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Maschinen für den Erdkern

Die SBS Bühnentechnik Dresden wird 150 – und ist rund um den Globus aktiv.
Lesedauer: 3 Minuten
Blick auf ein großes Metallobjekt, das den Erdkern simulieren soll.
Dieser mehrere Meter große Behälter wurde in den vergangenen Jahren in das Dresdner Dynamo-Experiment eingebaut. Es wird den flüssigen äußeren Erdkern simulieren. Generalauftragnehmer ist die SBS Bühnentechnik GmbH Dresden, die 2024 ein rundes Jubiläum feiert. Große Theaterbühnen sind das Kerngeschäft der Firma. Foto: HZDR/Frank Stefan

Von Peter Ufer

Dresden. Eine Höllenmaschine beginnt sich dieser Tage in Rossendorf zu drehen. Das jedenfalls sagt der Projektleiter im Helmholtz-Zentrum Dresden. Sächsische Wissenschaftler simulieren mit dem neuen Forschungsgerät den flüssigen Erdkern und wollen ergründen, wie dessen Magnetfeld entsteht und warum es sich derzeit verändert. Gebaut hat die weltweit einmalige Apparatur das Unternehmen SBS Bühnentechnik Dresden. Die Sachsen fertigten auch schon U-Boote, Aufzüge wie den von Bad Schandau zur Ostrauer Scheibe, die 173 Tonnen schwere Dachkonstruktion des Kirchenschiffes der Dresdner Kreuzkirche oder Metallwagen zum Aufrollen von Gartenschläuchen. Doch das alles ist schon lange her. Die Historie des Unternehmens reicht bis ins Jahr 1874 zurück, als es von zwei Schmiedemeistern als Stahl- und Metallbauunternehmen im Stadtteil Friedrichstadt gegründet wurde. 1912 lieferte und montierte das Unternehmen erstmals bühnentechnische Ausrüstungen für das neue Schauspielhaus in Dresden, was in der Historie der Firma als Zäsur gilt. Denn damit war ein wegweisender Schritt in Richtung Bühnentechnik eingeleitet worden. Heute plant und realisiert SBS mit 85 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern technische Anlagen samt Steuerung für Theater- und Opernbühnen auf allen Kontinenten und dem Meer. Das Kreuzfahrtschiff Ariva zum Beispiel hat seit 2022 eine Bühnenausstattung aus dem Hause SBS.
Wenn sich in einem Theater wie von Zauberhand Bühnen drehen oder kippen, wenn Kulissen nach unten gleiten, plötzlich wieder verschwinden, wenn Schauspieler aus dem Boden auftauchen, dann ist SBS Technik im Spiel. Geschäftsführer Christian Freimüller erklärt kurz und bündig: „Früher hieß es mal, die Techniker seien die Hausknechte der Kunst. Heute gleicht die Steuerung der Bühnentechnik eher dem Ausbau eines Passagierflugzeuges. Unsere Expertise liegt vor allem darin, dass sich mit unserer Technologie Drehbühnen, Podien und Kulissenzüge millimetergenau und sicher steuern lassen.“

