aufgrund der großen Nachfrage im Bereich KI, aber auch wegen teilweise veralteter Stromnetze und der Anforderungen der Erneuerbaren in der Energieerzeugung einen hohen Investitionsbedarf in Stromnetze. Das merken wir auch in unserer Geschäftsentwicklung. Erneuerbare Energien haben unter anderem einen großen Vorteil: Sie können in fast jedem Land ausgebaut werden und damit die Abhängigkeit von Energieimporten reduzieren. Ich könnte mir vorstellen, dass hier noch mal ein Umdenken stattfindet, wenn wir sehen, welche Auswirkungen der Krieg in der Golfregion auf die Energiepreise hat.

Die Zehn-Milliarden-Euro-Investition von ESMC in Dresden wird zur Hälfte aus Subventionen bezahlt. Auch Infineon erhält rund eine Milliarde Euro an Fördermitteln. Die finanzielle Lage im Bund wie im Land Sachsen ist schlecht. Wann erreicht ein Standort wie Dresden einen Stand, dass er neue Investoren anlockt ohne Subventionen?

Das ist zunächst einmal eine Frage der Größe. Wenn man mit dem Aufbau eines Clusters anfängt, sind neue Fabriken deutlich im Nachteil. Die Halbleiterindustrie rückt aber auch geopolitisch immer mehr in den Fokus. Dadurch gibt es einen globalen Wettlauf um Förderungen, dem wir uns als Unternehmen stellen müssen. Ich investiere sehr gern in Europa, in Deutschland, in Sachsen, aber ich muss auch die Rahmenbedingungen beachten. Es ist kein Geheimnis, wir hätten attraktive Förderung auch in anderen Regionen der Welt bekommen für die Smart Power Fab. Aber wir haben uns für Dresden entschieden wegen Skaleneffekten, wegen der Kompetenz unserer Mitarbeiter, weil wir an das Ökosystem glauben und weil wir natürlich auch unseren Beitrag zur Resilienz in Europa leisten wollen.

Sachsen kämpft mit dem Strukturwandel in der Automobilindustrie. In der Region Chemnitz und Zwickau wächst die Erwartung, dass Politik und Wirtschaftsförderung dafür sorgen sollen, dass Silicon Saxony bis nach Chemnitz ausstrahlt. Was ist da realistisch und was nicht?

Nehmen wir Freiberg auf halber Strecke nach Chemnitz: In der Stadt gibt es eine hohe Materialkompetenz. Also bis dahin reicht das Silicon Saxony schon. Darüber hinaus kann ich das nur bedingt bewerten. Es gibt Firmen, die wir als Zulieferer und Partner gern in unmittelbarer Nähe zum Standort hätten. In anderen Bereichen ist eine gewisse räumliche Distanz kein Problem. Insofern kann ich mir eine weitere Ausstrahlung schon vorstellen. Aber am Ende entscheiden andere Unternehmer, wo sie hingehen und wo sie die richtigen Standortfaktoren vorfinden.

Im März tagte der Innovationsbeirat Sachsen zum Thema „Chips for Defense“. Ihr Amtsvorgänger, Herr Ploss, ist jetzt neues Mitglied in dem Innovationsbeirat. Wird Infineon in Dresden auch Chips für Verteidigungstechnologien herstellen?

Wir haben eine klare Position. Wenn wir unsere Freiheit und unseren Wohlstand verteidigen wollen, dann müssen wir wieder mehr in die Verteidigung in Europa investieren. Insofern sind wir dort als Unternehmen auch konsistent und öffnen unser Portfolio für Kunden, die in der Verteidigungsindustrie aktiv sind, vor allen Dingen in Europa.

Globalfoundries hat angekündigt, mit Partnern eine rein europäische Lieferkette für Chips für Sicherheitsprodukte und kritische Infrastrukturen anbieten zu wollen. Ist das überhaupt heute darstellbar?

Wenn Sie sich an den Halbleiterbaum erinnern: Es wird herausfordernd sein, alle technologischen Äste zu besetzen. Vollständige Autarkie wird in keiner Region wirklich erreichbar sein, auch nicht im Bereich der Verteidigung. Was möglich ist: einseitige Abhängigkeiten zu vermeiden. Dazu kann jede Chipfabrik in Sachsen oder Europa einen Beitrag leisten.

Sie haben in Dresden gelebt. Wenn Sie jetzt in die Stadt kommen, was ist für Sie die größte Veränderung, die Sie wahrnehmen?

Dresden ist eine wunderschöne Stadt. Ich selbst habe hier zwei Jahre glücklich gelebt. Das Stadtbild und die Umgebung von Dresden sind einzigartig. Und ich freue mich bei jedem Besuch, wenn ich wieder Elemente sehe, die zeigen, wie es mit der wirtschaftlichen Entwicklung vorangeht. Ich hoffe, dass die Menschen hier das auch so wahrnehmen.

SZ

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