Leipzig/Dresden. London, Barcelona oder Amsterdam: Wer heute von Sachsen in europäische Metropolen fliegen will, benötigt Zeit für Umstiege – oder nutzt Bahn oder Auto, um gleich ab Berlin oder Frankfurt zu starten. Bekannte Ziele sind in den vergangenen Jahren von den Anzeigetafeln verschwunden. Und spätestens, seitdem Ryanair die Verbindung Leipzig–London einstellte und sich Wizz Air zurückzog, ist klar: Das Angebot an den sächsischen Flughäfen steht erheblich unter Druck. Strecken fallen weg, neue kommen kaum hinzu. Neue Zahlen zeigen jetzt, wie tief der Einbruch der vergangenen Jahre sitzt. Zugleich hat der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) erneut gewarnt: Deutschland, und damit auch die kleineren Passagierflughäfen, verlieren den Anschluss.
Der Überblick
- Harte Landung: Die Zahlen der Krise
- Warum die Airlines Sachsen meiden
- Die Warnung der Branche: „Streichorgie“ und Kostenfalle
- Die Probleme der Branche
- Wann ist Besserung in Sicht?
Harte Landung: Die Zahlen der Krise
Vom Corona-Einbruch haben sich die sächsischen Flughäfen noch immer nicht erholt. Das zeigen Zahlen der Mitteldeutschen Flughafen AG: Leipzig/Halle verzeichnete 2025 insgesamt rund 2,12 Millionen Passagiere, 3,7 Prozent weniger als im Vorjahr. Gemessen am Vorkrisenniveau von 2019 liegt Leipzig/Halle bei 81 Prozent – es fehlt also fast jeder fünfte Passagier.
Dresden zählte im vergangenen Jahr 886.578 Passagiere, immerhin 0,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch das ist nur ein schwacher Trost. Der Vergleich mit der Zeit vor der Pandemie zeigt, dass Dresden nur noch 55,6 Prozent seiner alten Stärke erreicht: Damals waren es rund 1,6 Millionen Passagiere.
Zusammengerechnet fertigten beide Standorte im vergangenen Jahr rund drei Millionen Fluggäste ab. Im Vergleich zu 2019 fehlen über 1,2 Millionen Menschen pro Jahr. Während bundesweit die Passagierzahlen leicht um 3,6 Prozent stiegen, rangieren Sachsens Airports weit unter dem Schnitt.
Warum die Airlines Sachsen meiden
Den Passagierrückgang in Leipzig/Halle erklärt der Airportbetreiber mit dem Wegfall und der Reduzierung touristischer Verbindungen. „Auf diesen entfallen rund drei Viertel aller Passagiere am Flughafen Leipzig/Halle. So wurden im Vergleich zum Vorjahr 2025 keine Verbindungen nach Kroatien, Marokko und in die Vereinigten Arabischen Emirate angeboten. Zugleich reduzierte sich das Angebot nach Ägypten“, erklärt Sprecher Uwe Schuhart. Dresden profitierte zwar von mehr Urlaubern Richtung Mittelmeer, doch geriet der Linienverkehr unter Druck, etwa durch den Wegfall der Verbindungen Dresden–Amsterdam (KLM) und Dresden-Palma de Mallorca (Ryanair).
Die Warnung der Branche: „Streichorgie“ und Kostenfalle
Ein schwächelnder Luftverkehr ist kein sächsisches Phänomen. Der BDL zeichnet ein klares Bild: „Während in Europa so viel geflogen wird wie nie zuvor, bleibt Deutschland weiter abgekoppelt vom Luftfahrt-Boom“, sagt Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. Beim Angebot, gemessen an den angebotenen Sitzplätzen, erreichte Deutschland nur rund 89 Prozent des Niveaus von 2019.
Leipzig und Dresden, erklärt Lang auf Nachfrage, litten darunter, „dass die Verbindungen zu ihnen gestrichen werden“. Allein in der Lufthansa Group gab es im vergangenen Jahr 24 Streichungen, betroffen waren auch die Strecken München-Leipzig oder Düsseldorf-Leipzig. „Wir haben eine echte Streichorgie im Inland erlebt“, sagt Lang.
Die Probleme der Branche
Erstens: Die Kosten. Einer Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) zufolge sind Standortkosten wie Luftverkehrsteuer, Sicherheits- und Flugsicherungsgebühren in den vergangenen Jahren um fast 40 Prozent gestiegen – deutlich stärker als der europäische Durchschnitt von 26 Prozent. Der BDL weist darauf hin, dass die Belastungen allein im vergangenen Jahr für den Luftverkehrsstandort Deutschland um 1,1 Milliarden Euro auf rund 4,3 Milliarden Euro gestiegen seien. In Dresden macht sich dies besonders bemerkbar: Der Airport Prag ist für Airlines inzwischen attraktiver, gibt es in Tschechien doch keine Luftverkehrssteuer.
Zweitens: Punkt-zu-Punkt-Airlines. Ryanair, EasyJet, Wizz Air – diese Gesellschaften treiben das Wachstum in Europa. In Deutschland jedoch liegt ihr Angebot fast 50 Prozentpunkte hinter der Entwicklung im übrigen Europa zurück. Sie machen einen Bogen um die hohen deutschen Gebühren.
Drittens: Flugzeugmangel und Reisegewohnheiten. Viele Konzerne setzen auf weniger Dienstreisen. Hinzu kommen Engpässe bei Maschinen und Personal – mit der Folge: Die Unternehmen setzen die Flüge dort ein, wo sie am meisten Rendite einfahren, und dabei ziehen Leipzig und Dresden mit ihrer Größe den Kürzeren.
Wann ist Besserung in Sicht?
Die Antwort ist, hört man sich in der Branche um, unbequem: Kurzfristig nicht. Die Bundesregierung hat im November Entlastungen bei der Luftverkehrsteuer beschlossen. Der BDL bewertet das als „richtigen ersten Schritt“, betont aber: „Damit Deutschland wieder am Wachstum teilhaben kann, müssen weitere Schritte folgen.“
Auch die Mitteldeutsche Flughafen AG betont mit Blick auf die Rahmenbedingungen: „Ein signifikantes Wachstum des Luftverkehrs in Deutschland ist derzeit nicht denkbar.“ Insofern sind mit Blick auf den kommenden Sommerflugplan keine großen Überraschungen zu erwarten. Immerhin: Neu ab Leipzig/Halle ist Bordrum, und ab Dresden gibt es mehr Mallorca-Flüge.