Nach historischem Vorbild
Gerade sind der 47-Jährige und seine Kollegen dabei, die Modifikation eines historischen Gasometers zu einem Theater in Stockholm zu planen. Noch in diesem Jahr 2024 wird der neue Konzertsaal im Kieler Schloss fertig. In den Theaterferien diesen Jahres stattet SBS in der Semperoper die Orchesterpodien mit neuer Antriebstechnik und Steuerungssystemen aus. Schon während in den 1980er-Jahren die Fassade, das Foyer und der Zuschauerraum getreu dem historischen Vorbild von 1841 wiedererstanden, wurde der Bühnenbereich durch zwei Seitenbühnen von SBS wesentlich vergrößert. In den Jahren 1998-2000 erfolgte in drei Spielpausen eine umfangreiche Sanierung der Antriebs- und Steuerungstechnik aller bühnentechnischen Baugruppen.
In dem Opernhaus kennt sich deshalb nicht nur Christian Freimüller bestens aus, sondern vor allem sein Vater Manfred. Er arbeitet seit über 50 Jahren in dem Betrieb, begann 1973 im Konstruktionsbüro. Damals in der DDR hieß das Werk VEB Sächsischer Brücken- und Stahlhochbau Dresden und war Teil des Kombinates TAKRAF. „Wir konstruierten damals zum Beispiel Aufzüge für Fernsehtürme wie in Berlin und natürlich Dresden“, sagt der 74-Jährige. Schon nach dem Krieg hatte sich SBS weiter auf Bühnentechnik spezialisiert. Die realisierten Projekte lesen sich wie das Adressbuch der Kulturstätten der DDR und des Ostblocks.
Als sich zum Beispiel ab 1976 im Berliner Palast der Republik der große Zuschauerraum komplett verwandelte, das Publikum im Parkett hoch und runter schwebte, steckte Technik aus Dresden dahinter. Ab 1984 staunten die Gäste nicht schlecht, wie im Friedrichstadtpalast ein Wasserbassin auf die Bühne fuhr oder ein Eisparkett entstand. Die technischen Anlagen dafür stammten aus Sachsen. Das war auch jene Zeit in der DDR, wo jeder Betrieb Konsumgüter produzieren musste. Da stellte SBS den legendären Schlauchwagen her, mit dem bis heute viele Kleingärtner ihre Schläuche aufwickeln.
„Wir fertigten vor der Wende auch Drehscheiben und Podien für Auslandsgeschäfte der MAN aus der Bundesrepublik, zum Beispiel in Korea. Von dem Westpartner hörten wir immer wieder, dass wir nicht nur preiswerter, sondern vor allem besser produzieren würden als sie selber“, sagt Manfred Freimüller. Eine wichtige Expertise, denn darauf konnte er nach 1990 aufbauen. Zunächst wurde SBS in eine GmbH umgewandelt, wurde 1993 von der GEA AG aus Frankfurt am Main übernommen und gab die meisten Produktfelder ab. „Ab 1998 übernahmen leitende Mitarbeiter das Unternehmen wieder selbstständig“, sagt Manfred Freimüller, der dazugehörte. „Wir konzentrierten uns auf die Bühnen- und Inszenierungstechnik.“ Bei einer Umstrukturierung 2002 entstanden in der SBS-Gruppe auch eigene Sparten für Metall- und Steuerungstechnik und unter anderem Niederlassungen in Berlin, Shanghai und Hongkong. Inzwischen gehört das Dresdner Unternehmen zu den Weltmarktführern im Bereich Theaterbühnentechnik mit Referenzobjekten wie dem Konzertsaal in Luzern oder dem Royal Opera House in London.

Im Jahr 2002 gewann SBS den internationalen Ausscheid um das zu dieser Zeit größte Bühnentechnik-Projekt weltweit, das Chinesische Nationaltheater in Peking. Auf Peking folgten Städte wie Hangzhou, Henan und Wuhan, auf China folgten Russland, Vietnam, Litauen und Weißrussland, und das Teatro Colòn in Argentinien.
Am meisten schwärmt Manfred Freimüller von einem Projekt, das „Royal Opera House Muscat“ im Oman. „Wir statteten auf Wunsch des Sultans zwischen 2008 und 2011 dieses großartige Kulturhaus mit einer weltweit einzigartigen Bühnentechnik aus. Die große Herausforderung war die kombinierte Bühne für Opern- und Theateraufführungen einerseits und für Konzerte andererseits“, erklärt er. Mit der Technik aus Sachsen dauert es nur wenige Minuten, bis auf Knopfdruck alle Theateraufbauten verschwunden sind und ein fahrbares Konzertzimmer mit integrierter Orgel die Bühne ersetzt. Das Gewicht der beweglichen Konstruktion liegt bei 500 Tonnen. „Wir kennen uns also mit sogenannten Höllenmaschinen aus“, sagt Christian Freimüller, der 2013 die Geschäftsführung von seinem Vater übernahm und weiterhin die Welt der Bühnentechnik erweitert.

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